Bonus-Zahlungen Füllhorn über London

Rund 7,5 Milliarden Pfund schütten Goldman Sachs, Deutsche Bank & Co. in diesem Jahr an Sonderprämien für ihre Londoner Investmentbanker aus. Doch nicht nur die horrenden Boni machen die City als Arbeitsplatz für deutsche Banker interessant.
Von Karl von Klitzing

London - Die Glücksgöttin Fortuna kreist derzeit über der City of London. In der Hand hält sie ein randvolles Füllhorn, das sie nach und nach über der Square Mile zu entleeren gedenkt. Die Angestellten von Goldman Sachs , Lehman Brothers  und Merrill Lynch  durften ihre Segnungen schon vor einiger Zeit erfahren. In der vergangenen Woche war UBS  an der Reihe. Und die Deutsche Bank  ist auch in dieser Disziplin im Hintertreffen: Ihre Banker bekommen mit als Letzte in der ganzen City am 6. Februar den begehrten Bonus ausgeteilt.

Fortuna hat dieses Mal Großes im Gepäck: Nach Berechnungen der City-Denkfabrik "Centre for Economics and Business Research" (CEBR) bekommen rund 3000 Banker in diesem Jahr einen zusätzlichen Gehaltsscheck von mehr als einer Million Pfund (1,5 Millionen Euro). Das ist immerhin knapp 1 Prozent der rund 325.000 Banker in der City. Der boomende Aktienmarkt und eine gestiegene Anzahl von Firmenzusammenschlüssen haben die Gewinne der Banken auf Rekordniveau steigen lassen. Insgesamt, so schätzt das CEBR, werden in diesem Jahr Boni im Wert von rund 7,5 Milliarden Pfund auf die City niederprasseln. Das entspricht in etwa der Höhe des Bruttosozialprodukts von Mazedonien, immerhin einem Staat mit mehr als zwei Millionen Einwohnern.

Die Boni liegen erstmals wieder über den Summen während des Internetbooms im Jahr 2000. Dabei agiert Fortuna aber weniger wie ein verspätetes Christkind, sondern eher als monetäre Reinkarnation vom Nikolaus und seinem Knecht Ruprecht. Denn die Höhe der Sonderzahlung ist ein klares Signal. Nicht die absolute, sondern die relative im Vergleich zum Vorjahr. Hat der Chef beispielsweise beschlossen, seinem Untergebenen den Bonus von 600.000 Pfund im Vorjahr auf "nur" 500.000 zu kürzen, kann der Rausschmiss kurz bevorstehen. "Liebling, wir müssen kürzer treten", heißt es dann schnell zu Hause, und aus dem ruhigen Zwölf-Stunden-Arbeitstag wird ganz schnell einer mit 22 Stunden.

Porsche nur nach Vorbestellung

Doch wer einen der 3000 Schecks ergattert, die auf Summen über einer Million Pfund ausgestellt sind, der fühlt sich wie ein Lottogewinner. Er zahlt die absurd hohe Hypothek auf sein windschiefes Londoner Reihenhaus in Notting Hill oder South Kensington ab und kauft sich dazu noch gleich eine Villa in Südfrankreich, wo er aber dank Zeitmangels sowieso nur Frau und Kinder hinfahren lassen kann, was aber wiederum nicht ganz unpraktisch ist, denn dann sind sie wenigstens eine Zeit lang weit genug weg und maulen ihm nicht wegen des 22-Stunden-Arbeitstages die Ohren voll. Gerade im südlichen Europa rechnen die Immobilienhändler in diesem Jahr mit einem starken Ansteigen der Preise - allein wegen der enormen Boni in der City.

Für Nicht-Familienväter unter den Bonusempfängern bietet sich das neueste Porsche-Cabrio-Modell (gesprochen: Poohsch) als Spielzeug an. "Das ist für uns aber eher ein klassischer urbaner Mythos", sagt dazu allerdings Andrew Davis, Pressesprecher bei Porsche UK. "Man kann nicht einfach in einen Laden reinschneien und einen Porsche bar kaufen. Unsere Modelle müssen immer vorbestellt werden." Davis sieht daher keine Nachfragespitze wegen der aktuellen Bonusflut.

