Eliteuni Cambridge Jagd auf Talente

Internationale Unternehmensberatungen umwerben gezielt Absolventen britischer Eliteunis. Nahezu wöchentlich laden McKinsey & Co. zu Banketten und verteilen Visitenkarten. Dabei machen schon mal Gerüchte über wahre Traumgagen die Runde.
Von Benedikt Mandl

"Wir haben unser Leben immer wieder hinausgezögert. Wir sind diejenigen, die nach der Schule auf die Uni gegangen sind, die gelernt haben, während andere auf Partys waren. Und jetzt leben wir immer noch wie Studenten von der Hand im Mund", klagt Tatyana, deren Gesicht plötzlich sehr entschlossene Falten wirft. "Ich bin jetzt Mitte zwanzig und habe mein ganzes Leben lang hart gearbeitet, auf irgendein Ziel hin, das immer weit weg war. Aber irgendwann reicht es. Jetzt reicht es. Erntezeit!"

Tatyana ist Amerikanerin, stammt aus Sibirien und studiert in Cambridge. Im nächsten Sommer wird sie in Biochemie promovieren, als "Gates Scholar". Deshalb sitzt sie jetzt mit knapp einem Dutzend anderen Stipendiaten der Cambridge Gates Stiftung in einem Bus und reflektiert etwas bitter über ihre Karriereaussichten: Eine akademische Laufbahn würde befristete Dienstverhältnisse für die nächsten zehn Jahre bedeuten, dazu viel Arbeit für wenig Geld, von zermürbend eintönigen Labortätigkeiten ganz zu schweigen.

Da locken die Alternativen zur Wissenschaft. Eine der attraktivsten Lösungen heißt Consultancy, Unternehmensberatung. Die internationalen Berater nehmen gezielt britische Eliteunis ins Visier. Großbritannien, so wird von elitär gesinnten Recruitern gern gespöttelt, hat zweieinhalb Universitäten: Oxford, Cambridge und das Imperial College in London. Für die Wirtschaftswelt von Interesse ist darüber hinaus noch die London School of Economics, kurz "LSE". Studenten anderer Unis werden zwar berücksichtigt, müssen sich aber oft selbst um Kontakt bemühen.

Boutique oder Großunternehmen?

Oxbridge-Studenten dagegen können sich vor Avancen kaum retten. Manche Beratungsunternehmen wie McKinsey, die Boston Consulting Group und Bain sind ganzjährig präsent und verstärken im Herbst und Winter zusätzlich ihre Bemühungen. Im November kommen noch zahlreiche Firmen aus London hinzu, die sich selbst als "Boutique-Berater" bezeichnen, um sich über ihren geringen Bekanntheitsgrad hinweg zu trösten.

Fast wöchentlich laden sie zu Banketten. Nach Dessert, Kaffee und Portwein tischen sie Versprechungen von der glitzernden Welt der Londoner City auf - von dort sei es nur ein kleiner Hüpfer in die fernsten Länder. Geschäftsreisen nach Singapur, Hongkong oder New York seien selbst für Einsteiger an der Tagesordnung.

Ehe die Damen und Herren in Maßanzügen wieder gen London verschwinden, verteilen sie noch eifrig Visitenkarten. Sie haben meist selbst bis vor ein paar Jahren in Cambridge oder Oxford studiert. Doch der studentische Habitus geht in der Business-Class schnell verloren. "Personal Development" heißt das in der Beratersprache.

Wie Unternehmensberater für sich werben

Leben auf der Überholspur

Für Studenten mit "Honorary Scholarships" veranstalten die Berater oft eigene Informationsabende. Die Gates Scholars um Tatyana lernten etwa zwei Tage lang in einem feudalen Seminarhotel, wie leicht sie dem akademischen Mief entkommen können. Der Branchenprimus McKinsey hat eigens Berater aus mehreren Büros eingeflogen, um etwa 30 geladenen Studenten ihre möglichen Laufbahnen auszumalen.

Ihr Hauptargument: Als Unternehmensberater wächst und gedeiht man persönlich schneller als in jeder anderen Branche. "Ein Jahr als Berater zählt so viel wie zweieinhalb Jahre in jedem anderen Beruf", meint ein Unternehmensberater. Das gelte auch für das Einkommen.

Während Studenten als "Postdocs" nach der Promotion oft nur etwa 20 Prozent mehr als ihr Doktorandengehalt verdienen, machen beim Cocktailempfang an der Bar Gerüchte über wahre Traumgagen die Runde: 110.000 Dollar im Jahr in den amerikanischen Büros, dazu Spesen und Prämien - wer will da noch lange im Labor Pipetten ausdrücken?

Die Studenten folgen dem Lockruf. "Going down" heißt das im Jargon der Studenten, "runtergehen" nach Canary Wharf, nach Kensington, nach Knightsbridge oder Mayfair. Die Universität fördert das Werben der Berater nach Kräften.

Das Karriere-Center der Universität bietet eine ganze Bibliothek voller Ratgeber zum Thema Lebenslauf, Kommunikationstaktiken und Listen potentieller Arbeitgeber. Studenten mit dem Berufswunsch Berater können sich Probegesprächen mit professionellen Karrieretrainern aussetzen, um den Ernstfall zu proben.

Besondere Aufmerksamkeit wird auch deutschsprachigen Studenten zu Teil. Deutsche Großunternehmen sind gute Kunden der Berater, vor allem die Marktführer haben Büros in fast allen großen Städten der Bundesrepublik. Da es in Deutschland aber keine Elitehochschulen gibt, sind deutsche Studenten aus Cambridge von besonderem Interesse.

Die Universität wirbt mit

Wer als Deutscher in Cambridge studieren darf, so das Kalkül, muss wohl Engagement und Intellekt gezeigt haben. Deshalb veranstaltet etwa die Boston Consulting Group einen Diskussionsabend zum Thema "Standort Deutschland", zu dem deutschsprachige Studenten aus Cambridge geladen sind. Die Universität darf aus Gründen des Datenschutzes zwar keine Namen oder gar Adressen ausgeben, übermittelt die Einladungen aber an die Studenten.

Albert hat es fast geschafft. Der Chemiedoktorand ist in die engere Auswahl gekommen und wird bald für ein Vorstellungsgespräch nach Seattle fliegen. Er rechnet mit einem Jobangebot. Jetzt steht er quasi zu Vergleichszwecken auf einem Empfang der Konkurrenz und übt sich schon mal im Small Talk. Den Fragen einer chinesischen Physikstudentin weicht er geschickt aus: Ob es denn nicht Verrat an allem sei, woran er bisher geglaubt habe, möchte sie wissen. Ob er die Tür zur Wissenschaft wirklich für immer zuschlagen wolle.

Albert pariert geschickt mit den obligatorischen Argumenten: die Mobilität, die Wachstumsmöglichkeiten, das Spannende an den kurzen, aber intensiven Projekten. Dann stockt er und fragt sein Gegenüber, warum sie denn eigentlich hier sei, wo sie sich doch angeblich überhaupt nicht für die Beraterwelt interessiere. "Hauptsächlich", antwortet die Studentin kichernd, "wegen des Gratis-Abendessens."

Ein Consultant, der hinter ihr steht, hat die Antwort gehört. Er lächelt still, scheint sich an seine eigene Zeit in Cambridge zu erinnern. Sein Blick sagt: "Die kriegen wir auch noch!"

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