Islam-Knigge Jede Menge Reizthemen

Geschäfte in islamischen Ländern zu tätigen, das kann sich als durchaus lukrativ für deutsche Unternehmen erweisen. Wenn da nur nicht der kulturelle Unterschied wäre. Viele Deutsche scheitern, weil ihnen das nötige Fingerspitzengefühl fehlt.

München/Saarbrücken - Berufliche und geschäftliche Kontakte in muslimische Länder sind für deutsche Unternehmen nicht ungewöhnlich. Doch Nahostkonflikt, Golfkrieg, der "Kampf gegen den Terror" der USA und die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen haben solche Geschäftsbeziehungen nicht einfacher gemacht.

Fingerspitzengefühl im Umgang mit islamischen Partnern in Deutschland oder im Ausland ist daher auch im Berufsalltag umso mehr gefragt. Über einen Kamm scheren lassen sich muslimische Länder nicht: "Nordafrika ist anders als der Libanon oder Saudi-Arabien", sagt Fouad Zoweil aus Darmstadt. "Europäer beschäftigen sich insgesamt wenig mit islamischer Kultur und differenzieren da oft nicht", sagt der Betriebswirt und Unternehmensberater. Irritationen hätten ihren Grund daher häufig schlicht in Unkenntnis.

Die aktuellen politischen Entwicklungen haben nach Einschätzung des gebürtigen Ägypters auf der professionellen Ebene zwar geringe Auswirkungen. Deutsche sollten bei beruflichen Kontakten mit Muslimen dennoch sensibler sein als bisher. Bei bestimmten Reizthemen beispielsweise empfehle es sich, sie nur mit guten Bekannten zu diskutieren. Dazu gehörten der Nahostkonflikt und die Politik Israels, sagt Zoweil.

Viele Europäer ließen sich auch anmerken, von der Überlegenheit der eigenen Kultur überzeugt zu sein, kritisiert Béatrice Hecht-El Minshawi. Längst sei in Vergessenheit geraten, dass der Westen der arabischen Kultur viel verdankt: "Nicht nur Wörter wie Tarif, Scheck oder Zucker haben arabischen Ursprung", betont die Expertin für interkulturelle Kompetenz aus Bremen, die Führungs- und Fachpersonal auf die islamische Welt vorbereitet. "Sondern auch viele wissenschaftliche Erkenntnisse, zum Beispiel in der Medizin."

Geschäftsleute im Orient seien oft sogar gebildeter als ihre Partner aus Europa. Manche wissen von klassischer Musik und Literatur deutlich mehr als umgehrt Europäer von Kunst und Kultur aus deren Heimat. "Wer in dieser Hinsicht zumindest Grundkenntnisse mitbringt, kann im Smalltalk daran anknüpfen", sagt die Expertin. "Und sei es nur, dass man schon einmal etwas von Nagib Mahfuz gelesen hat, dem ägyptischen Literaturnobelpreisträger."

Religion spielt in islamischen Ländern eine ganz andere Rolle als im säkularisierten Europa: "Der Islam bestimmt auch das Alltagsleben und die Arbeitswelt der Muslime", sagt Hecht-El Minshawi. Die Zahl der Gläubigen sei einfach höher als in europäischen Ländern. Deutsche Unternehmen im Orient seien daher gut beraten, beispielsweise dafür zu sorgen, dass es einen Gebetsraum und einen Raum für rituelle Waschungen gibt.

Die besondere Rolle der Türkei

"Religion ist nicht Small-Talk-tauglich"

"Europäer werden in der Regel automatisch als Christen wahrgenommen", sagt Paul Schiffmann aus Saarbrücken, der für das Institut für Interkulturelles Management Fachkräfte auf Auslandsaufenthalte in islamischen Ländern vorbereitet. "Wer andeutet, Atheist zu sein, belastet das Verhältnis zu muslimischen Gesprächspartnern." Das Thema Religion hält der Psychologe für "auf keinen Fall Small-Talk-tauglich."

Auch Anbiederung in dieser Hinsicht sei nicht zu empfehlen: Wer zu deutlich Interesse am Islam bekundet, könne bei seinem Gegenüber auch einen "Missionsreflex" auslösen. Diskussionen über theologische Fragen sollten daher - wenn überhaupt - nur im privaten Kreis unter Freunden geführt werden. Die Mohammed-Karikaturen sind in jedem Fall nach wie vor ein heikles Thema - bei dem es sich empfiehlt, es nicht von selbst anzusprechen. Geht das Gespräch in diese Richtung, rät Schiffmann, "sich nicht demonstrativ als Vorkämpfer der Pressefreiheit aufzuspielen", sondern zumindest zu zeigen, dass man verstehen könne, warum Muslime verletzt sind.

Eine besondere Rolle nimmt die Türkei ein: "Sie ist ein säkulärer Staat. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied zu anderen islamischen Ländern", sagt Nilüfer Boysan-Dietrich aus München. "Religion ist im Alltag und Geschäftsleben deshalb nicht allgegenwärtig", sagt die Türkei-Expertin und Unternehmensberaterin.

Auch wenn die meisten Türken Religion als Privatsache betrachten, sei allerdings zu empfehlen, öffentlich nicht respektlos oder sogar abschätzig über den Islam zu sprechen. Sensibel sollte auch mit allen Themen umgegangen werden, die den "nationalen Stolz" betreffen, rät Boysan-Dietrich. Denn auch ein säkulärer Staat hat Symbole, die gewissermaßen als heilig gelten - wie in der Türkei die Flagge.

Zu interkulturellen Missverständnissen kommt es zwischen Deutschen und Türken nach Boysan-Dietrichs Beobachtung allerdings eher aus anderen Gründen: "Das Kommunikationsverhalten ist sehr unterschiedlich", sagt die Expertin. "In der Türkei sagt man zum Beispiel nicht "Das ist eindeutig falsch" oder "Das kann ich mir gar nicht vorstellen"." Solche deutlichen Zurückweisungen gelten mindestens als unhöflich, könnten aber auch als "Du bist ein Lügner" missverstanden werden und wären dann sogar ein Angriff auf das Ehrgefühl des Gesprächspartners.

Andreas Heimann, dpa

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