Junge Manager Karriere mit Überschall

Jünger als 40 Jahre und trotzdem schon Vorstand eines großen Unternehmens? Solche Überflieger sind dünn gesät. manager-magazin.de machte sich auf die Suche nach ihnen, in Dax-Konzernen und Familienunternehmen. Auffällig: Vor allem das Finanzressort wird gern mit den Himmelsstürmern besetzt.
Von Martin Scheele

Hamburg - Alan Hippe ist eine Rarität in der Liga der 30 größten deutschen Aktiengesellschaften. Das hängt vor allem mit seinem Alter zusammen. Als er gerade mal 35 Jahre alt war - das war vor drei Jahren - stieg er als Finanzvorstand bei Continental  ein. Rekordverdächtig.

Heute finden sich außer ihm nur noch zwei Manager im Dax , die unter 40 Jahre alt sind: Shai Agassi (37) von SAP  und Achim Kassow (39), von der Commerzbank .

Allesamt haben eins gemein: Ihre Karrieren lesen sich wie aus Tausend und eine Nacht. Hippe, zum Beispiel: Er schloss 1996 seine Doktorarbeit "Interdependenzen von Strategie und Controlling" ab - da war er 29 Jahre alt! Den ersten Ruhm erfuhr der Jungmanager, als er beim damals verschlafenen Flughafenbetreiber Fraport  andockte und mit dem Titel des "Senior Vice President" die Internationalisierung und den Börsengang kräftig anschob.

Spätestens jetzt wurden Headhunter auf den Jungspund mit dem korrekt gescheitelten Haar und der rahmenlosen Brille aufmerksam. So kam es, dass der gebürtige Darmstädter Mitte 2002 abgeworben wurde. Der Autozulieferer Continental  in Person von Vorstandschef Manfred Wennemer und Aufsichtsratsprimus Hubertus von Grünberg führten viele Gespräch - und entschieden sich für Hippe, der seitdem das Finanzressort führt.

Shai Agassi (37): SAP-Vorstand für Produktentwicklung und Technologie, Branchenlösungen und Produkt- und Branchenmarketing

Shai Agassi (37): SAP-Vorstand für Produktentwicklung und Technologie, Branchenlösungen und Produkt- und Branchenmarketing

Alan Hippe (38): Continental-Vorstand für Finanzen, Controlling und Recht

Alan Hippe (38): Continental-Vorstand für Finanzen, Controlling und Recht

Achim Kassow (39): Commerzbank-Vorstand für Asset Management, Private Banking und Private Kunden

Achim Kassow (39): Commerzbank-Vorstand für Asset Management, Private Banking und Private Kunden


Drei Überflieger aus dem Dax
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Top-Headhunter wie Hermann Sendele aus München loben die Entscheidung der Conti-Oberen. Hippe zahlte die Vorschusslorbeeren alsbald zurück. Er entschuldete den Konzern und sorgte für Zufriedenheit unter den Aktionären. Als Meisterleistung bis dato darf gelten: Der Automobilzulieferer kehrte in den Dax zurück. Derzeit prüft der Konzern sogar angesichts weiter steigender Kurse die Möglichkeit eines Aktiensplits.

Rainer Beaujean (36): Vorstandsvorsitzender von T-Online

Rainer Beaujean (36): Vorstandsvorsitzender von T-Online

Peter Zieringer (37): Vorstandsvorsitzender der DaimlerChrysler Bank

Peter Zieringer (37): Vorstandsvorsitzender der DaimlerChrysler Bank

Torsten Oletzky (38): ERGO-Vorstand für Kundenservice, Betriebsorganisation und IT

Torsten Oletzky (38): ERGO-Vorstand für Kundenservice, Betriebsorganisation und IT

