Samstag, 19. Oktober 2019

"Der Feind in meinem Büro" Mit dem Chef auf Kriegsfuß

3. Teil: Wenn die Katze aus dem Haus ist...

Wenn die Katze aus dem Haus ist...

Die so genannten Arbeitgeber sind auf die so genannten Arbeitnehmer in allerhöchstem Maße angewiesen. Die Mitarbeiter bilden die Brücke zwischen grünem Tisch und klingelnder Kasse. Sie sind es, die Kunden beraten, Computer programmieren, Hämmer schwingen und am Fließband stehen. Sie sorgen für die Produktion und für den Gewinn. Der bekannte Managementautor Peter F. Drucker fordert sogar, dass die Mitarbeiter nicht nur als Kostenfaktor in der Bilanz auftauchen, sondern als Aktiva der Firma - als einziges "Kapital", durch das sich in Zeiten der Wissensgesellschaft und Globalisierung ein Vorsprung am Markt sichern lässt.

Gegeneinander statt Miteinander: Für Buchautor Wehrle arbeiten Chefs und Mitarbeiter häufig gegeneinander
[M] DDP ; manager-magazin.de
Gegeneinander statt Miteinander: Für Buchautor Wehrle arbeiten Chefs und Mitarbeiter häufig gegeneinander
Drucker schreibt in seinem Buch Umbruch im Management: "In den meisten Organisationen wird (...) noch immer geglaubt, was 20 Arbeitgeber im 19. Jahrhundert angenommen haben: Die Mitarbeiter sind viel mehr auf uns angewiesen als wir auf sie. Tatsächlich aber müssen die Organisationen die Mitgliedschaft in ihren eigenen Reihen ebenso schmackhaft machen, wie es bei der Vermarktung ihrer Produkte und Dienstleistungen der Fall ist - wenn nicht sogar darüber hinaus. Sie müssen Menschen anziehen, halten, sie anerkennen und belohnen, Menschen motivieren, sie bedienen und zufrieden stellen."

Wenn die Katze aus dem Haus ist ...

Wer kennt nicht das Sprichwort von den Mäusen, die angeblich auf dem Tisch tanzen, sobald die Katze aus dem Haus ist? In vielen Firmen wird es von Chefs und von Mitarbeitern zitiert. Wobei natürlich die Arbeitnehmer als Mäuse gelten, piepsend und winzig - und die Arbeitgeber als Katzen, fauchend und groß.

Dieses Bild offenbart eine interessante Selbstdefinition: Chefs und Mitarbeiter sehen sich als natürliche Feinde! Die Arbeitgeber haben lange Krallen, die Arbeitnehmer müssen sich hüten. Keine Partnerschaft auf einer Augenhöhe, denn Katzen brauchen Mäuse nur, um ihre Bedürfnisse, um Hunger und Spieltrieb, zu befriedigen.

Mäuse dagegen gelten als schlau. Sie fressen sich auf Kosten anderer durch. Sie verkriechen sich in Löcher, sobald Gefahr droht. Sie sind schnell und flink. Oft treten sie in Gruppen auf, was die Katze verwirren kann. Tatsächlich braucht mancher Chef nur das Großraumbüro zu betreten, schon ist die Unbeschwertheit vorbei. Lacher verstummen, Mienen erstarren, Grüppchen lösen sich auf.

Wer gerade noch die Kaffeetasse hielt, greift zur Arbeit. Wer gerade noch ins Telefon geflüstert hat, verabschiedet sich förmlich. Und wer privat im Internet surfte, öffnet blitzschnell ein Dokument mit Arbeit. Warum sind die Mäuse vor den Augen des Chefs so brav? Weil sie nicht gefressen werden wollen - nicht angebafft, nicht abgemahnt und schon gar nicht gefeuert. Also spielen sie die Musterschüler.

Chefs haben ihre Mitarbeiter "im Griff"

Sie trinken ihren Kaffee schneller, schicken einen Druckbefehl nach dem anderen ab und wirbeln auch sonst viel Arbeitsstaub auf. Ihre Albernheiten behalten sie für sich. Der Planet, um den jetzt scheinbar alles kreist, heißt "Arbeit".

Viele Chefs sind auch noch stolz darauf, dass sie ihre Mitarbeiter so gut "im Griff" haben. Das klingt nach Schraubstock - und ist auch so gemeint! Heimlich wird der Mitarbeiter als Faulpelz gesehen, der nur so lange im Takt marschiert, wie man ihm den Marsch bläst. Das Problem dieser Art von Führung: Sobald sich der Griff lockert, sobald der Chef seinen Mitarbeitern den Rücken zudreht, reagieren diese wie Sprungfedern: Sie schnellen in die gegenteilige Richtung - vom Geschäft zum Schnaps, von der Bilanz auf die Lieblingshomepage, vom Arbeiten in den Feierabend.

Interessant: Wo die Mitarbeiter nur nach ihrer Arbeitsleistung beurteilt werden, wo niemand die Pausen stoppt, die Internet-Besuche kontrolliert und an einem privaten Wort Anstoß nimmt: In solchen Firmen kommen gewöhnlich keine Mäuse vor! Provokant ließe sich sagen: Nur ein Chef, der beim Führen Käse macht, hat tanzende Mäuse als Mitarbeiter!

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