Mittwoch, 26. Juni 2019

Ahold-Skandal "Unglaublich niedrige" Urteile

Europas Enron heißt wahlweise Parmalat oder Ahold. Im Falle des einst zweitgrößten Supermarktkonzerns der Welt sind nun die Urteile gesprochen worden. Anders als die Ankläger forderten, müssen die Angeklagten nicht ins Gefängnis. Der Ex-Chef will zudem noch Berufung einlegen. 

Amsterdam - Im Prozess um betrügerische Machenschaften beim niederländischen Einzelhandelskonzern Ahold Börsen-Chart zeigen hat ein Gericht in Amsterdam am Montag drei der vier Angeklagten zu Haftstrafen auf Bewährung und Geldbußen verurteilt.

Cees van der Hoeven: Bewährungsstrafe für Ex-Vorstandschef
Der frühere Vorstandsvorsitzende Cees van der Hoeven und sein damaliger Finanzdirektor Michiel Meurs erhielten neun Monate Haft auf Bewährung und 225.000 Euro Geldbuße. Van der Hoeven kündigte an, er werde gegen das Urteil Berufung einlegen.

Der früher im Ahold-Vorstand für Europa zuständige Jan Andreae erhielt eine viermonatige Bewährungsstrafe und ein Bußgeld von 120.000 Euro. Ein ebenfalls angeklagtes Mitglied des Aufsichtsrats wurde freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte Haftstrafen zwischen drei und 14 Monaten ohne Bewährung gefordert, die Verteidigung auf Freispruch plädiert. Die Anklagevertreter erwägen angesichts des milden Urteils eine Revision.

Die Manager wurden schuldig gesprochen, die Geschäfte mehrerer Gemeinschaftsunternehmen zusätzlich in der Jahresbilanz des Konzerns aufgenommen und so die Bilanzen geschönt zu haben. Die beiden Hauptangeklagten haben nach Ansicht der Richter Urkundenfälschung begangen und die Wirtschaftsprüfer betrogen, als sie Briefe mit einander widersprechenden Angaben verfasst und so das wahre Ausmaß der Beteiligungsverhältnisse verschleiert hätten. Die Machenschaften hätten dazu beigetragen, dass der international aktive Konzern im Jahr 2003 an den Rand des Ruins gekommen war. Ahold war einst der zweitgrößte Supermarktkonzern hinter Wal-Mart.

Nachfahre hatte "harte Strafe" gefordert

"Das Urteil soll demonstrieren, dass betrügerisches Verhalten von Menschen, die in der Gesellschaft wichtige Positionen einnehmen und deren Verhalten eigentlich vorbildlich sein sollte, nicht hingenommen wird", sagte Richter Frans Bauduin bei der Urteilsverkündung. Er begründete die im Vergleich zu den Aufsehen erregenden Bilanz-Prozesse in den USA milden Strafen mit Unterschieden in der Gesetzgebung. Zudem habe sich im Gegensatz zu US-Prozessen wie im Enron-Fall nicht die Frage der persönlichen Bereicherung gestellt.

Ex-Ahold-Chef van der Hoeven begründete die geplante Berufung mit dem Ziel eines Freispruchs. "Ich habe Fehler gemacht, aber nach meiner Ansicht nicht im strafrechtlichen Sinn", räumte er ein. Die niederländische Aktionärs-Vereinigung VEB kritisierte die Urteile als "unglaublich niedrig". In den USA hätten die Angeklagten nach Überzeugung des VEB-Sprechers Peter Paul de Vries mit Strafen von zehn Jahren Haft rechnen müssen

Albert Heijn, der einzige noch lebende Nachfahre der Heijn-Familie, die Ahold vor mehr als 100 Jahren gegründet hatte, hatte in einem TV-Interview eine "harte Strafe" für van der Hoeven gefordert.

manager-magazin.de mit Material von rtr und dpa

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