Tilgung statt Champagnersause

Ansonsten sollen gepflegte Champagnersausen im Vergnügungsviertel Westend mit Rechnungen um die 100.000 Pfund mit viel entblößter Haut sehr beliebt sein. Zumindest wissen die britischen Revolverblätter von der "Sun" bis zum "Evening Standard" derzeit in ihren Schlagzeilen allerhand erkleckliche Skandälchen über die wild gewordenen Geldverleiher ihrer Leserschaft zu berichten. Ein weiterer urbaner Mythos? Denn wen man in der City auch fragt, keiner will es gewesen sein. Keiner will an wilden Partys nach der Bonusvergabe teilgenommen haben. Denn eines ist klar: Seriosität und Verschwiegenheit sind noch immer die Kardinaltugenden im Bankengeschäft. "Ich werde mein Haus abbezahlen", sagt ein deutscher Deutsch-Banker auf die Frage, was er mit dem Geldsegen zu tun gedenke. Keine Ausschweifungen? "Nein, so etwas machen nur die Trader. Die werden dann ganz wild." Die Schlimmen, das sind also wieder einmal mehr nur die anderen.

Auch wenn die Deutsche Bank mit als Letzte im gesamten Londoner Finanzdistrikt ihre Boni verteilt, so wird London für deutsche Banker trotzdem immer attraktiver gegenüber der deutschen Finanzmetropole Frankfurt. Schon jetzt hat die Deutsche Bank weitaus mehr Angestellte in London als im Hessischen. Denn in der City spielt die Musik, seit jeher werden die wichtigsten Finanzgeschäfte hier abgewickelt und keine Bank kann es sich leisten, nicht in voller Stärke vertreten zu sein. In den meisten Marktsegmenten des Finanzsektors ist London führend und dieser Vorsprung führt dazu, dass zugleich Auftraggeber und -nehmer in London sein müssen, allein um nichts zu verpassen.

Neben hohen Gehältern, den sagenumwobenen Boni und niedrigen Spitzensteuersätzen locken weitere Vergünstigungen Heerscharen von deutschen Bankern in die City. So veranlagt der britische Staat seine Einwohner nicht auf ihr weltweites Einkommen, sondern nur auf das, was sie in England verdienen. Wer schlau agiert, kommt so um viele Steuerzahlungen herum. In Deutschland deklariert er sich nach seinem Umzug nach London als Steuerausländer, belässt aber sein Vermögen in Deutschland und zahlt daher weder in Deutschland noch in Großbritannien Vermögensteuern. Wer "wirklich" vermögend ist, handelt mit der englischen Steuerbehörde seine Steuerpflichten für die in England angehäuften Reichtümer wie auf dem Basar aus.

Der Stress beginnt nach der Arbeit

Da Investmentbanker aber oft die ganze Woche nicht an ihrem Schreibtisch in London, sondern irgendwo auf der Welt an einem Deal arbeiten, kommt ein großer Teil ihres Gehalts oft erst gar nicht in die Reichweite der britischen Steuerbehörden. Denn ihre Verdienste für die Auslandseinsätze überweisen sie ganz legal auf ein Off-Shore-Konto auf einer der Kanalinseln, die staatsrechtlich nicht zu Großbritannien gehören und keine nennenswerte Einkommensteuer haben. Und von dort aus kann man ganz bequem wieder Geld auf sein deutsches Konto überweisen, wo man ja glücklicherweise Steuerausländer ist.

Weil dieses System die britischen Arbeitnehmer klar benachteiligt, kommt es vor Parlamentswahlen häufig zu Forderungen, diesen Ausländerbonus abzuschaffen. Doch alle Beteiligten sind sich klar, dass dies eine ernsthafte Bedrohung für die City als Finanzzentrum wäre. Denn der Steuervorteil ist neben dem Konzentrationseffekt eines der wichtigsten Pfunde, mit dem London wuchern kann. In den Feldern Lebensqualität, Gesundheit und Freizeitwert bekommt die Stadt nämlich laut einer weiteren CEBR-Studie die schlechtesten Noten von allen Finanzplätzen. Absurd überhöhte Immobilienpreise, eine verrottende Infrastruktur, mittelalterliche staatliche Krankenhäuser und ein marodes Nahverkehrssystem machen das Leben in der Stadt für viele Ausländer zu einer wahren Nervenprobe. "In Frankfurt hört der Stress auf, wenn man das Büro verlässt. In London fängt er dann erst richtig an", meint ein deutscher Banker mit Anspielung auf die notorisch überfüllten und unzuverlässigen Londoner U-Bahnen und Vorortzüge.

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