Erfolgstyp Was Manager von Klinsmann lernen können

Die Deutschen sind aus dem Titelrennen. Das "Projekt Weltmeister" ist zu Ende. Was bleibt nach zwei Jahren Klinsmann? Für Kienbaum-Partner Karl Bosshard zeigt sich genau jetzt, ob Klinsmann der richtige Mann ist. Kann er langfristige strategische Ziele verfolgen? Ist er ein guter, nachhaltiger Manager des deutschen Fußballs?
Von Karl Bosshard

Noch vor wenigen Wochen hätte wohl kaum jemand bei klarem Verstand einen Pfifferling darauf gesetzt, dass Deutschland im eigenen Land im Konzert der Großen mithalten könnte.

Jürgen Klinsmann hat es geschafft, einer leblosen Elf nicht nur Freude am Job zu vermitteln, sondern sie immer wieder über ihre Grenzen hinaus zu führen. Dies hat er nicht nur durch akribische Detailarbeit erreicht, sondern indem er eine klare Richtung vorgegeben hat und die Stärken der Mannschaft in den Vordergrund gestellt hat. Auf der Motivationsseite hat er das Optimum erreicht.

Und der Sanierer Klinsmann hat durchgegriffen. Er hat seinen Anfangsbonus genutzt, um alte Zöpfe abzuschneiden und ist damit so manchem alt gedienten Funktionär auf die Füße getreten. Dabei ist er seinen Weg konsequent gegangen und hat sich auch nicht abbringen lassen, wenn der Wind sich drehte. Diese Tugend zeichnet gute Sanierer aus.

So manche Führungskraft in Deutschland meidet Veränderungen organisatorischer Art. Denn: Neue Projekte erfordern Aufwand und Zeit. Außerdem muss man sich und seine Arbeit der Vergangenheit kritisch hinterfragen. Auch im DFB folgten viele dem Motto, "Was früher gut war, ist es auch heute".

Für so manchen war der Erfolg die Regel, Misserfolg wurde delegiert. Eine solche Haltung ist der Todfeind jeder Veränderung. Klinsmann hat nicht vor großen Namen zurückgeschreckt. Oliver Kahn war in diesem Fall der Leid Tragende, der im Sinne des großen Ganzen zurücktreten musste.

Nachdem die Richtung einmal stimmte, hat der Bundestrainer seine Vision durch konzentrierte Arbeit im Detail unterfüttert. Klinsmann ist dabei wie ein moderner Manager vorgegangen. Er hat Aufgaben delegiert und ist auch nicht davor zurückgescheut, zuzugeben, wenn andere einfach mehr von einer Sache verstehen. Diese Transparenz schafft Vertrauen. Dabei hat ihm auch geholfen, dass er aus der Linie kommt. Klinsmann stand selbst auf dem Platz, weiß also wie die Spieler fühlen und denken.

Klinsmann - vom Sanierer zum Topmanager?

Dabei hat er immer auch über den Tellerrand geschaut und sogar Spezialisten aus den USA geholt, einem Land, das nicht gerade im Ruf großer Fußballtradition steht. Mit all diesen erfolgreichen Teilschritten im Projektverlauf hat Klinsmann bewiesen, dass er auf Augenhöhe mit modernen Managern ist. Hier sind die Eigenschaften Internationalität, Flexibilität, Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit zum Denken in komplexen Zusammenhängen gefragt.

Die schonungslose Analyse der eigenen Schwächen auf und neben dem Spielfeld war eine Grundvoraussetzung für den Erfolg der deutschen Mannschaft. Wer dauerhaft erfolgreich sein will, muss die eigenen Fehler beseitigen oder lernen, mit ihnen zu leben. Für die Spieler galt die eiserne Regel, dass Fehler passieren dürfen. Entscheidend ist, aus ihnen zu lernen.

