Reeder Stolberg Der unwillkommene Millionär

Niels Stolberg ist blond, smart und erfolgreich. Und einer, der sich aus normalen Verhältnissen zum Millionär hochgearbeitet hat. Teile seines Vermögens investiert der Reeder auf der Insel Spiekeroog - und erhitzt damit die Gemüter. Der Streit gipfelt in der Frage: Wie viel Macht darf ein reicher Zugezogener haben?

Spiekeroog - Auf Spiekeroog ist die Welt noch in Ordnung - hübsche Häuser mit gepflegten Gärten, autofreie Straßen, gesunde alte Bäume und weitläufige Strände. Der Dorfkern von Spiekeroog ist so idyllisch wie Hobbingen aus "Herr der Ringe", rund 750 Menschen haben auf dieser ostfriesischen Nordseeschönheit ihren Hauptwohnsitz. Manche von ihnen unterscheiden sehr genau zwischen Insulanern, also Menschen, die auf Spiekeroog geboren wurden, und Spiekeroogern, also zugezogenen Bewohnern.

In dieses Idyll, das auch frühere Bundespräsidenten wie Johannes Rau oder Gustav Heinemann schätzten, hat sich der Bremer Reeder Niels Stolberg vor acht Jahren verliebt. "Ich habe einen Ort gesucht, wohin sich meine Familie zurückziehen kann", sagt er. Stolberg schaute sich mehrere Inseln an. Er entschied sich für Spiekeroog. Im Dorf baute er sich vor sieben Jahren ein Haus - und, ganz Geschäftsmann, gleich ein paar Ferienwohnungen dazu. Dabei blieb es aber nicht. Leider, sagen manche auf der Insel. Glücklicherweise, sagen andere.

Auf dieser Insel kennt jeder jeden, man redet miteinander - und gern übereinander. Über Stolberg reden die Menschen besonders gern. Der Mann ist hier ein Dauerthema. Bei Geburtstagsfeiern, auf Veranstaltungen der zwei Schulen der Insel, bei den Geschäftsleuten sowieso. Und jedes Gespräch läuft auf Fragen hinaus wie: Bist du für oder gegen Stolberg? Wie viel darf ein Einzelner von einer Insel besitzen? Oder, allgemeiner: Wie viel Macht darf Geld haben?

Blond, smart und erfolgreich

Stolberg ist blond, smart und erfolgreich, einer, der gut reden kann und sich aus normalen Verhältnissen hochgearbeitet hat. Wie sein Vater fuhr er als Kapitän zu See, wollte aber höher hinaus, studierte Betriebswirtschaft und gründete schließlich, vor elf Jahren - damals war er gerade mal 34 Jahre alt - seine eigene Reederei: Beluga Shipping. 31 Schwergutschiffe gehören mittlerweile zur Firma, 10 weitere sind im Bau, 140 Mitarbeiter in Bremen, 1200 an Bord.

Die Reederei machte Stolberg reich. Auf Spiekeroog sagen manche: unverschämt reich. "Ich habe einfach zur richtigen Zeit in einen wachsenden Markt investiert", erklärt Stolberg seinen Erfolg. "Alles ganz wunderbar", sagt der Spiekerooger Hotelbesitzer Georg Germis, "er hat sich sein Geld wirklich verdient. Aber muss er nun aus Spiekeroog eine Beluga-Insel machen?"

"Kapitalismus in seiner reinen Form?"

Mittlerweile hat keiner auf Spiekeroog mehr Touristenbetten als Stolberg. Germis ist seither die Nummer zwei. Es steht 200 zu 170. Die Stolberg-Gegner sagen: Um eine Rangfolge geht es doch gar nicht. Stolbergs Freunde sind überzeugt: Das ist der Hauptgrund für die Streitereien.

Insgesamt hat die Insel nur 4000 Betten für Touristen, in der Hauptsaison könnte jedes davon dreifach belegt werden. Früher kamen vor allem Lehrerehepaare in Birkenstock-Latschen und Alternative mit Jutetaschen, der "Stern" schrieb 1992 von der "grünen Hölle Spiekeroog" und von einer "Öko-Diktatur". Aber mittlerweile haben auch andere die Insel für sich entdeckt.

Junge Familien zum Beispiel, die ihre Kinder unbesorgt herumlaufen lassen können, weil es auf den Straßen so ungefährlich ist. Nicht einmal einen Fahrradverleih gibt es, und wer sein Zweirad per Fähre mit zur Insel bringen will, muss dafür 21 Euro berappen. Es soll ja nicht zu hektisch werden.

Auf Spiekeroog geht die Zeit langsamer. Hier, wo Tourismus die Haupteinnahmequelle ist, schließen die Geschäfte noch für ein paar Stunden zur Mittagspause, Urlauber hin oder her. Den meisten Inselbewohnern geht es gut, sie haben ihr Auskommen. Wenn etwas verändert werden soll, dann bitte langsam und behutsam.

