Sonntag, 20. Oktober 2019

"Der Feind in meinem Büro" Mit dem Chef auf Kriegsfuß

9. Teil: Der "unfehlbare" Chef

Da wird die falsche Dosis verabreicht, das falsche Bein amputiert und der Tupfer im Bauch vergessen. Aber keiner hat den Mut, den "unfehlbaren" Chef auf Fehler aufmerksam zu machen. Kritik hat nach dem Gesetz der hierarchischen Schwerkraft zu fließen: von oben nach unten, nicht umgekehrt! So sterben Patienten, so gehen auch Firmen und Produkte zugrunde, so wird der kritische Verstand der Mitarbeiter in destruktive Kanäle gelenkt, etwa auf die Lästerschiene, statt das Unternehmen vor Fehlern zu bewahren. So wird mancher Chef wie ein Kaiser mit neuen Kleidern behandelt. Und die am lautesten klatschen, die Speichellecker und Kopfnicker, werden mit Vorliebe zu Ratgebern erklärt oder zu Stellvertretern befördert.

Auf diese Weise entsteht ein Staat aus Höflingen, eine geschlossene Chefgesellschaft, weit abgehoben vom Boden der Realität, unerreichbar für Mitarbeiter. Als Coach spreche ich von der "Geschäftsführer-Krankheit". Weil Chefs die kritische Rückmeldung fehlt, schwindet ihr Realitätssinn. Dafür wächst eine Selbstüberschätzung, die bis in die Pleite führen kann.

Als Mitarbeiter noch Sklaven waren

Hätte Eva nicht auf die Schlange gehört: Chefs und Mitarbeiter wären sich erspart geblieben! So aber hat Gott (nach der christlichen Lehre) die Menschen aus dem Paradies gescheucht und mit der Höchststrafe belegt: Sie mussten für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Vielleicht erklärt das, warum sich manche Chefs bis heute wie zornige Götter aufführen - und warum mancher Angestellte, der morgens aus dem Bett muss, sich immer noch aus dem Paradies vertrieben fühlt.

Die Männer begannen zu jagen, die Frauen zu sammeln, die Welt schien in Ordnung. Bis sich die Menschheit in zwei Teile spaltete: in eine Elite, die arbeiten ließ (die "Herren", heute "Arbeitgeber" genannt), und in eine Masse, die arbeiten musste (die "Sklaven", heute "Mitarbeiter" genannt). Das deutsche Wort "Arbeit" stammt vom germanischen "arba", dem Begriff für "Knecht".

Ob im alten Rom oder im antiken Griechenland: Die Oberschicht machte keinen Finger krumm. Die Arbeit galt als sündiges Gewerbe, Philosophen wie Aristoteles predigten den Müßiggang. Wer es sich leisten konnte - im alten Rom immerhin jeder Fünfte -, ließ seine Ländereien von Sklaven bewirtschaften. Als erste direkte Vorgesetzte der Geschichte traten die Aufseher in Erscheinung. Ihre Sprache ließ keine Missverständnisse zu: Sie bestand aus Peitschenhieben.

Das Römische Reich ging nieder, doch Herren und Leibeigene gab es nach wie vor. Im Mittelalter schufteten die meisten Menschen in der Landwirtschaft. Sie wurden ausgebeutet von den herrschenden Ständen, von Adel, Klerus, Orden und Reichsstädten. Man drangsalierte sie mit hohen Zinsen und Steuern, kassierte beim Ertrag mit und zog sie nach Belieben zu Frondiensten heran. Wenn die Ernte ins Wasser fiel, musste nicht selten der Bauer im Kerker dafür büßen. Sogar der Tod kostete mehr als das Leben: Starb der Bauer, ging das beste Stück Vieh an die Obrigkeit. Im Mittelalter wurde ein Ausdruck geprägt, der auch heute noch eine große Rolle spielt, vor allem nach Managementfehlern: das "Bauernopfer".

Mit dem Heraufdämmern der industriellen Revolution gewann die Arbeit unter Tage an Bedeutung. Die Stollen, dunkel und feucht, verschlangen die Bergleute. Die Kumpel quälten sich bis zum Umfallen, 12 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Die Löhne waren gering, Kinder ab dem neunten Lebensjahr packten mit an. Derweil verdienten sich die Grubenbesitzer eine goldene Nase.

Immer öfter explodierte der soziale Sprengstoff in Streiks. Im Jahr 1872 legten in Essen mehr als 20.000 Bergleute die Arbeit nieder. Die Art, wie sich Chefs und Mitarbeiter verständigten, erinnert an die Gegenwart: Sie sprachen nicht miteinander, sie kommunizierten schriftlich. Die Arbeitnehmer verlangten in einer Petition von dem "wohllöblichen Vorstand" eine 25-prozentige Lohnerhöhung.

Die Grubenbesitzer antworteten in der Essener Zeitung: 36 Sie würden weder mit den Arbeitnehmervertretern verhandeln noch die von ihnen gestellten Forderungen bewilligen. Der Aufstand scheiterte: Die Arbeitgeber solidarisierten sich, der Hunger trieb die Menschen nach gut drei Wochen wieder unter Tage. Aber die Chefs hatten die Macht ihrer Mitarbeiter zu spüren bekommen....

Den zweiten Buchauszug veröffentlicht manager-magazin.de am Mittwoch, 24. August.

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