Familie Lürßen Das große Jachtfieber

Diskret, kompetent, erfolgreich - das Bremer Familienunternehmen Lürssen ist der weltweit führende Hersteller von Luxusjachten. Auch Oracle-Chef Larry Ellison und Microsoft-Gründer Paul Allen zählen zur erlesenen Kundschaft.
Von Anne Preissner

Die Freude war von kurzer Dauer. Nur zwölf Monate lang konnte sich Microsoft-Mitgründer Paul Allen rühmen, die größte Privatjacht in Amerika zu besitzen. Dann, im Dezember 2004, schlug Oracle-Chef Larry Ellison zurück: Mit seinem Luxuscruiser "Rising Sun" übertrumpfte er die "Octopus" um 11 Meter und 79 Zentimeter.

Länger, breiter, höher - die rivalisierenden Softwaremilliardäre aus den USA kämpfen um die Vorherrschaft auf See - und zwei Deutsche profitieren davon: Die Vettern Peter und Friedrich Lürßen, die Inhaber der Bremer Lürssen Werft, holten sich den Auftrag sowohl für das eine als auch für das andere Megaschiff.

Sieben Decks, zwei Hubschrauberlandeplätze, ein Konzertsaal, ein Tonstudio, eine Andockvorrichtung für das bordeigene U-Boot: 250 Millionen Dollar soll Allens schwimmender Palast gekostet haben. "Kein Kommentar", sagt Peter Lürßen, der das Jachtgeschäft der Werft leitet.

Eine von Peter Lürßens bemerkenswertesten Eigenschaften ist seine Verschwiegenheit. Ohne ausdrückliche Genehmigung der Bauherren veröffentlicht der Schiffsingenieur und Ökonom kein Foto seiner maritimen Wunderwerke; auch die Namen seiner Kunden bleiben geheim.

Die Superreichen sind supersensibel. Von Allens "Octopus" dürfen nur Außenaufnahmen verbreitet werden, das aufwändige Innenleben ist tabu; von Ellisons weißem Traumschiff existiert kein einziges offizielles Foto. Allein Paparazzi ist es bisher gelungen, die 138 Meter lange Motorjacht abzulichten, die mit 50.000 PS durch die Meere pflügt.

Die Öffentlichkeitsscheu seiner Kundschaft mag verständlich sein, Lürßen selbst beraubt sie freilich nahezu jeder Werbewirkung. Denn seine Werft hat viel vorzuweisen: Die vanillefarbene "Pelorus" etwa, eine von vier Superjachten des russischen Ölmagnaten Roman Abramowitsch, oder die "Carinthia VII", das 100-Millionen-Euro-Domizil von Kaufhauserbin Heidi Horten. Oder den hellgrauen Flitzer "Skat", der mit seinen kantigen Formen einem Kriegsschiff ähnelt und Charles Simonyi gehört, dem Erfinder des Microsoft-Programms Excel.

Das Innere der Jacht steht einem kleinen Museum der Moderne nur wenig nach: "Ei"-Sessel von Arne Jacobsen, Gemälde von Roy Lichtenstein und Victor Vasarely, alles sehr schön und sehr gut und sehr teuer.

"Lürssen-Daimler" und Kriegsmarine

Einen dreistelligen Millionenbetrag verschlingt heutzutage der Bau einer dieser Wasservillen. Jede Jacht, die die Lürssen Werft verlässt, ist ein Einzelstück. Nur ein einziges Mal griffen die Edelkonstrukteure bislang auf die Rumpfform eines bereits gebauten Schiffes zurück.

Die weltbesten Schiffsdesigner, darunter der Norweger Espen Øino, gestalten die äußere Form der Luxusgefährte. Um das Interieur kümmern sich Designpäpste wie Philippe Starck, Donald Starkey oder Jonathan Barnett. "Wir sind der Brioni des Jachtbaus", schwärmt Peter Lürßen.

U-Boot an Bord: Microsoft-Mitgründer Paul Allen und ...

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Foto: AP
... seine Glitzerjacht "Octopus"

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50.000 PS: Oracle-Chef Larry Ellison durchpflügt ...

50.000 PS: Oracle-Chef Larry Ellison durchpflügt ...

Foto: AP
... mit seiner "Rising Sun" (vorn) die Weltmeere

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Foto: Klaus Jordan


Duell der Software-Titanen:
Lürssen-Kunden Allen und Ellison

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Er übertreibt nicht. Der in vierter Generation geführte Familienbetrieb (über 1000 Mitarbeiter, circa 500 Millionen Euro Umsatz) gilt als eine der erlesensten Adressen für Maßgeschneidertes. Die vor 130 Jahren gegründete Werft, die mit dem Bau von Fischer- und Fährbooten begann, ist heute Weltmarktführer bei Megajachten, wie die schwimmenden Paläste im Branchenjargon heißen.

