Gehälter Wettstreit um die besten Talente

Die Lohn- und Produktionskosten in Indien steigen - wenngleich von einem geringen Niveau aus. Die Steigerungsraten wurmen dennoch einige internationale Technologiekonzerne. Dabei sind sie es, die durch das Werben um qualifizierte Kräfte die Gehälter nach oben treiben.

Hamburg - IBM  kündigt an, sein Engagement in Indien zu verstärken, Microsoft  will dort 1,7 Milliarden Dollar investieren und 3000 Leute einstellen, AMD , Cisco , Intel  - alle Schwergewichte aus der Computer- und IT-Welt vergrößern ihre Standorte auf dem Subkontinent mit Milliardenaufwand oder eröffnen neue. "Indien ist auf dem Weg zu einem Fertigungsstandort von globaler Bedeutung", sagt der Landeschef von Siemens , Jürgen Schubert.

Die Welt will teilhaben am indischen Erfolg, wo doch die Lohn- und Produktionskosten so niedrig sind. Der indische Branchenverband Nasscom meldet für das laufende Jahr ein Wachstum von rund 30 Prozent im IT-Bereich. In Deutschland wächst der IT-Sektor nur noch um knapp drei Prozent, wenn auch auf höherem Niveau. Analysten sprechen von einem unglaublichen Innovationspotential und unschlagbaren Kostenvorteilen in Indien.

Das mit den Kostenvorteilen sieht SAP  inzwischen differenzierter. "Wir stellen gerade in Zentren wie Bangalore einen verstärkten Wettbewerb um geeignete Kräfte fest", sagt SAP-Sprecher Michael Rust zu SPIEGEL Online. Dadurch würde das Lohnniveau stark zunehmen. "Als internationaler Konzern suchen wir deshalb nach alternativen Standorten." Es gehe aber nicht darum, sich aus Indien zurückzuziehen. Das Land habe weiterhin "nicht nur als Entwicklungszentrum, sondern auch als Markt enormes Potential", erläutert Rust frühere Äußerungen von Konzernchef Henning Kagermann.

Der hatte der allgemeinen Indien-Euphorie Ende Januar einen Dämpfer verpasst: SAP wolle verstärkt in China und Osteuropa investieren und sein Engagement auf dem Subkontinent dafür bremsen. Mit seiner Aussage "Indien wird langsam zu teuer" hatte Kagermann am Rande des Weltwirtschaftsgipfels im schweizerischen Davos für Verwunderung gesorgt. Man habe sich vorgenommen, erklärte Kagermann, "dort nur noch eine bestimmte Zahl" an Mitarbeitern einzustellen und sich dann "nach anderen" Standorten umzuschauen.

200 Euro im Monat Anfangsgehalt

Indien - zu teuer? "Das kann man so nicht sagen", schränkt Johannes Wamser ein, Gründer der Unternehmensberatung India Consult. Die Löhne dort schwankten wie überall von Branche zu Branche und von Region zu Region. Ein Industriearbeiter verdiene zum Beispiel weniger als vier Euro pro Tag; in Bangalore seien die Löhne im IT-Bereich dagegen relativ hoch. "Aber Sie bekommen dort einen hoch qualifizierten Top-Mann - ich rede von der Geschäftsführerebene eines mittelständischen Unternehmens - für 600 bis 1000 Euro pro Monat", weiß Wamser.

Ein Berufsanfänger mit Studienabschluss koste sogar nur 200 bis 300 Euro. Ein deutscher Ingenieur bekommt unmittelbar nach Uni-Abschluss etwa 3200 Euro monatlich. "So viel verdient in Indien nicht mal einer mit 20, 25 Jahren Berufserfahrung", so Wamser: "Der bekommt nämlich höchstens 2000 Euro."

Indische Technikhochschulen immer gefragter

"Die Kleinen haben das Nachsehen"

Doch in den Berufen, die einen hohen Bildungsgrad erfordern, steigen die Löhne rasant. Westliche Firmen zögern nicht lange, wenn ein junger Ingenieur plötzlich 600 Euro statt 300 verlangt. Im Vergleich zu dem, was im Silicon Valley gezahlt wird, ist das immer noch spottbillig. Die meisten Inder wissen das, vom Hörensagen, aus den Medien oder von ihren Auslandserfahrungen, die viele vor allem in den USA machen. Viele bleiben ganz in der neuen Heimat.

Die Folge: Wo das Reservoir intelligenter, junger Bewerber lange Zeit unerschöpflich schien, werden qualifizierte Kräfte knapp. "Die Zahl der Firmen, die in den indischen Metropolen um Ingenieure und Informatiker werben, nimmt zu", sagt Wamser. "Die großen Unternehmen, internationale wie indische, können mit höheren Löhnen locken. Die Kleinen haben das Nachsehen."

Bildungshunger stillen, für Arbeitskräfte sorgen

Um der gestiegenen Nachfrage nach gut ausgebildeten Kräften gerecht zu werden, bauen nahezu alle Konzerne eigene Akademien auf oder fördern bestehende Universitäten mit Millionensummen.

Junge Menschen mit dem Willen zu lernen gibt es in Indien genügend. Jeder Zehnjährige in Neu-Delhi, Bombay und Madras weiß mit dem Namen Bill Gates etwas anzufangen - und will so erfolgreich, so berühmt, so reich werden wie der Microsoft-Gründer. Nur ist Bildung dort nach wie vor eine Geldfrage; viel Potential bleibt daher ungenutzt.

Nach Angaben der Regierung in Neu-Delhi verlassen jährlich knapp 300.000 Ingenieure die indischen Universitäten. In Deutschland beendeten 2004 rund 37000 Studenten ein ingenieurwissenschaftliches Studium. "Das entspricht in der Relation in etwa den Bevölkerungsverhältnissen, aber es zeigt, dass die Geschichte vom armen Entwicklungsland, das nicht in der Lage ist, seine Menschen auszubilden, so nicht stimmt", sagt ein deutscher Bosch-Mitarbeiter in Bangalore.

Fachleute zählen indische Technikhochschulen mittlerweile zu den besten der Welt. Das Indian Institute of Technology (IIT) in Kharagpur bei Kalkutta landet in Umfragen auf Platz vier - nach drei US-Universitäten und noch vor jeder europäischen.

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