Selbstständigkeit Nüchtern kalkuliert statt drauflos gewurstelt

Ihr eigener Chef zu sein, diesen Traum machen immer mehr Frauen in Deutschland wahr. Dabei gehen sie häufig geschickter vor als Männer, steigen in andere Branchen ein - und haben mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Berlin/Bonn - Ihr eigener Chef zu sein, war für Stephanie Albrecht schon lange ein Traum. "Weil ich mir nicht gern von anderen etwas sagen lasse", erzählt die Konditormeisterin. Vor zwei Jahren eröffnete sie in Berlin eine Patisserie und backt seither Hochzeitstorten und Tartes. Inzwischen hat sie zwei Geschäfte mit zehn Mitarbeitern.

Damit ist Albrecht eine Ausnahme. Zwar machen sich immer mehr Frauen selbstständig, doch häufig arbeiten sie nicht Vollzeit, sondern versorgen nebenher noch Haushalt und Kinder. Diese so genannten Zuerwerbsgründungen nehmen bei Frauen stark zu.

"Viele Mütter nutzen diesen Weg, um sich in der Familienphase ein berufliches Standbein zu sichern", erklärt Michael-Burkhard Piorkowsky, Professor für Haushalts- und Konsumökonomik an der Universität Bonn. Die Selbstständigkeit ermögliche ihnen, zeitlich flexibel zu arbeiten. Bisher sei dieser Bereich jedoch kaum wahrgenommen worden. "Meistens wird davon ausgegangen, dass Gründer männlich und jung sind und ihre Selbstständigkeit als Haupterwerbstätigkeit ausüben."

Dass dies nicht stimmt, zeigen Auswertungen des Mikrozensus: Rund 1,25 Millionen Frauen waren im Jahr 2004 ihr eigener Chef, das sind knapp ein Viertel mehr als 1996. Zwar stehen ihnen drei Millionen selbstständige Männer gegenüber, doch steigt der Anteil der Frauen. Ihre Unternehmen sind jedoch häufig kleiner und konzentrieren sich auf Dienstleistungen, etwa die Bereiche Gesundheit und Soziales.

Frauen gehen häufig anders an die Selbstständigkeit heran: "Sie sind vorsichtiger und informieren sich vorab intensiv, während Männer bei einer Idee oft einfach loslegen", erzählt Gabi Geulen-Naujoks, Beraterin von der Regionalstelle Frau & Beruf in Würselen. Frauen scheiterten dafür seltener.

Trotzdem haben es Frauen am Anfang besonders schwer. "Die Gründungsberatung ist meist auf Männer und eine Vollerwerbstätigkeit ausgerichtet", sagt Piorkowsky. "Wollen sich Frauen nur in Teilzeit selbstständig machen, wird ihnen gesagt: Das lohnt sich nicht." Dabei zeige eine Analyse, dass etwa die Hälfte der Teilzeitgründungen innerhalb von fünf Jahren in eine Vollzeitselbstständigkeit wechseln.

Wie bekommt Frau einen Bankkredit?

Die Wichtigkeit eines Businessplans

Auch bei der Finanzierung hapert es. Für Gründer ist es grundsätzlich schwierig einen Kredit zu bekommen. Gerade bei kleinen Darlehen hielten sich die Banken zurück, sagt Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Zwar gibt es öffentliche Förderungen, etwa die Mikrodarlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau. "Doch die Programme springen erst ein, wenn eine Bank gefunden wurde." Bei Frauen seien die Geldinstitute noch zögerlicher, ergänzt Katja Gieseler von der Bundesweiten Gründerinnenagentur in Stuttgart.

Voraussetzung für einen Kredit sind ein ausgearbeitetes Konzept und ein Businessplan. Dazu gehöre zunächst eine Marktanalyse, sagt Gieseler. Zunächst sollte recherchiert werden, ob es bereits ähnliche Angebote gibt und ob sich das eigene Unternehmen von anderen unterscheidet. Dann müsse geklärt werden, welche Preise gezahlt werden und wie hoch die Kosten sind. "So bekommen Gründerinnen ein Gefühl dafür, ob sie eine Chance haben."

Zur Analyse gehört auch ein Profilcheck. "Dabei sollte sich die Frau ehrlich fragen, ob sie die notwendigen Qualifikationen mitbringt", rät die Beraterin. Kenntnisse in dem gewählten Beruf seien zwar nicht zwingend, aber doch hilfreich. Zudem müsse geklärt werden, wo Wissenslücken bestehen. "Viele scheitern, weil sie mit der betriebswirtschaftlichen Seite nicht klar kommen", warnt Röhl.

Ebenso wichtig wie der Businessplan, ist das Gespräch mit der Familie. Freizeit und das zur Verfügung stehende Geld sind durch eine Selbstständigkeit stark eingeschränkt. "Die Familie muss dahinter stehen, sonst klappt es nicht", sagt Geulen-Naujoks. Konditorin Albrecht kann das bestätigen. "Man hat nie richtig frei und ist abends oft kaputt. Da braucht man einen verständnisvollen Partner."

Hinzu kommt bei vielen Frauen die Doppelbelastung von Haushalt, Kindererziehung und Beruf. "Sinnvoll ist, einen Plan aufzustellen, wie viel Zeit für das Unternehmen bleibt und wie viel für die Familie", sagt Gieseler. Feste Arbeitszeiten und ein Büro außerhalb der Wohnung erleichterten die Abgrenzung. "Auf der anderen Seiten hat ein Büro zu Hause auch Vorteile, weil die Kinder nicht alleine sind."

Ein- bis eineinhalb Jahre müssen Existenzgründerinnen einplanen, bis ihr Unternehmen läuft. Doch auch danach werden sie mit ihrer Arbeit selten reich. Piorkowsky rät, sich davon nicht abschrecken zu lassen. "Die Selbstständigkeit sollte mehrdimensional betrachtet werden. Auch wenn sie nicht viel Geld bringt, trägt sie doch sehr zur Arbeitszufriedenheit bei."

Viel Geld bleibt auch bei Stephanie Albrechts Konditorei bisher nicht hängen. "Wenn man vorher viel verdient, sollte man sich den Schritt gut überlegen". Trotzdem ist sie überzeugt, dass die Eröffnung der eigenen Konditorei richtig war. "Es ist sehr befriedigend, für sich selbst zu arbeiten."

Von Carina Frey, dpa

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