Montag, 14. Oktober 2019

"Der Feind in meinem Büro" Mit dem Chef auf Kriegsfuß

6. Teil: Spesenritter auf Beutezug

Soll ein Arbeitgeber sich das gefallen lassen? Täte er nicht gut daran, auf den Tisch zu hauen, bis der Kaffee überschwappt? Der Unternehmensberater Peter Senge, bekannt durch das Modell der lernenden Organisation, hat eine interessante Entdeckung gemacht: Die wichtigsten Informationen werden nicht bei Meetings ausgetauscht, nicht durch Protokolle und formale Schriftstücke; die wichtigsten Informationen fließen bei informellen Gesprächen. Jener Art von Unterhaltung, die beim Kaffeetrinken stattfindet!

Für kurze Zeit werden die Bürowände eingerissen, und die Informationen fließen ungehindert von Mitarbeiter zu Mitarbeiter, von Abteilung zu Abteilung. Jeder erfährt, womit der Kollege gerade befasst ist, kann ihn mit seinem eigenen Wissen unterstützen. Beim Kaffee sind die Mitarbeiter keine Einzelkämpfer in Einzelbüros (wie sonst im Alltag), sondern sie sehen Zusammenhänge, erkennen sich als Gemeinschaft und gehen motiviert und besser informiert zurück an die Arbeit.

Natürlich wird auch Privates ausgetauscht. Aber wer als Arbeitgeber hinhört, wird feststellen: Die Mitarbeiter kommen immer wieder auf die Arbeit zurück. Die Kaffeepause ist keine verschwendete Arbeitszeit: Sie kann wie ein Stück Zucker sein, das den Informationsfluss zum Vorteil der Firma versüßt.

Spesenritter auf Beutezug

Welcher Mitarbeiter könnte von sich behaupten, er hätte noch nie die Kilometer einer Dienstreise aufgerundet? Wer lässt sich das Trinkgeld für den Taxifahrer nicht mit auf die Quittung schreiben? Wer ist bis auf den letzten Cent korrekt? Arbeitsrechtler mögen dieses Verhalten als Kündigungsgrund sehen: Mitarbeiter halten es für ein Kavaliersdelikt. Ein bunter Strauß von Argumenten wird zur Rechtfertigung vorgebracht, vier Beispiele:

"Die Firma ist mir noch was schuldig!": Weil die letzte Gehaltserhöhung wieder einmal abgelehnt wurde, die Überstunden nicht bezahlt werden und man schon manches Telefonat für die Firma auf private Rechnung von zu Hause erledigt hat: Deshalb sei es nur gerecht, durch Spesen einen kleinen Ausgleich zu erzielen.

"Der Firma tut's nicht weh!": Weil die Firma mit Geld nur so um sich wirft, weil sie Unsummen für Berater verpulvert, für Werbung und für Chefgehälter: Deshalb täte es ihr nicht weh, auch bei den Spesen "großzügig" zu sein.

"Macht doch jeder!": Weil alle an Spesen genesen, weil die Firma schon mit Übertreibungen kalkuliert hat und weil jeder, der nicht mitmacht, die Zeche zahlt: Deshalb sei es nur gerecht, "ein wenig aufzurunden".

"Die Chefs machen es vor!": Weil die Chefs im großen Dienstwagen auf den Hof rollen, in den teuersten Hotels ihre Geschäftsessen abhalten und dreimal jährlich die Gemälde an ihrer Bürowand austauschen (und zwar mit jenem Geld, das ihre Mitarbeiter für sie verdienen): Deshalb könne es doch nicht verwerflich sein, diesem "guten Vorbild" zu folgen.

Wer sich ausgebeutet fühlt, beutet aus

Unternehmensberater wie Reinhard K. Sprenger, der Autor von "Mythos Motivation", berichten von einem Pay-off-Effekt: Die Mitarbeiter zahlen an die Firma mit derselben Münze zurück, die sie zu bekommen meinen. Wer sich ausgebeutet fühlt, beutet aus. Er wird zum Spesenritter und wägt sich, während er selbst schummelt, auf einem Feldzug gegen die Ungerechtigkeit. Aber schließt er durch dieses Verhalten nicht den Teufelskreis? Nimmt sich der Mitarbeiter nicht das moralische Recht, seine Chefs für ein ähnliches Verhalten zu kritisieren? Auf der anderen Seite: Tun Chefs klug daran, einer auffallenden Zunahme von Spesenbetrug nur durch schärfere Kontrolle zu begegnen? Ist das Verhalten der Mitarbeiter nicht eher ein oberflächliches Symptom für eine Krankheit, die der Firma in den Knochen steckt, für ein gestörtes Verhältnis zwischen Chefs und ihrer Belegschaft? Tatsächlich ist noch keine Firma an Spesenbetrug zugrunde gegangen - wohl aber daran, dass Mitarbeiter sich durch heimlichen Leistungsentzug rächen. Die deutschen Firmen kommt das teuer zu stehen.

Nach einer Studie der Unternehmensberatung Gallup haben demotivierte Mitarbeiter allein im Jahr 2004 einen Schaden von 234 bis 245 Milliarden Euro angerichtet! Eine gute Führungskraft wird alles dafür tun, dass die Mitarbeiter sich fair behandelt fühlen - damit diese sich der Firma gegenüber ebenso verhalten. Außerdem hilft ein praktisches Mittel gegen Spesenbetrug: Die Mitarbeiter bekommen für Fahrten und Übernachtungen eine Spesenpauschale, etwa in Höhe der durchschnittlichen Reisekosten. Dann liegt es an ihnen, ob sie in einer günstigen Fahrgemeinschaft oder mit der Bahn anreisen; ob sie privat übernachten oder sich eine teure Unterkunft suchen.

Von dieser Regelung profitieren alle: Mitarbeiter können sich durch Sparsamkeit ein kleines Zubrot verdienen. Chefs können sich die Kontrolle der Spesenabrechung schenken. Und ein großer Teil des bürokratischen Aufwands, der ganze Sekretariate lähmt, wird überflüssig.

Die Unschuld vom Firmenlande

Wenn ein Firmenboot in Seenot gerät, wer ist dann schuld? Eigentlich gibt es drei Möglichkeiten: Entweder der Kapitän, sprich Chef, hat den falschen Kurs eingeschlagen. Oder die Matrosen, sprich Mitarbeiter, haben die richtigen Kommandos falsch ausgeführt.

Oder es liegt alles am Wetter, sprich an der Markt- und Wirtschaftslage. Erstaunlicherweise wiederholt sich aber in großen wie kleinen Unternehmen eine Beobachtung: Chefs können alles. Aber sie können nie etwas dafür. Der Erfolgskurs ist ihr Werk - am Untergang sind andere Schuld.

Der Markt hat sich gegen sie verschworen. Die Mitarbeiter haben Fehler gemacht. Die Wirtschaftslage hat ihnen ins Handwerk gepfuscht. Der Staat hat sie mit Steuern geschröpft. Und der Unternehmensberater hätte kein Honorar verdient gehabt, höchstens Blindengeld.

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