Enron "Brenn, Baby, brenn!"

Ohne Rücksicht auf Verluste zeichneten die früheren Enron-Chefs ein rosiges Bild ihres Energiekonzerns und hielten damit Investoren bei der Stange. Dies düstere Kapitel der US-Wirtschaftsgeschichte wird langsam aufgearbeitet. Der ehemalige Chefbuchhalter könnte nun zum Kronzeugen werden.

Washington - "Brenn, Baby, brenn!" ruft ein Energiehändler elektrisiert, als er von einem Brand hört, der in Kalifornien Überland-Stromleitungen bedroht. Die Gier, mit der er für seine Firma einen Riesenreibach wittert, lässt seine Stimme vibrieren.

Der Händler arbeitete bei Enron, der einst größten Energiehandelsfirma der Welt, die vor vier Jahren in einem beispiellosen Betrugsskandal zusammenbrach. Ein Dokumentarfilm über den Untergang illustriert mit dieser heimlichen Aufnahme die Skrupellosigkeit des Unternehmens.

Das Unternehmen war berüchtigt für seinen aggressiven Stil. So sollen bei der jährlichen Leistungsbeurteilung die schwächsten 15 Prozent immer gnadenlos entlassen worden sein. Aggressiv war nach Überzeugung der Anklagebehörden auch die Gewinnstrategie: Ohne Rücksicht auf Verluste ein rosiges Bild zu zeichnen und damit Investoren bei der Stange zu halten. Die Methoden waren kriminell, Millionenschulden wurden in dubiosen Partnerschaften versteckt, an denen sich einige Angestellte auch noch selbst bereicherten.

Kriminelle Energien bei Enron räumen auch die angeklagten ehemaligen Firmenbosse Kenneth Lay und Jeffrey Skilling ein, doch zeigen sie mit dem Finger auf Ex-Finanzchef Andrew Fastow. Sie selber hätten von den Machenschaften nichts gewusst. Doch wird die Luft für sie dünner: Chefbuchhalter Richard Causey gab zu, Investoren getäuscht zu haben und wechselte mit diesem Eingeständnis, überraschend ins Lager der Ankläger.

Dort hilft schon Fastow, der sich im Gegenzug für eine mildere Strafe auch schuldig bekannte, mit der Beweisführung gegen Lay und Skilling. Während Fastow sich aber selbst bereicherte und deshalb vor den Geschworenen nicht unbedingt eine gute Figur macht, gilt Causey als gewissenhafter, aufrechter Familienvater. Für die Anklage könnte er Gold wert sein.

Was die Ankläger den Ex-Chefs vorwerfen

Inbegriff von Gier und Korruption

Enron gilt im amerikanischen Sprachgebrauch inzwischen als Inbegriff von Gier und Korruption. Lay und Skilling drohen bei einem Schuldspruch gigantische Haftstrafen. Geschworene kennen kein Pardon, wenn sie Betrug für nachgewiesen halten. Das zeigen die Urteile, die prominente Ex-Firmenbosse nach Betrugsskandalen in diesem Jahr hinter Gitter gebracht haben, darunter Worldcoms Bernard Ebbers für 25 und Tycos Dennis Kozlowski für acht bis 25 Jahre.

Die Staatsanwaltschaft wirft Lay vor, die prekäre Finanzlage lange schöngeredet, aber eigene Anteile still und leise verkauft zu haben, während der Aktienpreis innerhalb von 15 Monaten von 90 auf 15 Dollar sackte. 90 Millionen Dollar habe Lay so 2001 eingesteckt, sagte der Leiter der Enron-Untersuchungskommission, Andrew Weissmann, im Juli 2004 bei der Anklageerhebung.

Lay, von seinem Duzfreund Präsident George W. Bush einst neckisch "Kenny-Boy" gerufen, bezeichnet sich als Opfer einer politischen Intrige. "Dass ich Enron nicht retten konnte, ist eine der Sachen im Leben, die ich am meisten bedauere. Aber ich habe kein Verbrechen begangen", schrieb er damals in der "Washington Post".

Mit der Linie, als oberster Chef von den Machenschaften nichts gewusst zu haben, ist aber auch Ebbers schon gescheitert. Lay ist promovierter Ökonom. "Die Unternehmenskultur bei Enron unter Lay ist synonym mit Betrug und schlimmster Gier", stellte der Chef der Steuerbehörde, Mark Everson, fest.

Enron war mit einem Jahresumsatz von rund 100 Milliarden Dollar einst das siebtgrößte Unternehmen in den USA. Als die prekäre Lage im November 2001 ans Licht kam, brach die Firma innerhalb von drei Wochen zusammen und beantragte Gläubigerschutz. Investoren verloren Milliarden, und viele der einst 21.000 Mitarbeiter wurden in den Ruin gestürzt. Sie verloren sämtliche Betriebspensionsansprüche, die praktisch ausschließlich in Enron-Papieren investiert waren.

Christiane Oelrich, dpa