Montag, 26. August 2019

Sybill Storz Scharmützel mit Störenfrieden

3. Teil: Wie Sybill Storz ihr Unternehmen führt

"Ich würde meine Umgebung furchtbar irritieren"

Bei weiteren Kennziffern gibt sich die vornehme Regentin eisern. Gewinne? Keine Antwort. Einzig die Eigenkapitalquote beziffert sie auf knapp 40 Prozent. Branchenkenner bescheinigen dem Unternehmen aus der Ferndiagnose indes einen kerngesunden Zustand. Der Einkaufschef eines großen deutschen Krankenhauskonzerns meint: "Es spricht für die Stabilität des Unternehmens, dass Storz selten Sonderaktionen fährt und keinen hektischen Abverkauf am Jahresende macht, um die Bilanz zu polieren." Die Umsatzrendite schätzt der Manager, der nicht namentlich genannt werden möchte, auf mindestens 8 Prozent, "sonst wären intensive Forschung und Entwicklung nicht zu finanzieren".

High-Tech pur: Glasfaserbündel dienen als Lichtleiter
Die Umsatzsprünge hängen untrennbar zusammen mit der internationalen Expansion. Weitsichtig installierte Storz frühzeitig Vertriebsgesellschaften auf der ganzen Welt, aber vor allem in den Schwellenländern. Denn Länder wie Indien und China dürsten nach hoch entwickelter Versorgung. Über 75 Prozent des Gesamtumsatzes erlösen die Schwaben schon seit Jahren außerhalb Deutschlands.

Dazu passt, dass die Hälfte der Storz-Mitarbeiter außerhalb deutscher Grenzen arbeitet. Doch Produktion wurde aus Lohnkostengründen noch nicht ausgelagert. "Wenn wir ins Ausland gegangen sind, dann nur weil wir Firmen gekauft haben, oder weil wir nur dort spezialisierte Arbeitskräfte gefunden haben", resümiert Storz. Eines ihrer Mottos lautet nicht umsonst: "Wo wir fertigen, forschen wir auch". Deswegen gibt es heute im schweizerischen Schaffhausen eine Produktionsstätte für industrielle Endoskope, im kalifornischen Silicon Valley lässt Storz Kameras herstellen, um die Glasfasertechnologie für Bild- und Lichtleitung kümmert sich ein Betrieb in der Nähe von Boston und im estnischen Tallin werden flexible Endoskope hergestellt.

Von Geschäftsmüdigkeit keine Spur

Der wichtige Handel mit dem Ausland hat die wenig überraschende Konsequenz, dass die Hausherrin viel reist. Das soll auch so bleiben. Fragen nach einem Kürzertreten reflektiert sie mit einem gewissen Unverständnis. "Ich würde meine Umgebung furchtbar irritieren." Die 68-Jährige argumentiert: "Frührentner altern früher als Personen, die noch lange im Beruf arbeiten." Von Geschäftsmüdigkeit bei ihr also keine Spur.

Corporate Identity: Eine optische Linse symbolisiert den Eingang des Schulungszentrums in Tuttlingen
Es scheint, als steht und fällt der Erfolg von Storz mit Sybill Storz. Eine Frau, die Anerkennung durch den Erhalt des Unternehmerpreises "Veuve Clicquot" auch von außen erfuhr. Eine Frau, der Branchenkenner eine "unglaubliche Marktkenntnis" und "guten Riecher für Trends" bescheinigen. Eine Frau, die höflich, konziliant und distinguiert auftritt.

Unternehmenskenner berichten allerdings auch von einer Matriarchin, die bis ins kleinste Detail die Firma kontrolliert und beherrscht. Storz selber bekennt ganz freimütig: "Ich muss über alles einen Überblick haben." Ihr Spezialgebiet ist der Vertrieb, deshalb kümmert sie sich auch heute noch um die wichtigsten Kunden selbst - und ist praktisch immer unterwegs. Wenn sie einmal in ihrem Büro weilt, liegen meist Berge von Unterschriftenmappen vor ihr - wohl geordnet in Dreier-Reihe. Handschriftliches ist für sie wichtig, sie kommt ohne E-Mail-Adresse aus.

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