Angst vor Veränderungen des Marktes

Stolberg schreitet vielen zu schnell voran, macht zu viel anders - eine unheimliche Macht vom fernen Festland. Seit der Reeder ein Ferienhaus nach dem anderen eröffnet, kommt eine neue Klientel: Junge, wohlhabende Menschen, die 250 Euro für eine Ferienwohnung pro Nacht bezahlen. Die im Jackett herumlaufen und denen im Traum nicht einfallen würde, am Dünensingen teilzunehmen. Und die gern im "Inselzauber" einkaufen, einem schmucken Geschäftshaus mit Buch- und Modeladen im Dorfzentrum, das Stolberg mit Millionenaufwand hat renovieren lassen. Selbst Kritiker finden, dass das Gebäude "ganz wunderbar" geworden ist.

Aber, kommt dann immer als Gegenargument, musste der Geschäftsmann Stolberg unbedingt aus der finanziell klammen Jugendherberge ein schickes Apartmenthaus machen? Musste er unbedingt das Haus Göttingen kaufen, ein Heim der evangelisch-reformierten Kirche in Göttingen, die sich den Betrieb nicht mehr leisten konnte? Wie viele preiswerte Unterkünfte sollen denn noch wegfallen, schimpfen viele Spiekerooger. "Es stellt sich natürlich die Frage: Wollen wir tatsächlich Kapitalismus in seiner reinen Form?", sagt der evangelische Geistliche auf der Insel, Joachim Breithaupt. Der Hotelier Ludwig Kröger sieht das ähnlich: "Wir wollen doch die soziale Marktwirtschaft."

Wovor sich die Einheimischen fürchten

Die einheimischen Gastronomen haben Angst, dass Stolberg den Markt verändert. "Wir können uns über zu wenig Touristen nicht beklagen", sagt Kröger. "Herr Stolberg nimmt uns keine Kunden weg. Mit seinem Preisniveau spricht er ja ganz andere Leute an." Aber was, wenn Stolberg die Preise senkt, um noch mehr Gäste in seine schicken Häuser zu locken? "Wir müssen unser Geld, das wir in die Renovierung unserer Häuser stecken, hier vor Ort verdienen. Herr Stolberg bringt Geld aus seiner Reederei. Viele von uns können da nicht mithalten - nicht mit den Summen, die er investiert, aber auch nicht mit seinem Tempo", sagt Kröger. Er überlegt, seufzt dann. "Tja, so ist das nun mal." 85 Kleinstvermieter haben sich nun zu einer Initiative zusammengeschlossen, um über eine gemeinsame Strategie abzustimmen.

Ein Kritiker, der seinen Namen nicht genannt wissen will, bezeichnet Stolberg als "Heuschrecke", als "Finanzungeheuer vom Festland". Angst, gepaart mit Neid - Spiekeroog ist Deutschland als Mikrokosmos.

Viele Einheimische schimpfen darüber, dass reiche Leute wie Stolberg ihren Immobilienbesitz auf der Insel anhäufen. Der Gemeinderat diskutierte einmal, Häuser und Grundstücke dürften nur an Inselbewohner verkauft werden. Pastor Breithaupt findet das "völlig absurd: Man kann doch niemandem vorschreiben, an wen er zu verkaufen hat". Die Idee wurde schnell wieder verworfen.

Alte Doppelhaushälfte für 465.000 Euro

Es hätte sich ohnehin niemand daran gehalten - wenn es ums Verkaufen geht, vergessen Spiekerooger ihren Ärger über die Reichen. Dann inserieren sie eine kleine Doppelhaushälfte aus den 60er Jahren schon mal für 465.000 Euro. Von den Inselbewohnern kann das kaum jemand bezahlen. Bleiben also nur die "Not leidenden Ärzte und Rechtsanwälte", wie die Spiekerooger die betuchten Käufer verächtlich nennen.

Und Stolberg. "Ich will doch nur das Beste für Spiekeroog", betont er. Ein Künstlerhaus plant er im Osten der Insel, wo es Lesungen und Seminare für künstlerisch ambitionierte Urlauber geben soll. Der Gemeinderat ist mehrheitlich gegen das Projekt - offizielle Begründung: das geplante Pagodendach entspreche nicht dem Baustil auf der Insel. Stolbergs Architekt möge ein anderes Dach entwerfen. Stolberg sagt: "Wenn's nicht das Dach ist, ist es das Fenster oder die Auffahrt. Die finden immer einen Grund, gegen ein Projekt von mir zu sein."

Mit Kritik am Baustil kamen sie ihm bei vielen seiner Projekte: zu große Balkone, zu hohe Gebäude, zu wenig unbebautes Grundstück. Und: zu wenig ost- und zu sehr nordfriesischer Stil. Die Spiekerooger haben Sylt vor Augen. So wie Sylt wollen sie nicht werden, sie wollen keine Schickimicki-Touristen, keine Golfspieler, sie wollen das Gegenteil von Sylt sein. Mit Stolberg, befürchten sie, wird Spiekeroog zu einem Mini-Sylt.

