Zeugnisse Die Geheimcodes der Chefs

Arbeitszeugnisse sind die entscheidende Visitenkarte für den nächsten Job. Doch häufig schätzen Deutschlands Arbeitnehmer die Bedeutung der schriftlichen Beurteilung als nicht hoch genug ein. Was versteckt sich aber hinter dem Anspruch auf ein "differenziertes und vollständiges" Zeugnis?

Berlin/Karlsruhe - Es ist scheinbar nur ein Stück Papier. Aber es kann entscheidend dafür sein, ob eine Karriere erst beginnt oder vorschnell zu Ende geht. Arbeitszeugnisse erfordern deshalb Sorgfalt. Und Arbeitnehmer sollten lieber zweimal hingucken, ob es vollständig und ohne Fallstricke ist.

"Arbeitnehmer haben grundsätzlich Anspruch auf ein Arbeitszeugnis", sagt Martina Perreng, Arbeitsrechtlerin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Berlin. Bei einer längeren Beschäftigung kann der Mitarbeiter auf einem qualifizierten Arbeitszeugnis bestehen, das auch Angaben zu seinen Kenntnissen und Fähigkeiten, eine Bewertung seiner Kompetenz insgesamt und zu seinem Verhältnis zu den Kollegen enthält.

"Das gilt aber nicht für jemanden, der nur eine Woche als Aushilfe gearbeitet hat", sagt die Arbeitsrechts-Expertin. Auch für befristete Stellen von zwei oder drei Monaten dürfte das nicht der Regelfall sein. "Aber daran hat der Arbeitnehmer dann meist auch gar kein großes Interesse." Anders sieht es aus, wenn jemand nach etlichen Jahren die Stelle wechselt.

Grundsätzlich besteht ein Anspruch auf ein Zeugnis immer wenn ein Arbeitsverhältnis endet, erläutert Klaus Derksen von der Personalvermittlung DerJobLaden in Karlsruhe. Das gilt unabhängig davon wer gekündigt hat. Das Zeugnis sollte möglichst "zeitnah" nach der Kündigung ausgestellt werden, rät Derksen. Bis 2002 galt der Zeugnisanspruch noch bis 30 Jahre nach dem Ende der Tätigkeit, heute bis drei Jahre.

Wichtig ist, dass ein qualifiziertes Zeugnis tatsächlich Angaben zu allen üblichen Bereichen macht: "Fehlt etwas, etwa eine Bewertung des Verhältnisses zu den anderen Mitarbeitern, ist es nicht vollständig", sagt DGB-Angestellte Perreng. Das kann zu dem Schluss führen, dass da was im Argen liegt.

Der Anspruch lautet sogar, das Zeugnis müsse "differenziert und vollständig" sein. Das bedeutet, es muss genau beschreiben, welche Tätigkeit der Arbeitnehmer im Betrieb ausgeübt hat. "Es muss darstellen, was der Mitarbeiter wirklich gemacht und wovon er Ahnung hat - und das wahrheitsgemäß", sagt Paul-Werner Beckmann, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Herford. Ist das Zeugnis lückenhaft, sollte der Arbeitnehmer auf eine neue vollständige Version bestehen, rät Perreng.

Der Anspruch auf wahrheitsgemäße Darstellung kollidiert manchmal mit dem auf ein wohlwollendes Zeugnis. "Der Arbeitgeber darf grundsätzlich kein Zeugnis ausstellen, das dem Arbeitnehmer seine weitere Karriere erschwert oder ihn gar bei möglichen neuen Arbeitgebern anschwärzt", sagt Beckmann. 

Die Bedeutung der Schlussformel

Das führt nach Einschätzung von Experten wie Klaus Derksen dazu, dass Zeugnisse "verschlüsselte Botschaften" enthalten können, so genannte Zeugniscodes. Das heißt, scheinbar wohlwollend gemeinte Formulierungen vermitteln tatsächlich Warnungen an künftige Arbeitgeber - nach dem Motto "Er bemühte sich stets, den Anforderungen gerecht zu werden" - schaffte es aber nie und war deshalb ein Totalversager.

Die Bemerkung "durch ihr fröhliches Wesen sorgte sie permanent für ein gutes Betriebsklima" könnte auf eine feierlustige Kollegin hinweisen, die zwar für jeden Scherz zu haben ist, aber nur ungern arbeitet. Welchen Stellenwert solche "Geheimbotschaften" haben, ist allerdings äußerst umstritten: "Da geistern wegen dieser Formulierungen Ängste durch die Welt, die völlig unberechtigt sind", sagt Beckmann.

Bei Arbeitsrechtsprozessen spielten Auseinandersetzungen über Zeugnisformulierungen nur selten eine Rolle. "Streit gibt es darüber nur, wenn dem Arbeitnehmer gekündigt wurde und er das nicht akzeptiert." Der Streit um einzelne Formulierungen sei aber ein "Nachhutgefecht", sagt Beckmann.

"Stets" ist stets wichtig 

Etabliert hat sich dagegen, dass bestimmte Formulierungen gewissermaßen Noten entsprechen: ""Er erledigte seine Aufgaben stets zur vollsten Zufriedenheit", ist wie eine Eins", sagt Beckmann. Fehlt das "stets", ist die Note schon schlechter. Einig sind sich die Experten auch, wie ein Arbeitszeugnis enden sollte - nicht einfach nur mit der Unterschrift.

Dabei spielt schon die eine wichtige Rolle: Arbeitnehmer sollten darauf achten, dass ein möglichst ranghoher Mitarbeiter unterschreibt, rät Klaus Derksen. Eine Unterschrift des Geschäftsführers oder Prokuristen werte das Zeugnis auf und sei ein Zeichen für Wertschätzung. Darauf gibt es aber keinen Anspruch. Dagegen muss das Zeugnis per Hand unterschrieben werden.

Üblich ist eine "Schlussformel", in der dem Arbeitnehmer beispielsweise alles Gute für die weitere Karriere gewünscht und Bedauern darüber ausgedrückt wird, dass er nicht mehr in dem Betrieb arbeiten wird. "Fehlt das, ist das schlecht", sagt Martina Perreng. "Die Schlussformulierung darf man nicht unterschätzen", sagt auch Fachanwalt Beckmann. "Darauf gibt allerdings keinen Rechtsanspruch."

Und auch in diesem Fall gilt: Bei den Formulierungen zählen zwar Feinheiten, aber man sollte es auch nicht übertreiben. "Es gab schon Streit über die Formulierung "... und wünschen für die Zukunft viel Erfolg"", erzählt der Rechtsanwalt. "Da lautete das Argument, es hätte heißen müssen "und wünschen für die Zukunft weiterhin viel Erfolg", weil sonst geschlossen werden könnte, der Arbeitnehmer sei bisher völlig erfolglos gewesen. Das war aber juristisch nicht durchzusetzen."

Andreas Heimann, dpa

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