Eine "Null-Fehler-Mentalität" ist letzten Endes immer kontraproduktiv, denn sie setzt Mitarbeiter negativ unter Druck. Die Kreativität und die innere Bereitschaft, etwas zu riskieren, etwas Besonderes zu leisten schrumpft auf ein Minimum. Klinsmann hat seiner Mannschaft immer zu verstehen gegeben, dass er an sie glaubt. Schnelle Erfolge waren auf dem Weg nach Berlin dabei nebensächlich. Er ist damit auch ein Vorbild gewesen für so manchen Unternehmer, der schnelle Erfolge dem nachhaltigen Wachstum vorzieht.

Schafft Klinsmann den Sprung vom Sanierer zum Topmanager? Letzten Endes lässt sich jedes Tun oder Lassen auf zwei Basismotive zurückführen. Es sind die Liebe zur Sache und die Angst vor Konsequenzen. Klinsmann ist es gelungen, seine "Mitarbeiter" für das gemeinsame Ziel zu begeistern. Gleichzeitig hat er deutlich gemacht, dass er vor Konsequenzen nicht zurückschreckt, wenn Einzelne nicht mitziehen. Kevin Kuranyi oder Christian Wörns können ein Lied davon singen.

Der Vorgesetzte an sich ist niemals der Grund für außergewöhnliche Leistung. Er ist aber sehr wohl dafür verantwortlich, wenn zu wenig geleistet wird. Klinsmann muss für sich die Frage beantworten, ob er die Energie hat, eine neue Vision nicht nur zu erarbeiten, sondern auch seinen Spielern zu vermitteln.

Er muss seine "Story" fortschreiben. Und er muss den Spielern deutlich machen, dass die Geschichte weitergeht, nur ein Kapitel beendet ist. Gelingt es Klinsmann, aus dem großen Ziel Weltmeister im eigenen Land eine langfristige Vision zu entwickeln, ist er weiterhin der richtige Mann am richtigen Platz. Gelingt es ihm nicht, war er immerhin ein guter Interimsmanager, der das Unternehmen "Deutscher Fußball" aus dem gröbsten herausgeführt hat und die richtige Richtung aufgezeigt hat.

"Dahin gehen, wo es weh tut"

Klinsmann sollte bei seiner Entscheidung aber nie vergessen, dass auch der noch so gut geplante Erfolg immer ein Stück weit dem Zufall unterliegt. Das kann der Sonntagsschuss zwei Minuten vor Schluss sein oder die Konjunkturdelle.

Hier könnte die Wirtschaft Vorbild sein. Gute Manager wissen, dass auf den Gipfelsturm immer wieder Täler folgen. Die Voraussetzungen, die Erfolgsstory fortzuschreiben sind da. Und dafür ist Klinsmann selbst verantwortlich. Denn die Leistungen der Mannschaft haben das ganze Land bewegt. Diese Euphorie und positive Stimmung kann und muss er nutzen und für die neuen Ziele einsetzen.

Dafür muss er – und das gilt für Fußball wie für die Wirtschaft – "dahin gehen wo es weh tut". Nur wer Rückschläge sauber analysiert, seine Lehren zieht und positive Energie aufbaut, schafft es an die Spitze, wird Vorstand oder Weltmeister. Dabei wusste Klinsmann von Anfang an: Nur durch permanente Veränderung können Unternehmen wie Fußballmannschaften im internationalen Wettbewerb bestehen. Jetzt steht ihm selbst die größte Veränderung bevor: Vom Sanierer zum dauerhaft erfolgreichen Fußballmanager.

Dabei helfen ihm auch goldene Regeln des Managements. Dazu gehört es, auch langfristige Projekte dauerhaft voranzutreiben, sich operativ zu perfektionieren und die Prozessqualität kontinuierlich zu verbessern. Klinsmanns Weg ist aus dieser Perspektive noch lange nicht zu Ende. Und eines kann die Wirtschaft von Klinsmann lernen: Er hat ein starres System, geprägt von Besitzstandswahrung um 180 Grad gedreht. Die Art und Weise, wie er Ergebniskick in international wettbewerbsfähigen Hochgeschwindigkeitsfußball verwandelt hat, könnte Vorbild für unser ganzes Land und seinen Reformstau sein.

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