Donnerstag, 5. Dezember 2019

Familie Haniel XXL-Händler von der Ruhr

2. Teil: Wie ein König den Aufstieg befeuerte

Verzicht auf öffentliche Angeberei

Ursache des triumphalen Aufstiegs sind schlichte Prinzipien, an denen die Haniels seit Jahrhunderten festhalten - komme, was wolle. Seit 1917 gilt die Trennung von Eigentum und Management. Kein Haniel darf, und sei es auch nur als Praktikant, in der Gruppe arbeiten. Der Clan fischt die Gewinne wie gelesen nur teilweise ab. Die operativ tätigen Vorstände und Geschäftsführer sind dazu angehalten, antizyklisch zu investieren und in jedem Geschäftsfeld eine marktbeherrschende Position zu erlangen.

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Gelingt dies nicht, fackelt der Clan nicht lange und zieht sich zurück. Im Grunde versucht die Familie ihr Risiko relativ breit zu streuen. Und nicht zuletzt: Die Dynastie umgibt ein geradezu mystisches "Wir-Gefühl". Ein Kollektiv, deren Mitglieder trotz Unterschieden - hier die angegraute Exzellenz aus Dorf X, dort der selbstbewusste Yuppie aus Großstadt Y - eine eingeschworene Gemeinschaft bildet.

Eben jenes "Wir-Gefühl" vermittelt wohl kaum ein anderer besser als Franz Markus Haniel. Obwohl mit 50 Jahren längst nicht der Älteste, geht vom Aufsichtsratsvorsitzenden der Gesellschaft eine starke Integrationskraft aus, wie es ein Mitglied des Aufsichtsrats gegenüber manager-magazin.de ausdrückt. Haniel selbst lässt dies unkommentiert. Sein Schweigen in der Öffentlichkeit pflegt er auch gegenüber manager-magazin.de. Wieder so ein Prinzip: Die Haniels kultivieren ihre Verschwiegenheit, checken zu auswärtigen Treffen im Hotel sogar unter falschen Namen ein, lassen die Regenbogenpresse links liegen und verzichten auf öffentliche Angeberei.

[M] DDP; DPA; mm.de
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Franz Markus Haniel ist direkter Nachfahre des Mitgründers gleichen Namens. Zwischen Haniel-Museum und Hauptsitz steht bis heute das Haus, in dem Franz Haniel (1779-1868) geboren wurde. Die Geburtsstunde des Unternehmens datieren die Nachfahren freilich früher, auf das Jahr 1756. Der preußische König Friedrich der Große erlaubt in diesem Jahr dem Großvater von Franz Haniel den Bau eines "Packhauses". Jan Willem Noot lagert dort Tabak, Tee und Gewürze. Diese importiert er aus Holland, liefert sie an reiche Bürger. Seine Familie erweitert stetig das Geschäft um Wein und Eisengusshandel; sie kaufen Kohlegruben und Hüttenwerke, bauen das erste Dampfschiff.

Alles Vergangenheit. Die Wurzeln in der Montanindustrie, Kohlehandel und dem Speditionswesen sind seit Jahrzehnten gekappt. Das zwischenzeitliche Engagement als größter Reeder Europas ist perdu, der Name Haniel taucht auf keinem Produkt mehr auf. Wie kaum ein anderes Familienunternehmen grub Haniel seine Investments um wie ein Schaufelbagger frische Erde. 2004 erwirtschaftet das Konglomerat 90 Prozent des aktuellen Umsatzes aus Bereichen, die vor 20 Jahren noch nicht zum Portfolio gehörten.

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