Bürgermeisterwahl Bloomberg forever

Ein Ende der Republikaner-Ära in New York ist nicht in Sicht: Mike Bloomberg ist wieder zum Bürgermeister von Big Apple gewählt worden - mit satten 20 Prozent Vorsprung vor seinem Herausforderer. Trotz aller PR-Flops, Probleme mit Gewerkschaften und der umstrittenen Anti-Raucher-Kampagne.

New York - Bis zum späten Abend hoffen sie auf ein Wunder. Dicht an dicht stehen sie im Empire-Ballsaal des Waldorf-Astoria Hotels, herausgeputzt und aufgefönt, Bierpullen in der Hand. Es gibt Bohnensalat, Aufschnitt und Artischockenauflauf. Aus den Lautsprechern scheppert Mariah Careys Alt-Hit "Make It Happen", der von 1992 stammt - dem vorletzten Jahr, in dem hier ein Demokrat die City Hall regierte.

Sie machen sich Mut. "Ich bin so stolz, ein Demokrat zu sein", murmelt Stadtratssprecher Gifford Miller ohne viel Überzeugung in sein Glas, denn wenn's nach ihm ginge, wäre er selbst dieses Jahr der Kandidat gewesen, und vielleicht wäre dann alles anders gelaufen.

"Ich bin so glücklich", lügt auch Manhattans Stadtteilpräsidentin Virginia Fields. Neben ihr hält sich eine ältere Dame, deren Haar unter einem feldgrünen Militärbarett verschwindet, krähend am Sektglas fest: "I love Freddy!"

Doch dann tritt Freddy ans Mikrofon, und alle wissen, es ist aus. Fernando Ferrer, erfolgloser Herausforderer der New Yorker Bürgermeisters Mike Bloomberg und beinahe der erste Latino in der City Hall, ist ein aufrechter, ehrenwerter Mann.

Nett nannten sie ihn im Wahlkampf. Nett ist auch seine Verliererrede: "Ich bin wahrhaft der glücklichste Mann in New York", sagt er doch tatsächlich, als sein politisches Ende klar ist. "Gracias, mi familia, gracias."

Mit satten 20 Prozentpunkten Abstand hat der Republikaner Bloomberg den Demokraten Ferrer bei der gestrigen Kommunalwahl gedemütigt und sich eine zweite Amtszeit gesichert. Einen solchen Vorsprung von Rechts über Links hat es in New York City noch nie gegeben.

Selbst bei den republikanischen Bürgermeisterlegenden nicht, Fiorello LaGuardia und Rudy Giuliani. Ein erwarteter Sieg zwar, und doch: "Ein Sieg von historischen Proportionen", sagt Maurice Carroll, der Direktor des Umfrageinstitutes der Quinnipiac University, das Bloomberg sogar einen 30-Prozent-Vorsprung prophezeit hatte.

Bleibt die Frage: Wieso wählt die erzliberale Hochburg am Hudson River, die Heimat von Gewerkschaften, Aktivisten und der linken US-Intelligenzia, seit nunmehr zwölf Jahren Republikaner ins höchste Amt - die längste durchgehende Machtspanne in der Geschichte der Stadt? Der Schwarze David Dinkins war der letzte Demokrat, der New York regieren durfte, bevor er 1993 von Giuliani entthront wurde.

Manhattan - Hochburg der Republikaner

Überall sonst schwimmen den Republikanern die Felle weg. In Washington präsidiert George W. Bush über die niedrigsten Popularitätswerte seit Richard Nixon, derweil seine Partei wegen der Kongresswahlen nächstes Jahr schon jetzt Fracksausen hat. Der verlässlich republikanische Staat Virginia wählte gestern den Demokraten Timothy Kay zum neuen Gouverneur, obwohl (weil?) sich Bush in letzter Minute noch persönlich engagiert hatte. Bei den Gouverneurswahlen in New Jersey schlug der Liberale Jon Corzine seinen konservativen Gegner Doug Forrester aus dem Rennen. Manhattan - Hochburg der Republikaner

Nur hier nicht, in New York. Die Stadt, in der fünfmal so viele eingetragene Demokraten wie Republikaner leben. Die Stadt, in der vorigen August aus Protest gegen den republikanischen Wahlparteitag Hunderttausende auf die Straße gingen, um ihr letztes Bollwerk gegen Bush zu verteidigen.

Die Stadt, die seit jeher als politisch uneinnehmbar gilt, als unregierbar, multi-ethnisch, anti-konservativ: Brutstätte der amerikanischen Kommunisten, des New Deals, der Schwulenbewegung, des Liberalismus, des Punks, der Fahrraddemo "Critical Mass", die bis heute einmal pro Woche Manhattan lahmlegt.

Die Stadt, in der die Demokraten gestern das schlechteste Wahlergebnis seit 1933 hinlegten. Ein politisches Paradox: Warum kriegen sie in ihrer Heimat keinen Fuß mehr auf den Boden? Wer sich auf der Trauerfete im Waldorf-Astoria umhörte, bekam stets die gleiche Antwort zu hören: money, money, money. "Freddy stand vor einer beispiellosen Herausforderung", sagte Ferrers Parteifreundin Betsy Gotbaum, die städtische Advokatin, selbst mit 89 Prozent wiedergewählt: "Ein Milliarden-Dollar-Mann und ein 100-Milliarden-Dollar-Wahlkampf."

