Sybill Storz Scharmützel mit Störenfrieden

Sybill Storz führt ihr Unternehmen wie man es von einer Matriarchin alter Schule erwartet. Das Ergebnis: Ein Endoskopie-Hersteller, der wächst und gedeiht, ein "Hidden Champion" wie aus dem Lehrbuch. Nur ein Patentrezept gegen die schlauchenden Plagegeister aus der Nachbarschaft fehlt.
Von Martin Scheele

Tuttlingen - Ein paar Mal im Jahr arbeitet Sybill Storz als Detektivin. Dann inspizieren sie und ihre Mitarbeiter die Stände der Konkurrenz auf den Messen der Medizintechniker. Und nicht selten machen die Fahnder Beute auf der Suche nach Endoskopen, die den ihrigen verteufelt ähnlich - aber gefälscht - sind.

Für ein anschließendes juristisches Scharmützel mit den missliebigen Kontrahenten muss Storz keine weite Fahrt in Kauf nehmen: Jene Nachahmer residieren nicht etwa in Südostasien, sondern gleich nebenan - im schwäbischen Tuttlingen. Manche sogar nur einen Steinwurf entfernt von Sybill Storz' Unternehmen, das den Namen ihres Vaters Karl Storz trägt.

Die räumliche Nähe nimmt kaum wunder, denn Tuttlingen ist für Medizintechnikhersteller das, was Hamburg für deutsche Hafenbetriebe ist: ein Mekka. Nicht weniger als 400 Betriebe siedelten in der Stadt an der Donau, viele mit nicht mehr als zehn Mitarbeitern, oftmals Garagenfirmen, die wie Jahreszeiten kommen und gehen. Dazu gesellten sich Zuliefererbetriebe wie Werkzeugmacher oder Galvaniseure, die lukrative Geschäfte wittern.

"Die sind schweigsamer als Mafiosi"

Ein industrielles Kraftzentrum Deutschlands, das trotz der wirtschaftlichen Potenz bundesweite Publizität äußerst selten erfährt. Selbst die deutsch-deutschen Plagiatstreitigkeiten werden kaum thematisiert - nicht mal in den örtlichen Zeitungen. Was weniger an den Schreibern liegt, sondern vielmehr an der Geheimdienstatmosphäre der Branche. Ludger Möllers, Lokalchef bei der "Schwäbischen Zeitung", meint: "Die sind schweigsamer als Mafiosi, belauern sich ständig und einigen sich meist ohne ein Gericht."

Wenn Sybill Storz über die Produktpiraten sprechen soll, reagiert sie ganz unallergisch. Eigentlich merkwürdig, denn die Patentdiebe sind zumeist ehemalige Vertriebsmitarbeiter, die sich selbstständig gemacht haben. Andererseits: Die Alleingeschäftsführerin von Karl Storz, Jahrgang 1937, weiß sich sehr zu beherrschen und zu kontrollieren. Wenn sie sagt: "Es gibt eine Unzahl von Unternehmen, die unsere Produkte kopieren", darf man das als bedeutende Gefühlsäußerung verstehen.

Das Geplänkel mit den schwarzen Schafen ist dennoch so lästig wie mancher Krankenhausaufenthalt. "Das Echte von dem Gefälschten zu unterscheiden, ist außerordentlich schwierig", klagt Storz, die über 8000 Produkte herstellen lässt. Schon allein der Testkauf sei kompliziert; bitte dazu keine Nachfragen.

Anwalt, Gericht, einstweilige Anordnung

"Nicht im Verhältnis zum Schaden"

Dann gelte es einen Anwalt zu überzeugen, und im Extremfall Gerichte. Bei hartnäckigen Rivalen hat Storz, ausgestattet mit einstweiligen Anordnungen, schon mal Vitrinen auf Messeständen leer räumen lassen. Derzeit sind rechtliche Schritte gegen etwa 20 Unternehmen eingeleitet. "Die Schadenersatzsummen spielen dabei keine Rolle", erzählt Storz, "sie stehen nicht im Verhältnis zum Schaden". Über genaue finanzielle Folgen will sie aber nicht sprechen. Sie gibt sich nun reserviert.

In der Öffentlichkeit ähnlich zurückhaltend war ihr Vater Karl Storz, der das Unternehmen nach dem Krieg 1945 gegründet hatte. Für den Start in den unruhigen Zeiten bedurfte es eines Tricks, wie die heutige Firmenchefin dann zu berichten weiß. "Eigentlich durften damals nur Personen Firmen gründen, die im Besitz einer Handwerkskarte waren", erzählt Storz "mein Vater hatte keine, aber den gleichen Namen wie mein Großvater, so klappte es dann doch."

