Etikette Feintuning dringend vonnöten

Viele Menschen sind unsicher, wenn es um Umgangsformen mit Kollegen, Vorgesetzten und Geschäftspartnern geht. Wer hält wem die Tür auf, wer zahlt im Restaurant, sind Handküsse noch üblich? Eine Umfrage unter Benimmexperten schafft Klarheit.

Bonn - Als der französische Präsident Jacques Chirac Kanzlerin Angela Merkel jüngst die Hand küsste, war das einigen Medien eine Meldung wert. Was früher zum guten Ton gehörte, ist heute eine Nachricht. Sind gute Umgangsformen so selten geworden, oder haben sie sogar gänzlich an Wert verloren?

"Der Handkuss ist im Alltag nicht mehr üblich", sagt Agnes Anna Jarosch, Benimmexpertin aus Bonn. Gutes Benehmen werde dagegen nach wie vor geschätzt. Doch wann sind gute Umgangsformen angebracht, und wie sehen sie aus? Mit einfachen Regeln kommen Mann und Frau heute nicht mehr weit. Vielmehr ist Aufmerksamkeit gefragt - auf beiden Seiten.

Ein Herr, der bei einem feierlichen Dinner seiner Tischdame den Stuhl heranschiebt, verhält sich aufmerksam. Rückt ein Mann seiner Kollegin in der Kantine den Stuhl zurecht, macht er sich lächerlich.

Der Kollegin die Tür aufzuhalten, ist eine nette Geste - sie dem Kollegen zu öffnen, allerdings auch. "Am Arbeitsplatz herrscht in Sachen Höflichkeit Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau", sagt Elisabeth Bonneau, Etikette-Trainerin aus Freiburg. "Die Gesten sind unangemessen, wenn sie sich auf den Umgang mit Frauen beschränken. Sie sind angebracht im gegenseitigen Umgang."

Wo früher der Mann die Führung übernahm, zählen heute andere Kriterien: Der Gastgeber bezahlt im Restaurant, der Rangniedrigere lässt dem Ranghöheren den Vortritt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die einladende oder die vorgesetzte Person ein Mann oder eine Frau ist - "was nicht heißt, dass der Chef dem mit Akten bepackten Azubi nicht auch die Tür aufhalten sollte", sagt Elisabeth Bonneau. Über allem stehe das Gebot der gegenseitigen Höflichkeit.

Doch trotz klarer Regeln - etwa wer wem zuerst die Hand reicht oder Getränke einschenkt - kommt es zu Missverständnissen. Probleme gebe es häufig dann, wenn Gleichberechtigte zusammentreffen, zum Beispiel Chef und Gast, sagt Mahena Stief. Die Wirtschaftspsychologin aus München hält nichts von pauschalen Verhaltensregeln. "Viele Leute fühlen sich unsicher. Sie denken, wenn sie zehn Regeln beherrschen, kommen sie zurecht." So einfach sei es aber nicht. "Es gehört mehr dazu, nämlich Aufmerksamkeit und Gespür für andere."

Bremst der Gesprächspartner beim Gang durch das Büro vor einer Tür ab, rechnet er damit, dass sie ihm geöffnet wird. Wer plötzlich schneller geht, erwartet, den Vortritt zu bekommen. Feingefühl ist auch im Umgang von Mann und Frau gefragt. Denn obwohl die Sonderbehandlung der Frau im Job eigentlich aufgehoben ist, kommt sie noch immer vor.

Die Managerin, die sich hofieren lässt

"Sie senden nicht die richtigen Signale aus"

"Ist mein Kunde ein Kavalier der alten Schule, kann es sein, dass er ein Problem damit hat, wenn ich ihm den Vortritt lasse", sagt Jarosch, Chefredakteurin der Loseblattsammlung "Stil und Etikette". Sie rät, sich in diesem Fall auf die klassische Frauenrolle einzulassen, um Missverständnissen vorzubeugen.

Das ist ohnehin eine Rolle, der manche Frau gar nicht abgeneigt gegenüber steht. "Viele Frauen freuen sich über höfliche Gesten", sagt Lis Droste, Etikette-Trainerin aus Frankfurt am Main. Zumindest im Job ist aber Zurückhaltung angebracht. Denn mit dem Damenstatus gehe auch die Rolle der passiven Frau einher, erklärt Bonneau.

Schließlich stamme die Etikette aus einer Zeit, in der Frauen als beschützenswerte Wesen angesehen wurden, die kaum etwas allein tun sollten. "Ich kann nicht als erfolgreiche Managerin auftreten und mich gleichzeitig von allen Seiten hofieren lassen. Das passt nicht zusammen und macht mich unglaubwürdig", warnt Droste.

Während es im Beruf zumindest einige Regeln gibt, fehlt im Privatleben eine Orientierung. Schwierig wird es, wenn Frau und Mann sich nicht gut kennen. Oft ist unklar, was der andere erwartet. "Das Problem ist, dass viele Frauen zuvorkommend behandelt werden wollen, aber nicht die richtigen Signale senden", sagt Agnes Anna Jarosch.

So ist es für Männer schwer, die Lage richtig einzuschätzen. Wo er durch die Begleitung zur Haustür seinen Schutz anbieten will, sieht sie möglicherweise zu viel Intimität. Und zahlt er immer die Rechnung, fühlen sich manche Frauen in ihrer Selbstständigkeit angegriffen.

Ist ihr die Aufmerksamkeit unangenehm, sollte sie das auf nette Art zeigen - etwa indem sie dem Mann zuvorkommt und ihren Mantel selbst auszieht, sagt Jarosch. "Dann merkt er, dass sie keinen Wert auf Hilfe legt." Auch ein "Danke, das geht gerade besser allein", könne die Situation klären. Keinesfalls sollte die Frau patzig werden. "Dann stehen Sie schnell als Oberzicke da", warnt Stief.

Wann welche Etikette im Privatleben angebracht ist, hängt stark von der Gelegenheit ab. Was bei einem alltäglichen Ausflug albern scheint, ist bei einem Ball angebracht. "Einer Frau mit Jeans und Turnschuhen muss ich nicht aus dem Auto helfen", sagt Droste. Mit Stöckelschuhen und Abendkleid sei das Aussteigen hingegen schwierig und Hilfe angemessen.

Einige Regeln sind aber völlig überholt - egal in welchem Umfeld. "Ich habe noch gelernt, dass sich ein anständiges Mädchen nicht selbst vorstellen darf", erzählt Elisabeth Bonneau. "Dieser Grundsatz ist aufgehoben."

Von Carina Frey, dpa

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.