Götz Werner Gegen den Strom

Der Anthroposoph und Selfmade-Milliardär Götz Werner leitet die dm-Drogeriemärkte wie Waldorfschulen und wappnet sich mit sanften Weisheiten für einen harten Wettbewerb. Doch reichen Güte und Goethe allein zum Erfolg?

Die Wunderwaffe ist zehn Zentimeter lang und aus Stahl: eine Stimmgabel. Götz Werner bedient sich des Klangkörpers, wenn er nach innerer Ruhe sucht - zum Beispiel, wenn jemand am Telefon mal etwas lauter oder anstrengend wird.

In solchen Momenten schlägt er die Stimmgabel an die Kante seines Schreibtischs und hält sich die schwingenden Metallzinken ans Ohr. Den Misstönen der Wirtschaftswelt setzt Werner ein perfektes A entgegen. "In jedem Mann", entschuldigt er seinen Spleen, "steckt ein Kind."

In diesem Fall ist das Kind 62 Jahre alt, weißhaarig und Gründer der dm-Gruppe (Umsatz: rund drei Milliarden Euro), der - hinter Schlecker - zweitgrößten Drogeriemarktkette der Republik.

Götz Werner sitzt an diesem Tag in seinem schlichten Büro am Stadtrand von Karlsruhe und widerspricht nicht nur dem Klischee, sondern auch den Denkmustern des Marktwirtschaftens: "Es ist ein fataler unternehmerischer Fehler, wenn man immer nur auf Wachstum fixiert ist."

Von seinen rund 23.000 Beschäftigten in den ungefähr 1640 Filialen erwartet Werner Größeres: dass sie sich Gedanken machen über Sortiment und Preise; dass seine Lehrlinge Theaterseminare besuchen und den Prolog aus Goethes Faust einstudieren: "Er ist sich seiner Tollheit halb bewusst / Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne."

Der Drogist glaubt, dies komme dem Selbstbewusstsein, aber natürlich auch der Abverkaufe zu Gute. "Hier bin ich Mensch, hier kauf' ich ein", lautet der Werbeslogan des Hauses. Mit Goethe für Deos und Damenbinden. Doch die Weisheiten des Dichterfürsten allein reichen kaum aus, ein Milliardenunternehmen zu führen.

Gewiss, Werner schwört auf die Ideen des Anthroposophen und Begründers der Waldorf-Pädagogik, Rudolf Steiner, der die so genannte innere Formung des Menschen über den so genannten äußeren Wissenserwerb stellt. Aber natürlich ist Götz Werner in erster Linie Geschäftsmann und den spröden Gesetzen des Soll und Haben unterworfen: Er ist einer, der scharf kalkuliert und der sich einen erbitterten Wettbewerb mit Schlecker, Rossmann und anderen liefert.

Der "Querdenker"

Obendrein hat der Mann ein glänzendes Gespür fürs Sortiment und gilt als exzellenter Preisdrücker. Kleinere Konkurrenten verscheucht er wie Vögel aus dem Obstgarten oder frisst sie auf, wie jüngst 37 Filialen von Idea.
Werner ist Schöngeist und Kraftmeier in einer Person, sanft und hart zugleich. Zwei Seelen wohnen, ach!, in seiner Brust. Ein Widerspruch? 1944 kam Götz Wolfgang Werner als Jüngstes von fünf Kindern in Heidelberg zur Welt. Seine Mutter, eine resolute Preußin, studierte Psychologie; Werners Vater, stolzer Besitzer eines Buchs mit Goethe-Zitaten, führte ein Drogeriegeschäft in dritter Generation.

Sohn Götz war Mitglied im Ruderclub, gewann 1963 die deutsche Jugendmeisterschaft im Doppelzweier. Als unangepassten "Querdenker" bezeichnet ihn Günter Bauer, damals Ruderpartner, heute Leiter der dm-Geschäfte in Österreich.

Werner legte sich als Teenager gern mal mit Autoritäten an, etwa mit seinem Rudertrainer, wenn ihm dessen Methoden nicht passten.

Seine Schulzeit empfand er als eine Tortur, Lehrer verpassten ihm immer wieder Stockhiebe auf die Finger, aus nichtigem Anlass. Beruflich folgte der junge Rebell der Familientradition.

Nach einer Drogistenlehre arbeitete Werner bei der Idro in Karlsruhe, 50 Kilometer von Heidelberg entfernt. Doch sehr bald hatte er weitergehende Vorstellungen. 1972 entwickelte Werner ein neuartiges Konzept.

Nach dem Wegfall der Preisbindung, meinte er, könnte man aus den Drogerien im Kleinkrämer-Stil doch Supermärkte für Zahnpasta und Klopapier machen. Die Idro hingegen hielt wenig von diesen Ideen. Werner kündigte.