Karl Storz begann zunächst damit, simple Stirnlampen und Instrumente für den Hals-Nasen-Ohren-Bereich herzustellen. Schon bald entfaltete Storz Kreativität. Das spiegelt die Zahl der Patente wider (Stand 2006: 1270). Großen Erfolg erfuhr der Selfmademan mit der Konstruktion eines Linsensystems, das den Blick ins Innere des Körpers ermöglichte - quasi durch ein Schlüsselloch. Mit solcherlei Endoskopen ist der Firmenverbund heute Weltmarktführer und einer der deutschen "Hidden Champions".

Erfolgreich, aber wenig bekannt

Also jener Betriebe, deren Erfolg im umgekehrten Verhältnis zur Bekanntheit steht, die zumeist in einem schwäbischen Dorf innovationsfreudig werkeln, bei denen Arbeitsplätze gerne vererbt werden, Gewerkschaften nicht willkommen und bei denen Pressesprecher entweder nicht vorgesehen sind oder im engsten Verhältnis zur Eigentümerfamilie stehen. Devise: Wer zur Öffentlichkeit spricht, muss ein Clan-Intimus sein. Die Geschichte von Karl Storz liefert dafür beredtes Zeugnis.

Die Pressesprecherin, so tuschelt man in der Branche, gilt mit dem einzigen Sohn der geschiedenen Eigentümerin als liiert. Der Auserwählte, mit Namen Karl-Christian (39), ist ein studierter Physiker, koordiniert die Entwicklungsaktivitäten und zeichnet verantwortlich für zwei Produktionsstätten.

Über Wohl und Wehe der Firma entscheidet freilich dessen Mutter: Sybill Storz. Sie hat stets das getan, was man erwarten kann von einem Nachkommen einer schwäbischen Geschäftsfamilie. Fast immer. Denn nach der mittleren Reife ließ sie sich erst zur Fremdsprachenkorrespondentin ausbilden, bevor sie - ohne große Diskussion - in die Familienfirma eintrat. 1996, nach dem Tod ihres Vaters, übernahm sie die Leitung.

Auch wenn der Storzsche Internetauftritt sehr auf den Gründer fixiert ist, sind Zweifel fehl am Platz: Entscheidend weiterentwickelt hat Sybill Storz das Unternehmen. Unter ihrer Herrschaft wächst das Unternehmen, das auch Endoskope für die Industrie und Veterinärmedizin herstellt, fast jedes Jahr zweistellig. Erzielten die Tuttlinger 2001 noch 488 Millionen Euro waren es im vergangenen Jahr 634 Millionen Euro. 3580 Mitarbeiternamen stehen auf den Lohnlisten.

Wie Sybill Storz ihr Unternehmen führt

"Ich würde meine Umgebung furchtbar irritieren"

Bei weiteren Kennziffern gibt sich die vornehme Regentin eisern. Gewinne? Keine Antwort. Einzig die Eigenkapitalquote beziffert sie auf knapp 40 Prozent. Branchenkenner bescheinigen dem Unternehmen aus der Ferndiagnose indes einen kerngesunden Zustand. Der Einkaufschef eines großen deutschen Krankenhauskonzerns meint: "Es spricht für die Stabilität des Unternehmens, dass Storz selten Sonderaktionen fährt und keinen hektischen Abverkauf am Jahresende macht, um die Bilanz zu polieren." Die Umsatzrendite schätzt der Manager, der nicht namentlich genannt werden möchte, auf mindestens 8 Prozent, "sonst wären intensive Forschung und Entwicklung nicht zu finanzieren".

Die Umsatzsprünge hängen untrennbar zusammen mit der internationalen Expansion. Weitsichtig installierte Storz frühzeitig Vertriebsgesellschaften auf der ganzen Welt, aber vor allem in den Schwellenländern. Denn Länder wie Indien und China dürsten nach hoch entwickelter Versorgung. Über 75 Prozent des Gesamtumsatzes erlösen die Schwaben schon seit Jahren außerhalb Deutschlands.

Dazu passt, dass die Hälfte der Storz-Mitarbeiter außerhalb deutscher Grenzen arbeitet. Doch Produktion wurde aus Lohnkostengründen noch nicht ausgelagert. "Wenn wir ins Ausland gegangen sind, dann nur weil wir Firmen gekauft haben, oder weil wir nur dort spezialisierte Arbeitskräfte gefunden haben", resümiert Storz. Eines ihrer Mottos lautet nicht umsonst: "Wo wir fertigen, forschen wir auch". Deswegen gibt es heute im schweizerischen Schaffhausen eine Produktionsstätte für industrielle Endoskope, im kalifornischen Silicon Valley lässt Storz Kameras herstellen, um die Glasfasertechnologie für Bild- und Lichtleitung kümmert sich ein Betrieb in der Nähe von Boston und im estnischen Tallin werden flexible Endoskope hergestellt.

