Morgan Stanley 60 Millionen für den freiwilligen Abgang

Nach langen Querelen hat Morgan-Stanley-Chef Philip J. Purcell das Handtuch geworfen. Spannend bleibt die Frage, ob er "freiwillig" geht oder "begründet entlassen" wird. Eine juristische Feinheit mit großer Wirkung. Der Unterschied? Gut 30 Millionen Dollar Abfindung.

New York - Philip J. Purcell (61), der Konzernchef des amerikanischen Finanzdienstleisters Morgan Stanley  und einer der härtesten Strategen an der Wall Street, hat das Handtuch geworfen. Er will nach monatelangen lautstarken Rücktrittsforderungen ehemaliger Morgan-Stanley-Spitzenmanager in den Ruhestand gehen, sobald ein Nachfolger gefunden ist.

Versüßt wird ihm der Abgang mit Gesamtbezügen von mindestens 62,3 Millionen Dollar. Diese Summe schätzte das "Wall Street Journal" am Dienstag. Purcell hatte im vergangenen Jahr nach Angaben der Zeitung insgesamt 22 Millionen Dollar erhalten.

Dabei spielt das juristische Procedere eine große Rolle. Denn diese Summe gilt nur für den Fall eines "freiwilligen" Rücktritts. Wie sich aus einer Eingabe an die US-Börsenaufsicht SEC vom 15.Februar ergibt, wurde Purcell für diesen Fall eine Prämie von 48,1 Millionen Dollar in Aktien zuerkannt. Hinzu kommen 11 Millionen Dollar aufgelaufener Pensionsansprüche sowie 3,2 Millionen Dollar im Rahmen von Mitarbeiter-Aktienoptionsplänen. Das Abfindungspaket geht von einer lebenslangen Pensionszahlung von 1,2 Millionen Dollar pro Jahr aus.

"Begründete Entlassung" weniger lukrativ

Bei einer "begründeten Entlassung" indes würde das Abfindungspaket nur 27,6 Millionen Dollar betragen, weil die Abfindungsprämie in Aktien auf 13,4 Millionen Dollar sinken würde. Die beiden anderen Komponenten blieben in diesem Fall gleich und die zusätzliche jährliche Pensionszahlung würde 1,27 Millionen Dollar betragen.

1997 hatte Purcell die von ihm geführte Brokerfirma Dean Witter mit Tausenden von Wertpapierverkäufern, deren Zielgruppe die amerikanische Mittelklasse ist, mit der traditionsreichen Investmentbank Morgan Stanley fusioniert. Deren Kunden waren Großkonzerne, Investment- und Hedge-Fonds, Versicherungen, Pensionskassen und andere institutionelle Anleger.

Die Integration der beiden Firmen mit ihrer völlig unterschiedlichen Kundenausrichtung und Unternehmenskultur hatte jedoch nie so recht geklappt. Mit der geplatzten Internetspekulationsblase und der schlimmsten Baisse seit den dreißiger Jahren kamen Rückschläge. Die Aktienkurssteigerungen von Morgan Stanley blieben hinter denen großer Konkurrenten wie Lehman zurück.

25 Nachfolgekandidaten im Gespräch

25 Nachfolgekandidaten im Gespräch

Es folgten eine Revolte ehemaliger Führungskräfte und ein Massenexodus qualifizierter Manager aus der Investmentbanksparte sowie anderen lukrativen Geschäftsbereichen. Jetzt musste die Gesellschaft ankündigen, dass der Gewinn im zweiten Quartal um 15 bis 20 Prozent hinter dem Ergebnis der entsprechenden Vorjahreszeit zurückbleiben wird.

Bei der Suche nach einem qualifizierten Purcell-Nachfolger hat der Verwaltungsrat die abtrünnigen ehemaligen Führungskräfte kategorisch ausgeschlossen. Die gemeinsam operierenden neuen Präsidenten der Firma, Stephen Crawford und die ehemalige Leiterin der Anleihesparte Zoe Cruz, dürften nach Ansicht von Branchenkennern als Purcell-Nachfolger nicht in Frage kommen.

Stattdessen wird sich die Suche wohl auf angesehene Wall-Street-Spitzenmanager außerhalb des Unternehmens konzentrieren. Die Onlineausgabe der "New York Times" spekuliert mit nicht weniger als 25 Namen.

Die große Frage ist, ob Morgan Stanley durch den Verkauf von Einzelsparten von dem Finanz-Supermarkt-Konzept abrücken und sich wieder auf das lukrative Investmentbank-Geschäft konzentrieren wird, oder ob die Firma weiter nach dem Universalbank-Prinzip fast alles unter einem Dach behalten wird. Purcell hatte sich zunächst gegen den Verkauf der Kreditkartensparte Discover gewehrt, doch soll sie nun doch abgetrennt werden.

Ein Verkauf des Gesamtunternehmens, dessen Aktien derzeit insgesamt rund 56 Milliarden Dollar wert sind, scheint dagegen unwahrscheinlich, obwohl Kreditinstitute wie die Bank of America und oder die britische HSBC Holdings die notwendige Größe und Finanzkraft für eine Übernahme hätten.

Peter Bauer, dpa

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