Bertelsmann Duell der gestandenen Herren

Albert Frère, Mehrheitseigner der Finanzholding GBL, plant seinen nächsten großen Coup: Er will seine milliardenschwere Beteiligung am Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann an die Börse bringen - gegen den Willen der Bertelsmann-Granden. Wer ist der Mann, der der Mohn-Dynastie die Stirn bietet?
Von Karsten Langer

Hamburg - Noch in der jüngsten Vergangenheit hatte Frère stets betont, er wolle seine Bertelsmann-Anteile nicht veräußern. Erst im Dezember hatte Bertelsmann-Chef Gunter Thielen öffentlich verlautbaren lassen: "Er (Frère) hat mir gesagt, dass er kein Interesse daran hat, seine Anteile zu verkaufen."

Offensichtlich hat Frère seine Meinung geändert. Er brauche Geld, um seine kürzlich erworbene Beteiligung am französischen Konzern Lafarge zu finanzieren, wird gemutmaßt. 6,5 Prozent des Zementherstellers sollen knapp eine Milliarde Euro gekostet haben. Die Bertelsmann-Beteiligung wird auf fünf bis sechs Milliarden Euro geschätzt.

Was also beabsichtigt Frère? Dem Wunsch des Bertelsmann-Mehrheitseigners Mohn entspricht sein Handeln nicht. Auch wenn es in Gütersloh heißt, der Medienkonzern sei auf einen Börsengang vorbereitet, scheuten die Mohns den Börsengang bisher wie der Teufel das Weihwasser. "Wir planen keinen Börsengang", beeilt sich Gunter Thielen bei jedem Anlass zu sagen. Offensichtlich können sich die Granden aus Gütersloh nicht damit anfreunden, Macht zu verlieren und sich dem Diktat des Shareholder-Value der Börse zu beugen.

Der Selfmade-Milliardär Frère begann seine Karriere im Armenhaus Belgiens. In der Gegend um Charleroi, die vor allem von der Erzgewinnung und Eisenveredelung lebte, hatte sein Vater eine winzige Manufaktur zur Fertigung von Ketten und Nägeln. 1930, als Frère vier Jahre alt war, starb sein Vater, die Mutter übernahm den Betrieb.

Mit 17 stieg der Filius, den Schule nie sonderlich interessiert hatte, in das elterliche Geschäft ein und expandierte alsbald. Über 30 Jahre tummelte sich der gewitzte Kaufmann im Stahlgeschäft und wickelte einen Deal nach dem anderen ab. Zuletzt war Frère einer der größten Erzmagnaten im Stahlbecken von Charleroi.

Die Kontakte, die der ehrgeizige Händler in dieser Zeit aufbaute, halfen ihm, auch die Stahlkrise zu Beginn der 80er Jahre zu überwinden. Einen Großteil seiner Unternehmen hatte er schon vor dem Crash an die belgische Regierung verkauft.

Vom Stahlmagnaten zum Öl- und Medientycoon

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Mit dem Gewinn aus seinen Geschäften erwarb Frère unter anderem die Mehrheit an der größten privaten Eisenbahngesellschaft Europas, Beteiligungen an diversen Energiekonzernen, Immobilien in Amerika und Belgien und er war Mehrheitseigner an dem Privatsender Radio Television Luxemburg (RTL). Die Beteiligungen bündelte Frère im Frühjahr 1982 in der Groupe Bruxelles Lambert (GBL), der schon damals zweitgrößten Finanzholding Belgiens, deren Vorstandschef er wurde.

Nachdem sich Frère bis Mitte der 90er Jahre erfolgreich in der Energie- und Finanzbranche umgetan hatte, wandte er sich verstärkt dem Mediensektor zu. Über seine Beteiligungsgesellschaft Audiofina hielt Frère 33 Prozent an der Compagnie Luxembourgeoise de Télédiffusion (CLT), die wiederum den Sender RTL kontrollierte. 1997 verschmolzen Bertelsmann und Frère ihre TV-Töchter CLT und UFA in der Holding CLT-UFA.

Im April 2000 stieg der britische Medienkonzern Pearson in die Holding ein, fortan hielt Frère 30 Prozent an der neu entstandenen Mediengruppe Bertelsmann Group. 2001 schließlich änderte Frère die Beteiligungsstruktur: Er tauschte 25,1 Prozent der Bertelsmann AG gegen seine 30-Prozent-Beteiligung am Sender RTL ein.

Die kann der inzwischen knapp 80-Jährige ab Mai 2006 an die Börse bringen - auch gegen den Willen des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn, selbst weit über 80. Sollte Frère seine Anteile an Dritte veräußern, haben die Gütersloher ein Vorkaufsrecht. Die Mehrheit an dem Medienkonzern halten die Bertelsmann Stiftung mit 57,6 Prozent und die Familie Liz und Reinhard Mohn mit 17,3 Prozent, über die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) kontrollieren die Mohns aber 75 Prozent der Stimmrechte.

Für den Verkauf sprechen nach Frères Auffassung gewichtige Gründe: So läuft die Vereinbarung mit Bertelsmann über eine Garantiedividende von 120 Millionen Euro jährlich aus. Außerdem bietet ihm ein verstärktes Finanzengagement im Öl- und Versorgermarkt (unter anderem am Ölkonzern Total), in dem Frère schon jetzt stark involviert ist, eine höhere Rendite.

Für Frère ist der Verkauf der Anteile offensichtlich nichts weiter als der Abschluss eines lohnenden Investments. Für die Mohns dagegen, die ihr Unternehmen führen wie einen Familienbetrieb, würde die Einmischung durch fremde Investoren das Ende der Unternehmenskultur und damit einem Sakrileg gleichkommen.