Jan-Henrik Lafrentz (38): Seat-Vorstand für Finanzen

Jan-Henrik Lafrentz (38): Seat-Vorstand für Finanzen

Klaus Rosenfeld (39): Dresdner Bank-Vorstand für Finanzen

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Markus Rieß (39): Sprecher der Geschäftsführung des DIT

Markus Rieß (39): Sprecher der Geschäftsführung des DIT


Sechs Topmanager von Dax-Konzern-Töchtern
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Wie kommt so jemand, in so relativ jungen Jahren zu so viel Verantwortung? Gilt die Ochsentour nur für alle anderen? Sicherlich: Ohne exzellente Zeugnisse, ohne soziale Kompetenzen, steigt keiner der Überflieger in die Königsklasse der Wirtschaft auf. Und Noten und menschliches Zutun bilden nur die obligatorische Grundlage. Klar ist auch, dass Hippe und & Co. bewiesen haben müssen, Verantwortung schultern zu können.

"Mit der Lupe jedes falsche Komma gesucht"

Entscheidungen gegen Widerstände durchboxen

Studien haben überdies gezeigt, dass die Topkandidaten ihre Ambitionen hartnäckig verfolgen, Entscheidungen gegen Widerstände durchboxen und ein robustes Selbstvertrauen ihr Eigen nennen. Sie schwören ihre Mitarbeiter geschickt auf sich ein und sind sensibel genug, die Wirkung ihrer Gesten und Worte im Konzerngebilde einzuschätzen.

Christian Friege (38): Vorstand von Debitel für Kundenbeziehungen

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Matthias Zachert (38): Vorstand für Finanzen bei Lanxess

Matthias Zachert (38): Vorstand für Finanzen bei Lanxess

Steffen Naumann (39): Vorstand Finanzen und Dienstleistungen der Axel Springer AG

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Felix A. Zimmermann (39): Vorstand für Finanzen bei Celesio

Felix A. Zimmermann (39): Vorstand für Finanzen bei Celesio


Vier Topmanager aus anderen großen Aktiengesellschaften
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Für Ignace van Meenen, 37 Jahre alt, und ab Januar Finanzchef der RTL Group , zählt auf dem Weg zur Spitze "Leistung, Begeisterung und Biss, Projekte mit Präzision bis zum Ende durchzuführen." Die Bereitschaft, Opfer zu bringen, gehöre ebenfalls dazu. Der Noch-Finanzdirektor der RAG weiß aus eigener Erfahrung, dass man von eigentlich missliebigen Situationen später durchaus profitieren kann.

Matthias Schmidt (35): Geschäftsführer Finanzen von Hewlett Packard Deutschland

Matthias Schmidt (35): Geschäftsführer Finanzen von Hewlett Packard Deutschland

Christoph Loos (36): Deutschland-Chef von Hilti

Christoph Loos (36): Deutschland-Chef von Hilti

Thorsten Mindermann (36): Deutschland-Chef von Hennes & Mauritz

Thorsten Mindermann (36): Deutschland-Chef von Hennes & Mauritz

Foto: H&M / Uwe Aufderheide
Christoph Grandpierre (36): Geschäftsführer Personal von IBM Deutschland

Christoph Grandpierre (36): Geschäftsführer Personal von IBM Deutschland

Stefan Blaschak (37): Vize-Vorstandschef von Kamps

Stefan Blaschak (37): Vize-Vorstandschef von Kamps

Roger Johansson (38): Einkaufsvorstand der Adam Opel AG

Roger Johansson (38): Einkaufsvorstand der Adam Opel AG

Wulf Böttger (39): Privatkundenvorstand der AXA

Wulf Böttger (39): Privatkundenvorstand der AXA

Olaf Göttgens (39): Deutschland-Chef von BBDO

Olaf Göttgens (39): Deutschland-Chef von BBDO

Georg Knoth (39): Deutschland-Chef von General Electric

Georg Knoth (39): Deutschland-Chef von General Electric

Foto: Reto Zimpel
Andreas Schwerla (39): Chief Operating Officer von McDonalds Deutschland

