Bertelsmann "Drei große Deals an einem Tag"

Siegfried Luther ist eine Institution bei Europas größtem Medienkonzern. In 31 Jahren Betriebszugehörigkeit stieg er vom Leiter Steuern bis zum Finanzvorstand auf - und lernte so unterschiedliche Konzernchefs wie Reinhard Mohn, Thomas Middelhoff und Gunter Thielen kennen. Heute verlässt er Bertelsmann - aber nicht ganz.

Gütersloh - Eigentlich wollte Siegfried Luther nach seinem letzten Arbeitstag am 23. Dezember erst einmal vier Wochen lang in Urlaub fahren - Landschaft pur genießen, an der Südspitze Argentiniens. "Wir haben das dann auf drei Wochen zusammengestrichen", sagt der 61-Jährige lachend.

Nach 31 Jahren bei Bertelsmann und 15 Jahren als Finanzvorstand des heute größten Medienkonzerns Europas kommt dem Zahlenmenschen Luther allzu viel Entspannung noch etwas verdächtig vor. Zu ereignisreich, oft hektisch waren die Jahre im Zentrum der schnelllebigen Medienbranche.

Von 6,8 Milliarden Euro auf mehr als 17 Milliarden Euro wuchs der Konzernumsatz bei Bertelsmann in der Amtszeit Luthers. Das operative Ergebnis schnellte von 525 Millionen Euro auf 1,4 Milliarden Euro empor. Das Eigenkapital vervielfachte sich von 561 Millionen Euro auf 8,8 Milliarden Euro. Und die Zahl der Mitarbeiter verdoppelte sich fast von 43.509 auf weit über 80.000. Luthers Nachfolger Thomas Rabe wird geordnete Verhältnisse übernehmen.

Luther war unter charismatischen Konzernchefs wie Reinhard Mohn, Mark Wössner, Thomas Middelhoff und Gunter Thielen immer dann besonders gefragt, wenn es große Deals geschickt abzuwickeln galt.

Das Jahr 2001 ist auch dem stets besonnen und abgeklärt auftretenden Finanzstrategen im Gedächtnis haften geblieben. Damals übernahm Bertelsmann die Mehrheit an RTL und bezahlte die Groupe Bruxelles Lambert (GBL) des Finanzinvestors Albert Frère dafür mit 25,1 Prozent der Bertelsmann-Anteile. Außerdem standen an: Der Verkauf der Internet-Gesellschaften Mediaways und AOL-Europe.

Am 30. März wurden die Verträge unterzeichnet. "Das waren drei große Deals an einem Tag, nach monatelangem Druck", erinnert sich der Finanzchef, der nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre zunächst 1974 in die Steuerabteilung von Bayer in Leverkusen eingetreten war aber schon am Ende des Jahres zu Bertelsmann gewechselt war und die Leitung der Steuerabteilung übernommen.

"Die Ideen kamen von Reinhard Mohn"

"Wir hatten sehr viel Spaß", sagt Luther über sein Arbeitsleben bei dem Gütersloher Konzern. Vor allem an ein Ereignis erinnert er sich aber ausgesprochen widerwillig. Zwei ehemalige Manager hatten Bertelsmann in den USA vor Gericht gezerrt und eine Millionensumme für sich erstritten. Bei einem außergerichtlichen Vergleich ließ sich das Unternehmen schließlich im Jahr 2004 auf die Zahlung von 160 Millionen Euro an die beiden ein. "Das ist das Geld, das ich am ungernsten gezahlt habe", sagt Luther heute. Vom heimatlichen Sofa aus hatte er nächtens noch telefonisch versucht, die Verhandlungsstrategie in Kalifornien zu beeinflussen.

Luther wird Bertelsmann auch nach seiner aktiven Zeit im operativen Management erhalten bleiben. Neben einigen Aufsichtsratsposten wird er der Familie des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn weiter als Berater zur Seite stehen - angesichts eines möglicherweise bevorstehenden Börsengangs des GBL-Anteils eine weitere Herausforderung.

Ohnehin ist die Arbeit für die Familie Mohn eines der wichtigsten Kapitel in der beruflichen Biografie Siegfried Luthers. Er war es, der die komplizierte Gesellschafterkonstruktion bei Bertelsmann maßgeblich mit in Stein meißelte. "Die Ideen kamen von Reinhard Mohn. Ich war nur ausführendes Organ", sagt Luther zu dem in der deutschen Wirtschaft einzigartigen Konstrukt, das Unternehmertum und gesellschaftliches Engagement verknüpft, ohne den Einfluss der Eigentümerfamilie zu minimieren.

Von Michael Donhauser, DPA