Montag, 23. September 2019

"Der Feind in meinem Büro" Mit dem Chef auf Kriegsfuß

Das Büro ist für viele zum Krisengebiet geworden, hat Karrierecoach Martin Wehrle diagnostiziert. In zwei Teilen präsentiert manager-magazin.de Auszüge aus Wehrles neuem Buch "Der Feind in meinem Büro". Heute: Warum Mitarbeiter und Vorgesetzte aneinander vorbeireden.

Welcher Mitarbeiter hat je einen glücklichen Chef gesehen? Auch wenn die Kasse überquillt: Der Umsatz ist zu gering! Auch wenn die Mitarbeiter sich zerreißen: Sie tun zu wenig! Auch wenn die Lohnkosten sinken: Sie sind zu hoch! Welcher Chef hat je einen zufriedenen Mitarbeiter gesehen? Wann immer sich die Cheftür einen Spalt öffnet, schneit wieder ein Angestellter ins Büro, der mehr Gehalt, flexiblere Arbeitszeiten oder einen strahlungsärmeren Bildschirm haben will.

 Martin Wehrle ist Gehaltscoach und berät Arbeitnehmer erfolgreich in Gehalts-, Karriere- und Bewerbungsfragen. Gleichzeitig ist er bei Führungskräften als Redner und kritischer Diskussionspartner gefragt. Seine Bücher "Geheime Tricks für mehr Gehalt" (Econ, 2003) und "Die Geheimnisse der Chefs" (Hoffmann und Campe, 2004) haben den Sprung in die Bestseller-Listen geschafft
Astrid Doerenbruch
Martin Wehrle ist Gehaltscoach und berät Arbeitnehmer erfolgreich in Gehalts-, Karriere- und Bewerbungsfragen. Gleichzeitig ist er bei Führungskräften als Redner und kritischer Diskussionspartner gefragt. Seine Bücher "Geheime Tricks für mehr Gehalt" (Econ, 2003) und "Die Geheimnisse der Chefs" (Hoffmann und Campe, 2004) haben den Sprung in die Bestseller-Listen geschafft
Nur die Vorwürfe klingen erstaunlich ähnlich: Mitarbeiter behaupten, die Chefs würden sich auf ihre Kosten eine goldene Nase verdienen; Chefs erheben den gleichen Vorwurf gegen ihre Mitarbeiter, nur dass in ihrer Version die Firma die Zeche zahlt. Dieses Kapitel erklärt, warum sich Chefs und Mitarbeiter wie Katz und Maus aufführen, es aber nicht müssten.

Der schiefe Haussegen

Viele Mitarbeiter sind auf ihre Chefs nicht gut zu sprechen. Die meiste Zeit, so heißt es, sitzen die Vorgesetzen in Meetings, schwingen große Reden, saugen sich weltfremde Ideen aus den Fingern und überlassen das Anpacken und Geldverdienen dann doch vorsichtshalber ihren Mitarbeitern. Mit Lob geizen sie wie die Schotten, mit Kritik halten sie nicht hinterm Berg.

Wer dem Chef seine Meinung sagt, gilt als "Querulant". Wer sich krankmeldet, macht natürlich blau. Und wer blau ist, womöglich während der Arbeitszeit, hat immer private Probleme - nie liegt es an den Arbeitsbedingungen, nie am katastrophalen Führungsstil des Vorgesetzten (genau das sind aber nach Auffassung der Mitarbeiter die häufigsten Gründe für Krankheit und Unzufriedenheit).

Viele Arbeitnehmer fühlen sich vom Chef als potenzielle Faulpelze behandelt, die es mit Peitsche und Zuckerbrot am Einschlafen zu hindern gilt. Interessante Arbeiten werden zur Chefsache erklärt, die gestapelte Langeweile wird delegiert. Gelingt eine Arbeit, war es der Chef allein. Geht sie daneben, waren es seine Untergebenen.

Nach einer Umfrage der Internet-Jobbörse StepStone schämen sich 50 Prozent der Mitarbeiter in Deutschland für ihren Arbeitgeber - womit sicher nicht nur die Firmen gemeint sind, sondern stellvertretend die Chefs. Noch dramatischer ist das Ergebnis einer Studie des Geva-Instituts in München: 88 Prozent aller Mitarbeiter halten ihren (Ex-) Chef für schwierig. Jeder Fünfte gibt an, ihn zu hassen.

Wie denkt die Gegenseite? Oft erleben Chefs ihre Belegschaft als Drückeberger und Faulenzer, die nur dann richtig zupacken, wenn sie nach der Lohntüte greifen. Statt dankbar zu sein, dass sie überhaupt einen Arbeitsplatz haben, stellen die Arbeitnehmer angeblich am laufenden Band Forderungen. Sie wollen mehr Gehalt, mehr Anerkennung, mehr Freizeit. Sie wollen einen Chef, der unfehlbar wie ein Gott ist, sind aber weit entfernt davon, ihn anzubeten. Vielmehr soll er sich jeder Kritik, auch wenn sie ihm wie Gotteslästerung erscheinen mag, mit buddhistischer Gelassenheit stellen.

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