Andreas Schwerla (39): Chief Operating Officer von McDonalds Deutschland

Foto: McDonald's


Zehn Topmanager von deutschen Töchtern ausländischer Konzerne
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"Bei der Deutschen Bank, wo ich unter anderem als Analyst arbeitete, hatte ich zeitweise mit einem Vorgesetzten zu tun, der mit der Lupe jedes falsch gesetzte Komma suchte." Die Folge war: Meenen musste fluchend vorher eingeholte Unterschriften wieder einholen. "Was mich damals enorm geärgert hatte, hat mir dennoch heute viel gebracht", meint der Manager.

Yves Müller (35): Vorstand Service und Finance von Tchibo

Yves Müller (35): Vorstand Service und Finance von Tchibo

Dirk Brouwers (38): Vorstandsmitglied der Dussmann-Gruppe

Dirk Brouwers (38): Vorstandsmitglied der Dussmann-Gruppe

Ignace van Meenen (38): Vorstand Finanzen der RTL Group

Ignace van Meenen (38): Vorstand Finanzen der RTL Group

Frank Rheinboldt (39): Designierter Vorstandschef von Escada

Frank Rheinboldt (39): Designierter Vorstandschef von Escada

Foto: DPA
Robert Friedmann (39): Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe

Robert Friedmann (39): Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe


Fünf Topmanager von Familienunternehmen
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Van Meenen ist für Headhunter Rick Fulghum, Partner bei Rickert & Co. das Vorzeigebeispiel für Manager, die jung und höchst erfolgreich zugleich sind. Fulghum über van Meenen: "Das ist ein pfiffiger Zeitgenosse, sehr weltoffen, spricht mehrere Sprachen, hat eine ungemein schnelle Auffassungsgabe, ist wissbegierig, unprätentiös, geht auf die Leute zu. Ein Typ mit einem geraden Rücken. Außerdem ein Netzwerker, der weiß, dass beste Kontakte im richtigen Moment weiterhelfen können."

Headhunter Fulghum weiß, dass ganz bestimmte Unternehmen jungen Managern bessere Karrierechancen bieten - und nennt die Commerzbank, Tchibo und Bertelsmann. So ist also fast nicht verwunderlich, dass bei Deutschlands größtem Medienkonzern ein gerade eben 40-Jähriger (Thomas Rabe) Anfang des nächsten Jahres Finanzvorstand wird. Oder dass ein Yves Müller, 35 Jahre alt, Vorstand für Service und Finance bei der Tchibo GmbH wird.

"Der Senior ist damit schwerer angreifbar"

Das Plus der Familienunternehmen

Für Personalberater Fulghum lassen sich die Unternehmen, die schnelle Karrieren ermöglichen, eingrenzen. "Wahrscheinlicher sind Aufstiegschancen in Familienunternehmen, wo die Freiheitsgrade des Topmanagements größer und die Entscheidungswege kürzer sind". Insbesondere der Eigentümer selbst kann schnell und mutig entscheiden, ohne groß den Aufsichtsrat fragen zu müssen, wie in Publikumgesellschaften nötig.

Gerrit Seidel (38): Managing Director, Arthur D. Little

Gerrit Seidel (38): Managing Director, Arthur D. Little

Matthias Budde (36): Partner, Bain & Company

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Irmgard Heinz (39): Geschäftsführerin, Booz Allen Hamilton

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Christoph Schweizer (32): Partner, Boston Consulting

Christoph Schweizer (32): Partner, Boston Consulting

Gerard Richter (34): Partner, Roland Berger

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Fünf Topberater
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Wahrscheinlicher ist für Fulghum diese Tendenz ebenfalls in Unternehmen, die ihre Strukturen stark dezentralisiert haben und wo die Verantwortlichen auf diese Weise in überschaubaren Einheiten früh Verantwortung übernehmen dürfen. Insofern sei Bertelsmann mit seiner Profitcenter-Kultur ein leuchtendes Beispiel. Katalysatorisch wirken für den Headhunter zudem ein junges Business, entsprechende Vorbilder und Mentoren. So ist es fast selbstverständlich, dass bei T-Online  Manager in der Geschäftsführung arbeiten, die zumeist unter 40 sind.