1973 eröffnete der damals 29-Jährige in Karlsruhe seinen ersten eigenen Laden. Er nannte ihn Drogeriemarkt, kurz dm. Ein Jahr später stieg der damalige Gesellschafter des Karlsruher Lebensmittelfilialisten Pfannkuch, Günther Lehmann, als Geldgeber ein. Seither teilen sich die beiden das Firmenkapital.

Alles in Werner strebte nach Ausdehnung. Unermüdlich suchte er fortan nach Läden, reiste durch Süddeutschland, handelte Mietverträge aus: "Der Erfolg hat einen fast aufgefressen."

Von der Rastlosigkeit und den Leiden des jungen Werner ist heute nurmehr wenig zu spüren. Entspannt sitzt Werner an seinem Schreibtisch in Karlsruhe und kündet von anthroposophischen Erkenntnissen, an denen er in den 70er Jahren einen Narren fraß.

Strikte Bescheidenheit

Mit seiner ersten Frau war er sich damals einig: "Das, was wir in der Schule erlebt haben, dürfen wir unseren Kindern nicht zumuten." Werner schickte seine sieben Kinder auf die Waldorfschule und begann, in Steiners Werken zu schmökern.
"Mit Hilfe von Anthroposophie verstehe ich Menschen und die Entwicklungen der Welt besser", gibt Werner bekannt und lugt über seine Lesebrille. Und wer die Menschen besser versteht, macht als Händler bekanntlich auch bessere Geschäfte.

Werners ruhige Stimme lässt selbst solche Binsenweisheiten bedeutungsvoll klingen: "Erfolge kommen immer dann, wenn man wahrnimmt, was der Markt wirklich will."

Tatsächlich beobachtet Werner seine Umgebung sehr genau; sein Ältester, Christoph (32), sagt: "Man hat das Gefühl, er ist permanent auf Empfang." Noch heute linst der Vater gern in fremde Einkaufswagen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Leute kaufen wollen, und um nicht den Kontakt zur Basis zu verlieren.

Seine Kinder erzog Werner zu strikter Bescheidenheit: Als jemand auf die dumme Idee kam, seiner damals 14-jährigen Tochter Cornelia ein Radio zu schenken, beschlagnahmte er es. Die Werners musizierten schließlich selbst, das Familienoberhaupt blies Querflöte. Bis heute verzichtet die Familie auf Fernseher und Computer.

Und statt auf einer Jacht durch die Karibik zu kreuzen, rudert Werner in einem knapp zehn Jahre alten Boot auf dem Bodensee. Offenbar tut der ehemalige Sportler dies immer noch recht zügig: Zum Beweis zeigt Werner die Schwielen auf seinen Handflächen.

In seinem Büro, das allenfalls 20 Quadratmeter misst, verzichtet Werner auf Schnickschnack wie Konferenztisch oder Ledergarnitur. Man könnte es mit dem Arbeitszimmer eines Kommunaldezernenten vergleichen.

Auffällig ist außer der Stimmgabel nur ein blauer Kristall auf dem Schreibtisch - Mineralien wohnen, der Anthroposophie zufolge, heilsame Kräfte inne. Man muss das nicht glauben, aber es schadet auch nichts. An der Wand indes hängen Tatsachen: Fotos der Kinder.

Werners älteste Tochter Cornelia (34) ist Malerin und Bildhauerin, bearbeitet Baumstämme mit Kettensäge und Meißel, um daraus menschliche Figuren zu formen. Sie erzählt vom bedingungslosen Vertrauen, das der Vater ihr entgegenbringe: "Es ist einem manchmal schon fast zu viel." Wenn er eine ihrer Ausstellungen besucht, verliert Werner kein Wort der Kritik oder des Lobes: Er will ihr halt nicht dreinreden.

Heile dm-Welt?

Sohn Christoph war fest entschlossen, Hubschrauber- oder Düsenjägerpilot bei der Bundeswehr zu werden, möglicherweise ein Reflex auf die gemeinhin als friedfertig geltende Waldorf-Ausbildung. Widerspruch des Vaters erntete er nicht, dennoch überlegte es sich Christoph nach dem Abitur anders: Er studierte BWL und arbeitet heute beim Pharmakonzern GlaxoSmithKline  in Pittsburgh, USA. Nebenbei gibt er an der dortigen Waldorfschule einen Kurs über die volkswirtschaftlichen Positionen Rudolf Steiners.
Werner senior könnte sich seinen Ältesten durchaus in der dm-Leitung vorstellen. Allerdings war es "immer klar für ihn", sagt Christoph Werner, "dass es keine dynastischen Verhältnisse gibt." Eine Aufstiegsgarantie hat der Filius nicht, er bewährt sich erst einmal in anderen Unternehmen.

Nachfolger Götz Werners soll 2008 sein Stellvertreter Erich Harsch werden; Werner rückt dann wohl an die Spitze des Aufsichtsrats: So kann er darüber wachen, dass sich an den dm-Besonderheiten nicht allzu viel ändert.