Von Beginn an erwiesen sich die hanseatischen Schiffbauer als trickreich und geschäftstüchtig: Als 1880 der Wassersport in Mode kam, suchte Gründer Friedrich Lürßen die Zusammenarbeit mit Motorenkonstrukteur Gottlieb Daimler. Binnen weniger Jahre entwickelte sich Lürssen zur führenden deutschen Motorbootwerft. Gegen internationale Konkurrenz gewann das Rennboot "Lürssen-Daimler" 1911 die so genannte Meisterschaft des Meeres in Monaco mit der damals unglaublichen Hochgeschwindigkeit von bis zu 35 Knoten, umgerechnet fast 65 Stundenkilometer.

Treppe der "Phoenix": Weltbekannte Designer wie Philippe Starck, Donald Starkey oder Jonathan Barnett gestalten die Jachtinnereien

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Moderne Zeiten: Inneneinrichtung der Jacht "Skat" von Charles Simonyi, dem Erfinder des Microsoft-Programms Excel

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"Queen M": Alles aus Gold - das Bad der Luxusjacht

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Luxus à la Carte:
Weltbekannte Designer
gestalten die Jachtinnereien

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Die Expertise der Bremer bei der Konstruktion von Schnellbooten nutzte wiederum die kaiserliche Marine: Im Ersten Weltkrieg produzierte Lürssen Fernlenk- und Minensuchboote, U-Boot-Zerstörer und Torpedofangboote.

Das Kriegsende 1918 stürzte die Werft in ihre erste existenzielle Krise, der Zusammenbruch des Dritten Reiches in die zweite. Doch wieder und wieder schafften es die Lürßen-Erben, sich mit zivilem Schiffbau über Wasser zu halten. Sie produzierten Fracht- und Überseeschiffe sowie Tanker. Erst Anfang der 50er Jahre lief das Rüstungsgeschäft wieder an, zunächst mit der Bundesmarine, dann mit der U. S. Army, der Royal Navy und der Marine Schwedens.

Mehr als vergoldete Waschbecken

Das Geschäft mit Motorjachten trat in den Hintergrund, nur vereinzelt legten die Schnellbootexperten auch Luxusjachten auf Kiel wie die legendäre "Carinthia V" von Kaufhauskönig Helmut Horten. Als das Schiff 1971 während der Jungfernfahrt an einem Riff vor der griechischen Insel Kephalonia zerschellte, bestellte Horten sofort ein neues. Noch größer sollte es sein. Wie ihre Vorgängerin besticht die 71 Meter lange "Carinthia VI" durch ihr futuristisches Design. Sie zählt heute zu den Klassikern des modernen Jachtbaus (der Designer war Jon Bannenberg).

Als Friedrich Lürßen 1977 im Alter von 28 Jahren nach seinem Studium als Diplomkaufmann in die Geschäftsleitung des Familienunternehmens eintrat, lag der Marineanteil am Umsatz bei bis zu 90 Prozent. Eine gefährliche Abhängigkeit, befanden Friedrich und sein Cousin Peter, der 1987 in das Unternehmen eingetreten war.

Auf einer Strategiesitzung Ende der 80er Jahre entschieden sich die Geschäftsführer für einen Kurswechsel: Mit dem Bau großer Luxusjachten sollte ein zweites, ziviles Standbein aufgebaut werden. Peter Lürßen gründete eine neue Abteilung mit zunächst sieben Mitarbeitern.

Eine weitsichtige Weichenstellung. Denn mit dem Ende des Kalten Krieges ging die Zahl der militärischen Aufträge drastisch zurück. Gleichzeitig erhöhte sich sprunghaft die Nachfrage nach sündhaft teuren Meeresdomizilen.

Mit jeder Jacht, die vom Stapel lief, näherte sich die Lürssen Werft dem Premiumsegment: 1993 wurde die 58 Meter lange und 34 Knoten (63 Stundenkilometer) schnelle "Izanami" ausgeliefert. Sie war damals das erste ausschließlich aus Aluminium gebaute Schiff dieser Größenklasse und die erste Jacht, die der englische Stararchitekt Sir Norman Forster entworfen hatte. Das nach einer japanischen Gottheit benannte Schiff gehört unter dem Namen "Ronin" heute übrigens zur Flotte von Larry Ellison.

Den endgültigen Durchbruch in die herrschende Klasse der Bootsbauer schaffte Lürssen mit der zeitlos schönen "Limitless", die 1997 an den amerikanischen Einzelhandelsbaron Leslie Wexner (Limited Inc) ausgeliefert wurde: 140 Kilometer Kabel und 34 Kilometer Rohrleitungen wurden auf dem 96 Meter langen Schiff verlegt, 900 Quadratmeter Teakholzbeplankung zieren das Deck des Nobelkreuzers.

