Deutsche Manager "Ein unglaubliches Potenzial zerstört"

In vielen deutschen Unternehmen scheint immer noch eine tumbe Klassengesellschaft zu herrschen, meint Armin Falk. Der Bonner Professor und Arbeitsexperte analysiert im Gespräch mit manager-magazin.de die Führungsfehler unserer Manager.

mm.de: Herr Professor Falk, sind wir Deutsche zu faul?

Falk: So pauschal würde ich das nicht sagen. Im Gegenteil, viele Spezialisten arbeiten zu viel, gerade angesichts des enormen Drucks, dem sie heute ausgesetzt sind. Sie brauchen mehr Freizeit und auch mehr Freiheit.

mm.de: Das müssen Sie erklären.

Falk: Wir wachsen in eine Arbeitswelt hinein, wo es gerade für die Hochqualifizierten keine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit mehr gibt. Zugleich sind die Anforderungen stark gestiegen, beruflich wie privat.

Im Job erleben viele die Folgen permanenten Wettbewerbsdrucks; sie müssen extrem flexibel sein, immer erreichbar. Dazu kommt, dass inzwischen häufig beide Ehepartner Erwerbs- und Hausarbeiten sowie die Kindererziehung teilen.

mm.de: Zumal sich die Menschen heute ihre Kräfte für ein langes Arbeitsleben einteilen müssen.

Falk: Richtig. Die heutige mittlere Generation muss sich darauf einrichten, bis an die 70 zu arbeiten, viele womöglich sogar darüber hinaus. Das ist ein Langstreckenlauf, auf den man sich vorbereiten muss. Und den hält man nur durch, wenn die Arbeitgeber darauf Rücksicht nehmen.

mm.de: Eine schöne Forderung, die leider eindeutig dem Zeitgeist widerspricht.

Falk: Mag sein. Deutsche Manager haben großen Nachholbedarf, gerade was die Führung von Hochqualifizierten angeht. Von diesen Leuten haben wir sowieso zu wenige in Deutschland. Für den langfristigen Erfolg der Unternehmen ist es unumgänglich, gerade diese Leute zu motivieren.

"Eine Kultur aus dem 19. Jahrhundert"

mm.de: Wie sollte denn gute Personalführung heute aussehen?

Falk: Der Einzelne sollte sich möglichst frei entfalten können. Darauf muss sich die ganze Organisation ausrichten. Starre Arbeitszeitregelungen zum Beispiel sind ein Anachronismus, der vielen Mitarbeitern nur unnötig das Leben schwer macht.

Es geht schließlich nicht darum, wann, sondern dass die Mitarbeiter etwas leisten. Führung muss sich auf die Vorgabe von Zielen konzentrieren, nicht von Arbeitszeiten.

mm.de: Aber soweit sind wir noch nicht?

Falk: Nein, in vielen Unternehmen nicht. In der deutschen Wirtschaft hat vielerorts die Führungskultur des Industriezeitalters überlebt. Eine Kultur, die aus dem 19. Jahrhundert stammt. Sie ist der militärischen Organisation entlehnt.

Mit solchen preußischen Tugenden kommt man in der auf Kreativität und Innovation basierenden Wissensökonomie des 21. Jahrhunderts nicht weit. Ins Zentrum rückt der kreative Spezialist, der im Team zusammen mit anderen Spezialisten an Innovationen bastelt.

mm.de: In den vergangenen Jahren schien der Fokus eher auf Einsparungen als auf Kreativität zu liegen.

Falk: Daraus können langfristig große Probleme erwachsen. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Personalpolitik ist Vertrauen. Wenn die Leute das Gefühl haben, geachtet und fair behandelt zu werden, dann sind sie produktiver und kreativer. Das ist empirisch sehr gut belegt.

Aber was erleben sie in der Praxis? Druck, Mehrarbeit, Sparrunden, während Topmanager sich ganz unverblümt die Gehälter erhöhen - in vielen deutschen Unternehmen scheint immer noch eine Klassengesellschaft zu herrschen. Da wird ein unglaubliches ökonomisches Potenzial zerstört.

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