Freitag, 6. Dezember 2019

Kenneth Lay Vom Geschäftsgenie zum Kriminellen

Das Strafmaß sollte im September verkündet werden, doch dazu kommt es nicht mehr: Der frühere Enron-Chef Kenneth Lay ist tot. Lay hatte in den vergangenen fünf Jahren wie kaum ein anderer Konzernchef die Schlagzeilen bestimmt. Kein Wunder, bei dem Aufstieg und Absturz.

New York - Es war, trotz allem, ein Ende in relativer Würde. In Aspen, dem Wintersportort der Society im US-Bundesstaat Colorado, brach Kenneth Lay (64) gestern Abend in seinem Ferienhaus zusammen. "Sein Herz gab einfach auf", sagte Lays Pastor Steve Wende. Zwar wurde Lay sofort noch in die Notaufnahme des Aspen Valley Hospitals gebracht. Doch dort starb er, um exakt 3.10 Uhr. Seine Frau Linda war an seiner Seite.

Kenneth Lay: Der Ex-Enron-Chef starb mit 64 Jahren
Dabei hätte sein Schicksal, ginge es nach der Justiz, anders aussehen sollen. Schuldig in allen Anklagepunkten: Mit diesem Urteil hatten die Geschworenen Lay, den Gründer und lange auch CEO des 2001 im Bilanzbetrug gekenterten US-Energiegiganten Enron, im Mai wegen Betrugs und krimineller Verschwörung für den Rest seines Lebens ins Gefängnis zu schicken beabsichtigt. Dem einsamen Tod hinter Gittern ist er nun entronnen, welcher Trost das auch sein mag für seine Familie.

Mit Lay endet eine Wall-Street-Ära - die der unfehlbaren, allmächtigen Tausendsassa-Firmenchefs. Welch eine Karriere, welch ein Geschäftsgenie - welch ein Absturz vom Helden Houstons zum Posterboy für all die widerwärtigen Exzesse der Wall Street in den 90er Jahren. "Kenny Boy" nannte ihn sein Busenfreund, Präsident George W. Bush, früher, als er Lay und dessen enorme Wahlkampfspenden noch gebrauchen konnte - und bevor er so tat, als kenne er ihn kaum, damit der Ruch des Ruchbaren nicht abfärbe.

In den Machtstrudel gesogen

Wie Bush galt auch Kenneth Lee Lay als der klassische Texaner: jovial, umgänglich, rustikal, wiewohl verschmitzt und scharfsinnig. Dabei stammt er - ebenfalls wie Bush - gar nicht aus Texas. Er kommt aus dem ländlichen US-Bundesstaat Missouri, aus einem kleinen Ort namens Tyrone, wo er als Sohn eines Baptistenpredigers und Traktor-Verkäufers im Zweiten Weltkrieg geboren wurde.

Lay diente kurz als Offizier in der Marine, fand dann aber schnell zu seinem wahren Talent, der Wirtschaft. Er machte seinen Doktor, arbeitete als Ökonom beim Ölkonzern Exxon und lehrte Mikro- und Makroökonomie an der George Washington University, nur vier Straßenblocks vom Weißen Haus entfernt. Sein Spezialgebiet, Omen seiner späteren Karriere: die Beziehungen von Wirtschaft und Politik.

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