Seinen Leuten bietet Werner Fortbildungskurse an, die während der bezahlten Arbeitszeit stattfinden; beim Seminar Kreativität und Entwicklung dürfen Filialleiter malen und fotografieren. In dm-Logistikzentren stellen Künstlergruppen, die sich aus Lagerarbeitern zusammensetzen, Skulpturen und Gemälde aus: Es geht kreativ zu wie in einer Waldorfschule, und Werner betrachtet sich als Ästheten, auch wenn er mit seinem hellgrauen Sakko und der dm-Anstecknadel alles versucht, dass es keiner merkt.

Meist verlässt er gegen 18 Uhr das Büro. Danach inspiziert er gern mal eine dm-Filiale, schüttelt jedem Mitarbeiter die Hand: "Guten Tag, mein Name ist Werner." Dann rückt er mit dem Besenstil ein paar Deckenleuchten zurecht, um die Ware besser auszuleuchten. Zudem kauft Werner ein, erst kürzlich Sojamilch in einer Filiale in Wiesbaden, und sammelt Bonuspunkte mit der Payback-Karte. Heile dm-Welt? "Die kochen auch nur mit Wasser", sagt ein Verdi-Vertreter in diesem typischen Verdi-Tonfall.

Bis heute macht dm keine Anstrengungen, dem Arbeitgeberverband beizutreten. Auch einen so genannten Anerkennungstarifvertrag will Werner nicht unterschreiben. Gewiss, die dm-Gehälter richten sich nach den aktuellen Tarifen. Doch sie könnten spürbar sinken, fürchtet die Gewerkschaft, wenn der Preiskampf mit den Konkurrenten Schlecker und Rossmann noch härter wird.

Schon vor knapp drei Jahren meuterten Lagerarbeiter im dm-Logistikzentrum Meckenheim: Der Fall landete beim Arbeitsgericht, am Ende wurden die Arbeiter eine Tarifgruppe höher eingestuft.

Selbst bei dm, der anthroposophischen Villa Kunterbunt unter den Drogeriediscountern, herrscht grauer betriebswirtschaftlicher Alltag.

Rhetorik und Realität

Das gilt auch im Umgang mit den Kunden. Götz Werner will mit Marketing und Werbung zwar dem "Kulturfortschritt dienen und an das Menschliche im Kunden appellieren". Der Besuch in einer Rüsselsheimer Filiale zeigt allerdings, dass auch dm die üblichen Händlerkniffe beherrscht.
Im hinteren Teil der schnieken Filiale stehen leere Pappkartons auf den obersten Regalböden, sie dienen dem Kulturfortschritt, indem sie den Kunden Discount- und Schnäppchenatmosphäre vermitteln. Im ganzen Laden fehlen zudem Wegweiser zu einzelnen Warengruppen: Solcherart fehlgeleitet, suchen Kunden möglicherweise länger nach ihrem Klopapier und legen währenddessen vielleicht noch ein paar Spontankäufe in den Korb.

Sind die hehren ethischen Prinzipien für Werner nur ein Marketinggag? Nein, sagen sogar Verdi-Vertreter: Werner pflege einen fairen Umgang mit seinen Mitarbeitern. "Kündigungen gibt es bei dm so gut wie nie", betont auch die Betriebsratsvorsitzende Anja Michelatsch.

Seit dem Wintersemester 2003/2004 verbreitet der Unternehmensphilosoph Götz W. Werner seine Erkenntnisse auch an der Universität Karlsruhe, wo er als Honorarprofessor das Institut für Entrepreneurship leitet. Wenn Werner doziert, sagt er Sätze, die Goethe kaum poetischer hätte formulieren können: "Zwar heißt es immer, Liebe mache blind. Den Unternehmer aber macht Liebe sehend."

Nicht jeder Zuhörer kann solch blumigen Aussagen etwas abgewinnen. "Weniger Gelaber, mehr Fakten", notierte ein Student als Verbesserungsvorschlag ("Allgemeine Kommentare aus der Umfrage"): "Professor Werner gibt jedoch einige gute Sprüche zum Besten", heißt es weiter, "sehr amüsant."

Es gehört zu Werners Stärken, dass er trennen kann zwischen Rhetorik und Realität. Werner leistet sich für dm genau so viel Ethik, dass sie dem Geschäft nicht schadet.

Aber immerhin, er bietet seinen Beschäftigten eine deutlich angenehmere Arbeit, als es bei den meisten Wettbewerbern denkbar wäre. Und in einer vergleichsweise großzügigen dm-Filiale einzukaufen macht außerdem allemal mehr Spaß als in einer voll gestellten Discounter-Bude.

Wären seine Ideen nur Theater, sagt der Drogerie-Chef, würden seine Kunden die Masche schnell durchschauen: "Wie bei einer aufgedonnerten Frau, die sehen Sie ja irgendwann auch ohne Schminke."

Schiere Masse: Dreikampf der Drogisten

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