Schlüsselämter Oberschicht unter sich
Leinfelden - 1966 führte Kurt Georg Kiesinger als Bundeskanzler eine große Koalition, genau wie heute Angela Merkel. Die Politiker galten damals als volksnah - nicht zuletzt wegen ihrer kleinbürgerlichen Herkunft: Der Kanzler selbst war der Sohn eines kaufmännischen Angestellten, sein Vizekanzler Willy Brandt gar der uneheliche Spross einer Verkäuferin.
Innenminister Paul Lücke stammte aus dem Haushalt eines Steinbruchmeisters und der Vater von Finanzminister Franz Josef Strauß war Metzger. Lediglich zwei der sechs Schlüsselpositionen waren damals von Kindern des Bürgertums besetzt, insgesamt dominierten Handwerker, Angestellte und Beamte aus niedrigen Hierarchien den beruflichen Hintergrund der Kabinettsmitglieder.
Das ist heute anders, berichtet der Soziologieprofessor Michael Hartmann in der Juli-Ausgabe des Magazins "Bild der Wissenschaft". Im Kabinett Merkel stammen fünf der sechs Minister in den Schlüsselpositionen aus dem Bürgertum: Angela Merkel hat als Tochter eines Pfarrers ebenso einen bürgerlichen Hintergrund wie die Unternehmertochter und Justizministerin Brigitte Zypries oder Finanzminister Peer Steinbrück, der aus einer Architektenfamilie stammt. Handwerker gibt es nur wenige unter den Vätern der Regierungsmitglieder - dafür aber einen Ministerpräsidenten und einen Generalinspekteur der Bundeswehr.
Schere zwischen "arm"/"reich" klafft weiter auseinander
Diese Veränderung spiegelt laut Hartmann einen grundlegenden Wandel der Gesellschaftsstrukturen wider: Kiesingers Kabinett repräsentierte ein Volk, das vom Kleinbürgertum und einer starken Mittelschicht dominiert war. Merkels Regierungsmannschaft ist dagegen in einer Zeit im Amt, in der die Schere zwischen "arm" und "reich" immer weiter auseinander klafft - und die politische Elite gehört mittlerweile größtenteils in die Kategorie "reich".
Die Folgen bekommen die Volksparteien bereits zu spüren: Da sich ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr repräsentiert fühlt, verlieren SPD und CDU/CSU so viele Mitglieder wie kaum zuvor. Während das Bürgertum die politische Elite jedoch gerade erst zu dominieren beginnt, sei eine solche Übermacht unter Wirtschaftsbossen und Juristen schon lange gang und gäbe, schreibt Hartmann.
Großbürgertum in den Vorstandsetagen
So sind 80 Prozent der Vorstandsvorsitzenden der 100 größten deutschen Firmen Kinder von Vätern, die Unternehmer, leitender Angestellter, höherer Beamter oder akademischer Freiberufler waren. 50 Prozent gehören sogar dem Großbürgertum an. Dieses Übergewicht des Bürgertums erklärt Michael Hartmann unter anderem damit, dass viele Bürger- und Großbürgerkinder von Anfang an die Regeln verinnerlicht haben, die für das gesellschaftliche und unternehmerische Parkett wichtig sind.
Auch würden die Kinder häufig im Geist des Unternehmertums aufwachsen. Müssen sie dann später geschäftliche Entscheidungen treffen, sind sie eher bereit, Risiken einzugehen als jemand, der aus einem Arbeiterhaushalt stammt und mühsam Erreichtes nur ungern aufs Spiel setzt.
Hat sich das Bürgertum einmal etabliert, würden diejenigen, die bereits in der Führungsetage sitzen, immer wieder Menschen mit einem ähnlichen familiären und sozialen Hintergrund als Mitarbeiter wählen, betont Hartmann. Denn diese lassen sich sehr viel leichter einschätzen als diejenigen, die in ihrer Kindheit völlig andere Erfahrungen gemacht haben.
Besonders ausgeprägt sei die Dominanz des Bürgertums dort, wo es um Macht und gesellschaftlichen Einfluss gehe, schreibt der Soziologe. Das gelte auch für die Wissenschaft: Während Forscher im Allgemeinen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten stammen, liegt der Anteil von Bürgerkindern bei den Universitätsprofessoren bei 50 Prozent.
Unter den Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Wissenschaftsrates, der Max-Planck-Gesellschaft und der Humboldt-Stiftung gibt es keinen Einzigen, der nicht aus einem bürgerlichen oder großbürgerlichen Umfeld stammt.
Vor diesem Hintergrund würde die Verschiebung der Regierungszusammensetzung einige Risiken enthalten, unterstreicht Hartmann in "Bild der Wissenschaft". Denn wo Politiker und Wirtschaftsbosse in den gleichen höheren Kreisen verkehren, steige die Wahrscheinlichkeit für "Absprachen unter vier Augen".
Gleichzeitig nehme das Verständnis für die Sorgen des Normalbürgers ab. Das haben sowohl SPD als auch CDU/CSU im vergangenen Jahr zu spüren bekommen: Niemals seit 1949 haben die beiden Volksparteien so wenig Stimmen erhalten wie bei der letzten Bundestagswahl.
Von Ilka Lehnen-Beyel, ddp