Mittwoch, 23. Oktober 2019

"Der Feind in meinem Büro" Mit dem Chef auf Kriegsfuß

8. Teil: Vorschlagwesen - ein Armutszeugnis für alle

Doch als das Geschäft so exzellent lief, dass sich die Bosse schon in einer Liga mit Bill Gates sahen, drehte sich der Wind. Die Kunden gerieten in die Turbulenzen des Aktienmarktes. Allmählich ging es nicht mehr um die Zukunft, sondern ums Krisenmanagement. Die Mitarbeiter der Firma, als Berater täglich vor Ort, wiesen die Geschäftsleitung auf diese veränderte Lage hin. Doch die Chefs lehnten es ab, das Geschäftsmodell in Richtung Krisenberatung zu verändern.

Man wollte nicht im Boot der Verlierer sitzen, im Gegenteil! Im Jahr 2001 waren die Auftragsbücher so gut wie leer. Es mangelte an Börsengängen, das Geschäftsmodell ging nicht mehr auf. Nun, da ihm das Wasser bis zum Hals stand, wollte der Firmus-Saurus das Schwimmen lernen. Doch das Segment der Krisenberatung war inzwischen besetzt. Der Saurier ging unter.

Nach einer Studie des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Celerant aus dem Jahr 2003 vertreten sieben von zehn Mitarbeitern die Meinung, dass sie beim Chef mit ihren Ideen auf taube Ohren stoßen oder dass die Einfälle auf dem Dienstweg versanden. Manche Firmen haben diesen Mangel erkannt und wollen ihn institutionell beheben: durch ein Betriebliches Vorschlagswesen (BVW). Jeder Mitarbeiter ist aufgerufen, seine Verbesserungsvorschläge im Laufe des Jahres einzureichen. Die besten werden prämiert.

Der Mitarbeiter wirft einen Verbesserungsvorschlag in den Briefkasten, so wie man ein Gebet nach oben murmelt, und hofft darauf, vom Chef im Firmenhimmel erhört zu werden. Aber oft wird dem Mitarbeiter nur für seine Idee gedankt, natürlich per Formbrief, dann versandet der Vorschlag im Labyrinth der Hierarchien.

Allein die Tatsache, dass ein Betriebliches Vorschlagswesen existiert, lässt sich als Armutszeugnis werten. Warum bedarf es einer Prämie, um die Mitarbeiter zu Vorschlägen zu verlocken? Müsste es nicht die selbstverständlich sein, dass Mitarbeiter Einfälle entwickeln, sie mit ihren direkten Vorgesetzten diskutieren und damit durchkommen, wenn die Argumente überzeugend sind? Allerdings sind nicht alle Mitarbeiter offen für Neuerungen. Als Bedrohung wird es oft erlebt, wenn sich Arbeitsplätze verändern, Aufgaben erweitern oder Zuständigkeiten verschieben. In der Celerant- Studie wurden auch Chefs gefragt, für wie innovationsfreudig sie ihre Mitarbeiter hielten. Ergebnis: 83 Prozent zeigten mit dem Daumen nach unten.

Woher kommt die Angst vor Veränderungen? Psychologen sagen: Jede Umstellung kostet Energie. Im Kopf müssen neue Nervenbahnen angelegt werden. Das ist, als würde man mit der Machete einen Weg durch den Dschungel schlagen. Dagegen sind die Nervenbahnen für gewohnte Vorgänge längst angelegt und bequem zu beschreiten - wie Trampelpfade, auf die man immer wieder zurückkommt.

Kaiser ohne Kleider

Viele Chefs fallen aus allen Wolken, wenn ein Projekt scheitert, ein großer Kunde abspringt oder ein scheinbarer Geniestreich als Schnapsidee verpufft. Sie sehen ihre Firma mit den Augen eines frisch Verliebten: Das Doppelkinn erklären sie zur Lachfalte, die Hasenzähne zum zärtlichen Versprechen eines Knabberkusses. Sie schauen durch die rosa Brille, sehen eine andere Wirklichkeit als ihre Mitarbeiter. Und wer es schon einmal versucht hat, einen Verliebten auf den Boden der Tatsachen zu holen, der weiß: Eher holt man die Sonne vom Himmel! Den ehrlichen Mitarbeitern droht das Schicksal des Boten, der den Kopf für seine Nachricht lässt.

Mit der Zeit beißen sie sich auf die Zunge. Oder formulieren ihre Bedenken so schwammig, dass der Chef sie guten Gewissens überhören kann. Keiner will sich der "Gotteslästerung" schuldig machen! Daniel Goleman schildert ein erschreckendes Beispiel: Nach seiner Aussage sterben in den US-Krankenhäusern jedes Jahr 100.000 Patienten durch Behandlungsfehler. Die Fehlentscheidungen der leitenden Ärzte, so vermutet Goleman, würden von den Untergebenen zwar gesehen, aber aufgrund strenger Hierarchien nicht angesprochen. Die Assistenzärzte und Krankenschwestern scheuen sich, den "Göttern in Weiß" mit dem Zaunpfahl zu winken.

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