Familie Strüngmann Papas, Pioniere und Piraten

Andreas und Thomas Strüngmann schrieben mit dem Aufstieg ihres Generika-Herstellers Hexal Erfolgsgeschichte. Doch statt die Pretiose den Kindern zu überlassen, verkauften die Zwillingsbrüder ihr Lebenswerk an einen Konzern. Mitnichten ist nun aber die Zeit des Müßiggangs gekommen.
Von Heide Neukirchen

Es gibt sie noch, die Champions made in Germany. Die Gründerunternehmer Andreas und Thomas Strüngmann bauten in rund 25 Jahren ein Firmenimperium für Nachahmermedikamente auf und verkauften es für 5,65 Milliarden Euro an den Schweizer Pharmakonzern Novartis . Auch nach dem Geldsegen sind die 56-jährigen Entrepreneure auf der Suche nach unternehmerischen Mutproben.

Schon ihr Vater Ernst Strüngmann, von Beruf Augenarzt, betrieb eine kleine Firma für Arzneimittelkopien (Generika). Sie hieß Durachemie. 1979 bat er seine Söhne, bei ihm einzusteigen. Denn der Geschäftsführer hatte gekündigt und die Arbeit wurde dem 65-jährigen zu viel.

Der älteste Sohn Joachim winkte ab. Er wollte lieber in München eine Arztpraxis eröffnen und unabhängig bleiben. Die Zwillinge Andreas und Thomas kamen auf Wunsch ihres Vaters zurück an den Tegernsee. Sie waren 29 Jahre jung und beruflich in New York und Kapstadt unterwegs gewesen.

Sie machten sich ohne Respekt vor großen Namen an die Arbeit und siegten in einem wichtigen Patentstreit über den Pharmamulti Bayer . 1986 verkauften sie die Durachemie für 100 Millionen Mark. Lange vorher schon hatten sie ihre eigene Firma Hexal gegründet.

Doch Nachahmermedikamente waren in den 80er Jahren ein armseliges Geschäft. Die Kopisten wurden von den forschenden Pharmafirmen verachtet und ihre Medikamente von der Mehrzahl der Ärzte gemieden, weil die Mediziner der Qualität misstrauten.

Die Rendite war mickrig, denn es gab noch keine Blockbustermedikamente mit Milliardenumsätzen und keine Politiker, die mit Hilfe von Generika das Gesundheitssystem sanieren wollten.

Gerade diese Situation forderte die Strüngmann-Brüder besonders heraus. "Sie sind stark, wenn sie die Spielregeln eines Marktes verändern können", urteilt ihr Freund, der auf Familienunternehmen spezialisierte Berater Peter May.

Kühner Coup in den USA gelandet

"Mit Schokolade hätten sie es nicht so gut hinbekommen", meint auch Joachim Strüngmann. Seine Geschwister brachten für das Nachahmergeschäft die richtigen Talente und Voraussetzungen mit. Die Brüder sind es gewöhnt, auf Marktveränderungen blitzschnell zu reagieren, sie sind risikofreudig bis tollkühn und sie kennen alle Schlupflöcher der Pharmabranche. Schon als Kinder bekamen sie zu Hause am Mittagstisch zu hören wie man mit Arzneimitteln gute oder schlechte Geschäfte machen kann.
Die Brüder kopierten zunächst alles, was ihnen als Wirkstoff in die Finger kam und mit den geltenden Gesetzen noch in Einklang gebracht werden konnte. In der Branche hießen sie "die Piraten". Doch schon bald investierten sie bei Hexal in eine eigene Entwicklung. In den neuen Bundesländern bei Magdeburg bauten sie die größte Pharma-Produktionsfabrik Europas auf.

