Allianz Gegen alle Widerstände

Der Versicherungskonzern Allianz steht vor nicht weniger als einem Radikalumbau. Auf den neuen Deutschland-Chef Gerhard Rupprecht kommt dabei die Herkules-Aufgabe zu, den Kulturwandel mit auf den Weg zu bringen.

München - Große Auftritte meidet Gerhard Rupprecht üblicherweise. Der 57-Jährige, als Chef der Lebensversicherungssparte von Deutschlands Marktführer Allianz  schon bisher einer der wichtigsten Branchenmanager, gilt als Mann der leisen Töne, der um sich selbst nicht viel Aufhebens macht.

An Durchsetzungswillen fehlt es Rupprecht, der als neuer Chef der Allianz Deutschland AG eine Schlüsselrolle im radikalsten Umbau der Konzerngeschichte einnimmt, jedoch keineswegs.

Schon vor dem offiziellen Startschuss am Sonntag hatte er aufs Tempo gedrückt: Natürlich sei zum Beginn noch nicht alles fertig, "aber wir dürfen auch nicht zu viel Zeit verlieren", sagte er kürzlich in einem internen Interview, die Veränderungen müsse man jetzt "Schritt für Schritt möglichst zügig umsetzen".

Der promovierte Mathematiker hat eine komplexe Aufgabe übernommen. Lebens-, Sach- und Krankenversicherung der Allianz werden unter dem Dach der Deutschland-Holding gebündelt. Dabei muss Rupprecht einen Kulturwandel auf den Weg bringen und Gemeinsamkeiten schaffen, wo bisher wenige waren, denn die einzelnen Einheiten agierten weitgehend eigenständig.

Handlungsbedarf hat der Manager in den vergangenen Monaten allemal ausgemacht: "Wir haben trotz, nicht wegen der bisherigen Strukturen so gut gearbeitet", ist er überzeugt. Dass er es als typischer Lebensversicherungs-Mann mit der Bündelung schwer haben könnte, wird in seinem Umfeld bestritten: Rupprecht kenne die Allianz-Organisation genau und habe stets einen kompetenten Überblick über alle Sparten gehabt, heißt es.

Als eine der größten Herausforderungen für ihn gilt aber die Neuausrichtung des Vertriebs, der in einer eigenen Gesellschaft zusammengefasst wurde. Dabei muss Rupprecht den Umbau auch gegen Widerstände der Vertreter verteidigen, und diese zugleich bei Laune halten. Denn wenn das Cross-Selling von Versicherungs-, Vorsorge- und Bankprodukten besser florieren soll, ist er auf sie angewiesen.

"Die Zeiten des Laissez Faire sind vorbei"

Ankündigungen sind eine "Beruhigungspille"

Dass ihm das gelingen wird, bezweifelt sein Umfeld nicht. Rupprecht sei eine echte Führungspersönlichkeit, der seine Ziele mit Zähigkeit umzusetzen verstehe, heißt es. Die Vertreter müssten sich also auf wachsende Vorgaben einstellen. "Die seligen Zeiten des Laissez Faire sind vorbei, die Musik geht in Richtung Hardrock."

Nach dem Studium der Mathematik an der Universität Stuttgart hatte Rupprecht seine berufliche Laufbahn 1978 als Programmierer und Systemplaner bei der Standard Elektrik Lorenz AG begonnen.

Schon im Jahr darauf wechselte er als Versicherungsmathematiker zur Allianz Lebensversicherungs-AG, in deren Vorstand er 1989 berufen wurde. Den Chefposten von Allianz Leben übernahm er 1991 und stieg zugleich zum Vorstandsmitglied auf Konzernebene auf, wo er für die weltweite IT zuständig ist.

Die erste Bewährungsprobe steht dem groß gewachsenen, gebürtigen Franken aber gleich zu Beginn bevor, wenn die Allianz wie angekündigt Details zu den Auswirkungen der neuen Struktur auf die Arbeitsplätze vorlegt.

Vorab hatte das Unternehmen zwar schon einmal wissen lassen, dass 2006 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet werden soll - für den Versicherungsexperten Konrad Becker von Merck Finck & Co. aber nicht viel mehr als eine "Beruhigungspille": Rupprecht müsse jetzt rasch alle Karten offen auf den Tisch legen. Solange nicht alle Details bekannt seien, bestehe der beste Nährboden für Gerüchte.

Den Druck auf die Kosten dürfte der neue Deutschland-Chef auch künftig aufrechterhalten. Er ist nicht nur als analytischer Denker, sondern auch als äußerst sparsam bekannt, und das auch in eigenen Dingen. So nimmt der Hobby-Bergsteiger bei Dienstreisen für die Fahrt vom Münchner Hauptbahnhof zur Konzernzentrale in die noble Königinstraße aus Kostengründen üblicherweise nicht etwa ein Taxi, sondern die U-Bahn.

Christine Schultze, DPA

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