Sonntag, 18. August 2019

Hermann Langness Haudegen von der Waterkant

3. Teil: Harmloser Begriff, ernste Folgen

Bei der Rendite schließlich wagen auch die Statistiker keine Einschätzung. Doch klar ist: Im deutschen Lebensmittelhandel herrscht seit Jahren ein Verdrängungswettbewerb, der in Europa seinesgleichen sucht. Die Einkäufer feilschen mit den Lieferanten um die dritte Stelle hinter dem Komma, die Kunden halten ihr Geld zurück, die Margen sinken unaufhörlich. Wer ein Prozent Profit vom Umsatz erwirtschaftet, darf sich als Gewinner fühlen. Langness glaubt bezüglich der Erlöse zu wissen: "Kein Großflächen-Wettbewerber hat flächenbereinigt 2005 ein Plus gemacht."

Famila-Markt in Altenholz: Wie hebt man sich von der Konkurrenz ab?
Die brutale Konkurrenz führt dazu, dass die Liste der Händler, die aufgeben, immer länger wird. Kriegbaum, Mann, Viehof, Bremke: Alles Familien, die ihre Firmen verkaufen mussten, zumeist an Konzerne wie Metro oder Kaufland. Ereilt Bartels-Langness einmal das gleiche Schicksal? Für Marktforscher Herbert Kuhn von Trade Dimension sind die Kieler "ein potenzieller Übernahmekandidat, vor allem in Anbetracht der Nachfolgeproblematiken in Familienunternehmen".

Wie schwierig die Lage im Kerngeschäft Famila offenbar ist, indizieren interne Unterlagen, die manager-magazin.de vorliegen. Demzufolge wandte sich die Geschäftsführung vor zwei Jahren an die Belegschaft, sprach von wirtschaftlichen Einbrüchen – und händigte sogenannte "Freiwillige Erklärungen" aus. Ein harmloser Begriff dafür, dass die Verkäufer 7 Prozent länger und ohne Entgeltausgleich arbeiten, auf alle Zuschläge aus dem Tarifvertrag verzichten und die Jahresinventur unbezahlt durchführen sollen.

"Als Unternehmer kann man heute fast alles durchsetzen"

Andernfalls schwebte das Damoklesschwert der Kündigung über den Beschäftigten. Diese Prozedur wiederholte sich für 2006, auch für 2007 ist sie geplant. Steckt in Langness gar ein ruppiger Patriarch, der zuvorderst an der Personalschraube dreht? Langness sagt: "Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass ich arbeite, um Arbeitsplätze zu schaffen, aber wir fühlen uns für die geschaffenen Arbeitsplätze verantwortlich."

[M] DDP; DPA; mm.de
Von Siegern und Verlierern

Wer sind die Unternehmer im Lande? Wie haben sie ihre Firmen zum Erfolg geführt? Unter dem Titel "Deutschland, deine Unternehmer" stellt manager-magazin.de die Gestalter unserer Wirtschaft vor. Alle bereits erschienenen Porträts
Unternehmenskreise behaupten, dass 95 Prozent der Beschäftigten unterschrieben haben. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Verdi-Funktionär Ulrich Dalibor meint resignierend: "Als Unternehmer kann man heute beinahe alles durchsetzen". Der Gewerkschaftsmann weiß allerdings auch: Bartels-Langness ist kein Einzelfall, derlei Vorgehen in der Branche bestimmt fast schon die Tagesordnung.

Für Haudegen Langness bestätigt freilich die übergroße Zustimmung nur sein Bild von einer "kernigen Truppe, die gut mitzieht." Er bezeichnet Personalkosten als "per se nichts Schlechtes, entscheidend ist, was man dafür bekommt." Nun blitzen seine Augen wieder angriffslustig.

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