Was darf, was soll sich die Gemeinde leisten?

Mittlerweile steht auch ein Haus für Mutter-Kind-Kuren finanziell vor dem Aus - Stolberg wollte mit einsteigen und einen zehnjährigen Fortbestand garantieren. Der Leiter des Heims, Bernd Fiegenheim, wünschte sich lieber einen Verbleib in kirchlicher Trägerschaft und wehrte sich gegen eine Zusammenarbeit mit einem privaten Investor im Allgemeinen und mit Stolberg im Besonderen.

Als auch noch ein Brief öffentlich wurde, in dem sich 22 von 30 Heimmitarbeitern gegen Stolberg aussprachen, wurde Fiegenheim nach 23 Jahren im Amt von der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland entlassen. Begründung: Er sei ihr gegenüber, die eine Zusammenarbeit mit Stolberg wollte, illoyal.

Die Spiekerooger sind empört, so etwas hat es noch nie gegeben in der kleinen Inselarbeitswelt. Stolbergs Personalpolitik in seinem Hotel "Spiekerooger Leidenschaft" - "Ständig entlässt er da Leute, neulich suchte er per Anzeige fast eine komplette Belegschaft!" - entspräche "nicht der Inselpsyche", sagen die Insulaner. Der Ärger reicht so tief, dass Stolberg dem klammen Mutter-Kind-Heim jetzt nicht mehr helfen will. "Die Leute können einfach nicht verstehen, dass ein erfolgreicher Unternehmer auch sozial sein kann", sagt er. "Ich fühle mich hier manchmal regelrecht verfolgt." Und: "Warum soll ich mir das antun?"

Dauerthema Inselpsyche

Und noch eine Front gibt es. Stolberg betreibt drei kleine Boote und droht damit, der Kurverwaltung Konkurrenz zu machen. Mit den Booten fährt er bisher überwiegend seine Angestellten morgens zur Insel und abends wieder zum Festland, nach Neuharlingersiel. 15 Minuten braucht ein Boot für eine Tour, die Fähre der Kurverwaltung, mit der die Touristen und die Einheimischen fahren müssen, fährt mindestens dreimal so lang.

Stolbergs Boote können auch bei Niedrigwasser fahren - die drei Fährschiffe nicht. "Unsere Fähren sind aber die einzige Kontrolle dafür, dass die Urlauber tatsächlich die Kurtaxe entrichtet haben", sagt Kurverwaltungschef Thomas Doellinger. "Außerdem sind sie die größte Einnahmequelle für uns. Damit finanzieren wir die extrem hohen Ausgaben, die eine Kurgemeinde auf einer Insel eben hat."

Die Kurverwaltung will nun gegenhalten und modernere Schiffe anschaffen. Leute, die für Stolberg sind, halten das für "völlig verrückt" - die Gemeinde habe gar nicht die Millionen, um sich das leisten zu können.

Nachbarschaftskrieg über zwei Zeitungen

Kommunikation per offenen Briefen in der Zeitung

Der Nachbarschaftskrieg wird auch über zwei Zeitungen ausgetragen. Der "Spiekerooger Inselbote", ein buntes Blättchen, das der frühere "Münchner Merkur"-Journalist Hartmut Brings macht. Sein Blatt gilt als Stolberg-feindlich, Stolbergs Freunde behaupten über Brings, er sehe aus wie "der kleine Bruder von Helmut Markwort" und schreibe "nur dummes Zeug". Gern verweisen sie darauf, dass Brings sein Grundstück von Georg Germis, dem Stolberg-Kontrahenten, gepachtet habe. Da sei ja klar, für wen der schreibe. Brings sagt, seine Berichterstattung sei ausgewogen, schließlich müsse er von der Zeitung leben.

Seit einem halben Jahr betreibt Ulla Schmitz eine zweite Zeitung - die "Spiekerooger Zeitung", ein Blatt mit langen Artikeln pro Fortschritt und pro Entwicklung. Die Stolberg-Kritiker erinnern genüsslich daran, dass Ulla Schmitz ja mal Ulla Ackermann hieß und mit ihrer teilweise erfundenen Autobiografie "Mitten in Afrika" vor drei Jahren für einen Skandal gesorgt hat. Manche munkeln, Stolberg würde ihr Blatt finanzieren. "Unsinn", sagen Stolberg und Schmitz. Stolbergs Freunde veröffentlichen in der Zeitung regelmäßig offene Briefe und Gastkommentare. "Die könnten ja auch mal direkt mit uns sprechen", sagt Kurverwaltungschef Doellinger.

Inzwischen redet Stolberg nicht mehr mit dem "Inselboten". Und Doellinger spricht nicht mehr mit der "Spiekerooger Zeitung".

Wer sich am Ende durchsetzt, ist unklar: Am 10. September wählen die Spiekerooger einen neuen Gemeinderat. Noch haben die Stolberg-Kritiker die Mehrheit im Rat von fünf zu drei. Die Chancen für einen Wechsel, heißt es, stehen fünfzig zu fünfzig.