Von Geschäftsmüdigkeit keine Spur

Der wichtige Handel mit dem Ausland hat die wenig überraschende Konsequenz, dass die Hausherrin viel reist. Das soll auch so bleiben. Fragen nach einem Kürzertreten reflektiert sie mit einem gewissen Unverständnis. "Ich würde meine Umgebung furchtbar irritieren." Die 68-Jährige argumentiert: "Frührentner altern früher als Personen, die noch lange im Beruf arbeiten." Von Geschäftsmüdigkeit bei ihr also keine Spur.

Es scheint, als steht und fällt der Erfolg von Storz mit Sybill Storz. Eine Frau, die Anerkennung durch den Erhalt des Unternehmerpreises "Veuve Clicquot" auch von außen erfuhr. Eine Frau, der Branchenkenner eine "unglaubliche Marktkenntnis" und "guten Riecher für Trends" bescheinigen. Eine Frau, die höflich, konziliant und distinguiert auftritt.

Unternehmenskenner berichten allerdings auch von einer Matriarchin, die bis ins kleinste Detail die Firma kontrolliert und beherrscht. Storz selber bekennt ganz freimütig: "Ich muss über alles einen Überblick haben." Ihr Spezialgebiet ist der Vertrieb, deshalb kümmert sie sich auch heute noch um die wichtigsten Kunden selbst - und ist praktisch immer unterwegs. Wenn sie einmal in ihrem Büro weilt, liegen meist Berge von Unterschriftenmappen vor ihr - wohl geordnet in Dreier-Reihe. Handschriftliches ist für sie wichtig, sie kommt ohne E-Mail-Adresse aus.

Gefahren für das Umsatzwachstum

"Oberste Manager absolut handverlesen"

In Teilen der Branche wird die Storzsche Führungsstruktur kritisch gesehen. "Die obersten Manager sind absolut handverlesen und sehr auf Frau Storz fixiert", schildert ein Kenner. Treffe man die Alleinherrscherin und angestellte Manager auf der Messe, dann seien die Herren nicht mehr als Mantelhalter. Ein anderer Kenner meint hingegen: "Ihre Dominanz wirkt nicht drohend oder lähmend." Die Wahrheit liegt wohl - wie so oft - in der Mitte.

Also alles bestens bei Storz? Derzeit wohl ja, aber ... Laut Branchenexperten könnten sich die wachsende Macht der Großkonzerne und die technologische Weiterentwicklung für die Tuttlinger als gefährlich erweisen. Denn mit Endoskopen setzt Storz nur auf ein Instrument, den menschlichen Körper zu untersuchen. Ein anderes ist die Computertomografie, die mehr und mehr eingesetzt wird. Freilich kommt diese Technologie nicht ohne Nebenwirkungen - Stichwort: Röntgenstrahlung - aus. Doch selbst Medizintechnikexperten wagen derzeit keine Prognose, ob diese Technologie Storz' weiteres Wachstum behindert.

Experten des Gesundheitsmarktes beobachten zudem in den vergangenen Jahren wie sich Großkonzerne wie Siemens , General Electric  oder Philips  als Gesamtanbieter aufstellen, getreu der Philosophie: Bei uns gibt es alles. Diese Großmacht könnte für die Margen der kleineren Firmen wie Karl Storz bedrohlich werden. Und Storz wäre nicht die erste deutsche Familienfirma, die sich an einen wirklichen Global Player verkauft hätte. Der einst durch einen Bilanzskandal aufgefallene US-Mischkonzern Tyco hat einige alteingesessene deutsche Firmen aufgekauft.

Sybill Storz ficht das Szenario nicht an. "Wir wollen nicht verkaufen, obwohl es Anfragen genug gibt." Aus ihrem Munde klingt das überdeutlich nach Treueschwur, nicht nach Lippenbekenntnis. Trotz aller Ausgeglichenheit scheinen sie dann doch eher die Patentdiebe aus der Ruhe zu bringen.

Wer weiß, vielleicht werden ihre Mitarbeiter ja wieder auf der nächsten Messe Anfang März in Indien - wie letztes Jahr geschehen - gefragt: "Sind Sie ein Spion von Karl Storz?"

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