Das ist zwar leicht übertrieben, aber immerhin, Selfmade-Milliardär Bloomberg steckte diesmal rund 70 Millionen Dollar aus eigener Tasche in seine Polit-Ambitionen. Das ist weniger als vor vier Jahren (75 Millionen Dollar), doch zehnmal so viel, wie Ferrer aus Parteispenden aufbringen konnte - 118 Dollar pro Stimme, wie die "New York Post" stolz vorrechnete.

Damit erkaufte sich der Bürgermeister eine lückenlose Werbetapete: Bloomberg everywhere, all the time. "Jeder Schwarze hat 100-mal gehört, warum Bloomberg gut für ihn ist", klagt Mark Green, Bloombergs Herausforderer in 2001. "Und dreimal, warum Ferrer gut für ihn ist." Wie oft sie einen Bloomberg-Spot im TV gesehen hätten, fragte der TV-Sender NY1 seine Zuschauer. 53 Prozent antworteten: "Jedes Mal, wenn ich das Fernsehen anmachte."

So vergaßen die New Yorker schnell, wie wenig sie Bloomberg eigentlich mochten. Seine umstrittene Anti-Raucher-Kampagne. Die hohen Grundsteuern. Seine bitteren Gefechte mit den Gewerkschaftlern, die ihn "Bloombucks" ziehen, und den Feuerwehrlern, denen er Wachen schloss. Die sündhaft teuren PR-Flops um die Olympischen Spiele 2012 und das Stadion auf der West Side. Das Planungsdebakel von Ground Zero. Alles Schnee von gestern, geschmolzen in der Hitze des Werbefeuers.

Glücklose Mutterpartei

Für den Technokraten Bloomberg war das eine Investition, die sich auch anderweitig gelohnt hat. Im Fall einer Wiederwahl, so beharrliche Gerüchte an der Wall Street, werde Bloomberg seinen gleichnamigen Informationskonzern verkaufen (geschätzter Wert: 16 Milliarden Dollar), um mehr Cash für philanthropische Zwecke zu haben. Bloomberg selbst sagte dazu kurz vor der Wahl: Er plane einen Verkauf, aber nicht "unmittelbar".

Ein weiterer Trick, den Bloomberg gut gelernt hat: Der Ex-Demokrat präsentiert sich brillant als UN-Republikaner - sozialliberal, kriegskritisch und im Unterschied zum vielen Konservativen kein harter Abtreibungsgegner. Die jüngsten Terror-Alarme nutzte er clever, um sich vom Moloch des US-Heimatschutzministeriums abzusetzen. Den Umfragekiller Bush hielt er tunlichst vom Wahlkampf fern. "Bloomberg hat noch mehr als Giuliani getan, um sich von der nationalen Partei zu distanzieren", staunt Howard Wolfson, ein Berater der Demokraten. Hinter verschlossener Tür aber schüttelt "Bloomie" der rechten Basis kräftig die Hand.

Ferrers Niederlage offenbart aber auch viel über den desolaten Zustand der New Yorker Demokraten - die darin ihrer nicht minder glücklosen Mutterpartei in Washington ähneln.

Verrostete Parteimaschine

Verrostete Parteimaschine

Seit Jahren sind die Demokraten in New York zersplittert, zerstritten und von Skandalen verfolgt. Statt charismatischer Figuren produzieren sie Phantome wie Ferrer, der nie zu einer klaren Message fand und so farblos ist, dass selbst die "New York Times" seinen zweiten Vornamen (James) erst nach langer, investigativer Recherche herausfand. Oder sie produzieren suspekte Gestalten wie den Brooklyner Ex-Bezirkschef Clarence Norman, der wegen Annahme illegaler Parteispenden verurteilt wurde und zwei weiteren Prozessen entgegensieht. Die Wählerbasis ist längst angeekelt nach rechts abgewandert: Latinos, Schwarze, Einwanderer, selbst Gewerkschafter.

Die demokratische Parteimaschine - eins die unanfechtbare Herrscherin über New York - ist verrostet. Selbst Schmiergelder, so lästern sie hier, könnten sie nicht mehr genug schmieren. Das war ja überhaupt auch erst der Grund gewesen, warum Bloomberg als Republikaner antrat, obwohl er lebenslang ein Demokrat gewesen war: In der Politbürokratie der Demokraten hätte er keine Chance gehabt.

Können Washingtons Demokraten aus dem Desaster von New York lernen? "Das Einzige, das Bush auf seiner Seite hat", sagt Graydon Carter, der dezidiert liberale Chefredakteur des New Yorker Monatsblatts "Vanity Fair", "sind die Demokraten - eine Oppositionspartei, von der die meisten Politiker nur träumen können."

Der New Yorker Wahlkampf war ein Symptom dieser demokratischen Malaise. "Love Bus" nannte Ferrer seinen SUV, mit dem er bis zuletzt durch alle Stadtteile kurvte. Gegen den Polit-Hummer Bloomberg hatte er damit keine Chance. Und meistens saß er sowieso im Stau.

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