Unverwechselbares Design, exklusive Ausstattung - was Lürssen-Produkte so unwiderstehlich macht, sind nicht nur elegante Rumpfformen und vergoldete Waschbecken. Der Mittelständler punktet vor allem mit technischen Neuerungen. Und er garantiert absolute Diskretion.

Barfuß feilschende Millionäre

Bei der Neuausrichtung der Werft profitierte Lürssen fraglos vom Marineschiffbau, Hightech-Jachten gelten als ähnlich komplex wie Fregatten. Auf Grund ihrer Kenntnisse aus dem Bereich des Schnellbootbaus können die Bremer beispielsweise Schiffe bauen, die selbst bei hohem Tempo kaum vibrieren; ihre Erfahrung beim Bau von Minensuchern wiederum ermöglicht es ihnen, auch Schiffe zu bauen, die nahezu lautlos schleichen können.

Supersicht: Von jedem Steuerhaus fertigt Lürssen ein 1:1-Modell, das der künftige Kapitän begutachtet

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Breit oder schnittig: Jeder Rumpf aus der Bremer Werft erhält eine unverwechselbare Form. Nur einmal erlaubte sich Lürssen ein Double

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Stahl oder Aluminium: Die schwimmenden Paläste aus Bremen sind Hightech-Maschinen

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Der Brioni des Jachtbaus:
Alle Lürssen-Modelle sind
maßgeschneiderte Kunstwerke

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400 der 1000 Lürssen-Mitarbeiter sind Ingenieure. Je größer und schneller die Schiffe werden, desto höher sind die technischen Anforderungen, im Großen wie im Kleinen: Wehe, wenn eine Klimaanlage nur etwas Zug verursacht oder wenn ein Elektrogerät surrt. Auf so etwas reagiert die anspruchsvolle Klientel empfindlich. Lürssen baut schon seit Jahren keine Minibars in Schlafräume ein, weil die Kühlaggregate bisweilen brummen. "Unsere Käufer", sagt Peter Lürßen, "haben extrem hohe Qualitätsansprüche."

Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Alle in Auftrag gegebenen Jachten werden zunächst detailgenau in der Modellbauabteilung gebaut: Der Käufer will ein 3-D-Feeling für sein teures Spielzeug entwickeln. Das Steuerhaus der neuen Jacht entsteht, wenn auch aus Spanplatten, gleich in Originalgröße: Der künftige Kapitän des Schiffes, der den Eigner während der Bauphase in der Regel vertritt, schätzt es, wenn er die Anordnung der Geräte im Cockpit selbst festlegen kann.

Zwei bis vier Jahre dauert der Bau einer Großjacht von der Bestellung bis zur Auslieferung. Nicht wenige Auftraggeber fliegen alle vier Wochen nach Bremen, um im Dock die Baufortschritte zu begutachten. Sie schreiten barfuß über Teppich- und Marmorböden, betasten Glas- und Holzwände, begutachten Toiletten, Kombüsen und Waschräume.

Natürlich gibt es auch Ärger. "Das ist wie beim Hausbau, wenn plötzlich Sonderwünsche ohne Mehrkosten eingefordert werden", erzählt Peter Lürßen. Und: Milliardäre feilschen bisweilen um den letzten Cent. Bei so mancher Glitzerjacht habe die Bremer Werft außer Renommee am Ende nichts verdient oder sogar Verluste gemacht, heißt es.

Es ist nicht so einfach, die anspruchsvolle Kundschaft bei Laune zu halten. Peter Lürßen lässt sich nachts aus dem Schlaf reißen oder unterbricht gar seinen Urlaub, wenn ein Kunde ruft. Die persönliche Betreuung durch die Inhaber zählt zu den wichtigsten Verkaufsargumenten: "Unsere Kunden schätzen es, dass sie es nicht mit angestellten Managern zu tun haben", berichtet Peter Lürßen.

Derzeit haben die Bremer zehn Aufträge für Jachten mit einer Länge von über 55 Metern in ihren Büchern. Das Konzept der Cousins ist aufgegangen. Rund 50 Prozent ihres Umsatzes erzielen sie mit Luxusschiffen.

Richtig reich macht das Geschäft mit den Reichen nicht. Wenn die Lürssen-Inhaber eine Umsatzrendite von 2,5 Prozent erwirtschaften, sind sie mindestens so glücklich wie die Allens und Ellisons dieser Erde. Zumal es sich auch mit ein paar Millionen ganz angenehm leben lässt.

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