Der angesprochene Mentor muss, nach Erfahrung von Fulghum, dabei nicht im Unternehmen selbst ansässig sein. Fulghum kennt Beispiele, wonach einflussreiche deutsche Industriegrößen ihr Netzwerk jungen Führungskräften aufzeigen. Namen darf er freilich nicht nennen.

Ebenfalls ein Erklärungsmuster für den raketenhaften Aufstieg junger Manager ist der "Peer-Group"-Ansatz: "Ein junger Vorstandschef holt in der Tendenz eher Leute seiner Generation mit denen er gemeinsame Werte teilt", sagt Fulghum. Porsche  ist dafür ein gutes Beispiel. 41-jährig stieg Wendelin Wiedeking als Vorstand beim Sportwagenhersteller ein, machte bald darauf Michael Macht, seinen Ziehsohn und Protegé, mit 38 Jahren zum Produktionsvorstand.

Wenn allerdings ältere Vorstandschefs Ressorts mit jungen Führungskräften besetzen, so berichtet Fulghum, hat das nicht selten auch einen schönen Nebeneffekt: "Der Senior ist schwerer angreifbar."

"Menschenführung weniger im Fokus"

Jüngere Manager vor allem im Finanzressort

Probleme macht Fulghum in den Unternehmen aus, die erst zaghaft anfangen, jungen Leuten viel Verantwortung zu geben. "Verantwortungsvolle Positionen mit jungen Managern zu besetzen, kann dann am Neidfaktor scheitern", meint Fulghum. Es gelinge leichter wenn die Beförderung junger Manager als anerkanntes System schon lange etabliert ist. "Wenn es funktioniert, gewöhnen sich die Angestellten schnell daran - und die Ältern legen ihre Skepsis ab. Bei Unternehmen wie Bertelsmann ist es das Normalste von der Welt."

Jungen Leuten schnell Verantwortung zu geben, ist keine deutsche Besonderheit. In der Menge verblüfft es allerdings, dass in vielen deutschen Tochtergesellschaften ausländischer Konzerne junge Manager die Führung bestimmen. Ein Georg Knoth, Deutschland-Vormann von General Electric , zählt 39 Jahre, Thorsten Mindermann, Deutschland-Lenker von Hennes & Mauritz , ist sogar drei Jahre jünger. Gleichen Alters ist Christoph Grandpierre, der das Ressort Personal in der deutschen Dependance von IBM  führt. Noch ein Jahr jünger ist Matthias Schmidt, Geschäftsführer Finanzen von Hewlett-Packard  in Deutschland.

Auffällig ist, dass vor allem das Ressort Finanzen mit jungen Managern besetzt wird. Headhunter Fulghum erklärt sich dies wie folgt: "Ein guter Finanzmann ist wichtig, aber qua Amt sieht er das Geschäft aus Sicht der Zahlen und hat meist wenig Personalverantwortung. Insofern ist Menschenführung auch weniger im Focus und spielt als Qualifikationshürde für den Aufstieg eine untergeordnete Rolle."

Fähigkeiten, die Conti-Finanzvorstand Alan Hippe nach vielerlei Meinung hat. Bei einem Vergleich kann aber selbst Hippe nicht mithalten. Der jüngste Vorstand einer der 100 größten deutschen AGs ist nicht Hippe - und auch nicht der 37-jährige Shai Agassi (SAP), sondern Dominik de Daniel. Mit 29 Jahren hat er eine führende Position beim Zeitarbeitsunternehmen DIS inne - die des Finanzchefs.

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