Freitag, 18. Oktober 2019

"Der Feind in meinem Büro" Mit dem Chef auf Kriegsfuß

2. Teil: Murphys-Gesetz - jeden Tag sichtbar

Sie scheren sich einen Teufel um die Kosten der Firma, drucken ihre Briefe grundsätzlich fünfmal aus, statt sie beim ersten Mal sorgfältig zu lesen. Und während sie durch ihr eigenes Auto mit dem Staubsauger robben, hinterlassen sie den gemeinschaftlichen Dienstwagen als Müllhalde, natürlich mit leerem Tank und mit heruntergefahrenen Bremsbelägen.

Martin Wehrle: "Der Feind in meinem Büro"; Econ-Verlag, Berlin 2005, 224 Seiten, 19,95 Euro.

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Im Alltag sitzen sie ihre Zeit ab, machen Dienst nach Vorschrift und erwachen erst dann aus ihrer Lethargie, wenn der Feierabend und das Hobby rufen. Fußball statt Firma, abtanzen statt anpacken! Auch diese Sicht wird von Daten gestützt: Nach einer Studie der Unternehmensberatung Gallup gelten nur 13 Prozent der Mitarbeiter in deutschen Betrieben als engagiert. Der Rest macht "Dienst nach Vorschrift" oder gibt zu, "innerlich gekündigt" zu haben.

Chefs und Mitarbeiter: In den Firmen sitzen sie Wand an Wand - und doch trennen sie Welten! Da verbringen sie ihr halbes Leben miteinander, sind von Arbeitseintritt bis zur Rente 50.000 bis 70.000 Stunden aneinander gekettet - aber sie verstehen sich nicht, bekämpfen einander, reiben sich auf.

Miteinander können sie nicht, ohne einander noch viel weniger: Chefs sind nur Chefs, solange sie Mitarbeiter haben; Mitarbeiter sind nur Mitarbeiter, solange sie Chefs haben. Gemeinsam sitzen sie in der Falle und machen sich das Berufsleben schwer. Fast in allen Unternehmen hängt der Haussegen schief: Sind die Zeiten, als es noch Herren und Sklaven gab, wirklich vorbei? Oder tobt der alte Kampf noch immer, nur dass mit anderen Mitteln gefochten wird? Heißen die modernen Peitschenhiebe der Arbeitgeber "Nullrunde", "Einstellungsstopp" und "Arbeitsplatzverlagerung "? Heißt der moderne Aufstand der Arbeitnehmer "innere Emigration" und "Leistungsverweigerung"? Und sagt nicht schon der Begriff "Tarifschlacht", dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber sich immer noch in einem Krieg gegeneinander wägen?

Etikettenschwindel

Dass alles schief geht, was schief gehen kann - dieses Gesetz von Edward Murphy trifft auf Chefs und Mitarbeiter in vollen Umfang zu. Am Anfang dieser Beziehung war nicht nur das Wort, da war schon das erste Missverständnis: Der sich "Arbeitgeber" nennt, gibt gar keine Arbeit (oder Arbeitsleistung), im Gegenteil: Er nimmt sie. Und zwar von seinem Mitarbeiter, den er irrigerweise zum "Arbeitnehmer" erklärt - obwohl der doch seine Arbeitskraft gibt und dafür nur Gehalt nimmt.

Man könnte dieses Missverständnis abhaken, wäre es nicht so bezeichnend. Herrscht doch zwischen dem Gebenden und dem Nehmenden ein Gefälle. Die Mutter gibt dem Säugling Milch, der Reiche gibt dem Bettler Brot, und der Lehrer gibt seinem Schüler eine Note.

Wer gibt, ist mächtig. Er hat den anderen in der Hand, vor allem durch die Möglichkeit, seine milde Gabe zu verweigern. Dieser Entzug kann den Nehmenden, der oft ein Abhängiger ist, in große Schwierigkeiten bringen. Mancher Mitarbeiter wird jetzt mit dem Kopf nicken und sagen: "Trifft alles auf Arbeitgeber zu! Schließlich können sie über ihre Mitarbeiter verfügen, sie bestrafen und befördern, einstellen und entlassen." Arbeitnehmer hängen von Arbeitgebern ab. Aber wie steht es umgekehrt? Schmölze nicht jede Weltfirma über Nacht zur lächerlichen Ich-AG, zöge man die Mitarbeiter ab?

Zwar stimmt es, dass Chefs die Köpfe des Unternehmens sein sollten. Aber was bringt ein Schlachtplan, wenn ihn keiner ausführt oder wenn er an der Realität vorbeigeht? Chefs können nur so gut wie ihre Mitarbeiter sein. Es geht ihnen wie Trainern im Fußball: Wenn die Mannschaft versagt, wackelt ihr Stuhl.

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