Durch die hohen Abschreibungen zahlte die Hexal-Gruppe jahrelang fast keine Steuern. Mit dem cash-flow finanzierten die Brüder die internationale Expansion. Als Andreas und Thomas Strüngmann im Frühjahr 2005 ihr Firmenimperium versilberten, machte Hexal rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigte weltweit 7500 Mitarbeiter. Die im oberbayerischen Holzkirchen angesiedelte Firma war zur Nummer eins am deutschen Generikamarkt aufgestiegen und hatte den großen Konkurrenten Ratiopharm auf den zweiten Platz verdrängt.

Hexal war nicht die einzige Pretiose der Strüngmann-Brüder . Ihnen gehörte auch der Arzneimittel-Discounter Betapharm in Augsburg. Nachdem sie die Firma versilbert hatten, erwarben sie die Südwestbank in Stuttgart. Außerdem betreiben sie ein Generika-Joint-Venture in Südamerika.

Ihren kühnsten Coup landeten die Zwillinge jedoch in den USA. Sie engagierten sich bei dem fast bankrotten US-Generikahersteller Eon Labs und brachten die Gesellschaft an die Börse. Das Investment warf tausend Prozent Rendite ab - wer es nicht glaubt, kann es nachrechnen.

Die Brüder einigten sich gemäß ihren Stärken, Schwächen und ihrer Erfahrung auf eine pragmatische Aufgabenteilung. Egal was sie machen, welche Firma sie kaufen, aufbauen oder verkaufen: Andreas, von Beruf promovierter Mediziner, ist zuständig für wissenschaftliche Fragestellungen, den Innendienst, Personalpolitik, Strategie und die Regionen Europa und Südafrika. Seine Frau stammt aus der Hafenstadt Durban am Pazifik.

Thomas fungiert - so formuliert es die "Wirtschaftswoche" - "als das öffentliche Gesicht der Zwillinge". Der Dr. rer. pol. kümmert sich um Marketing, PR, Politik, Deutschland und Nord- und Südamerika.

Womit sich die Unternehmer heute beschäftigen

Trotz Nachwuchs - Andreas hat zwei und Thomas vier Kinder - halten die Väter wenig von dynastischer Unternehmensnachfolge. Für die beiden Erfolgreichen ist es ein Alptraum, ihre Nachkommen könnten eines Tages um ihr Erbe und ihre Kompetenzen streiten und die Firmengruppe in den Ruin treiben.
Deswegen entschieden sie, keinen weiteren Strüngmann mit einer Führungsposition zu beauftragen. Alternative Pläne, Hexal an die Börse zu bringen und ein fremdes Management einzuarbeiten, blieben ungenutzt im Tresor liegen. Die Zwillinge wussten, dass sie zu wenig Disziplin aufbrächten, sich bei Hexal nicht mehr einzumischen.

Die Neumilliardäre, die das US-Magazin Fortune nach dem Novartis-Deal auf die Liste der 500 reichsten Weltbürger gesetzt hat, taugen allerdings auch nicht zum Müßiggang.

Andreas hat sich von den Novartis-Milliarden eine gebrauchte Segelyacht gekauft. Er beabsichtigt, die Welt in mehreren Etappen zu umsegeln und das Schiff nach einigen Jahren wieder zu verkaufen.

Thomas kauft moderne Kunst und Schweizer Uhren und wünscht sich eine Segeltour von den Galapagos-Inseln nach Neuseeland - sobald er Zeit hat. Damit erschöpft sich ihr Luxusleben. Sie sind zwar talentierte Golfer mit einstelligem Handicap - haben aber keine Lust, ihren Lieblingssport zur Hauptsache ihres Lebens zu machen. Sie wollen Unternehmer bleiben und ihre Milliarden clever reinvestieren.

Die Brüder trauen es sich heute zu, in jede Industrie- und Dienstleistungsbranche einzusteigen und diese Engagements effizient zu kontrollieren. Ihr Vorbild ist Richard Branson, der tollkühne Gründer der Virgin Group mit seinem Satz. "Was ich brauche, sind gute Leute, denen ich vertrauen kann. Mehr eigentlich nicht."

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