Wirtschaftskrise Wie Deutschland die Balance verlor

Die Löhne steigen um mehr als 10 Prozent, und die Politik verteilt kräftig Geld. Doch auch Wirtschaftslenker waren während der 70er Jahre "nicht zum Kämpfen geboren", räumen Edzard Reuter und Jürgen Hubbert ein. In "Der Fall Deutschland" erläutern Topmanager, wie das Wirtschaftswunderland aus dem Gleichgewicht geriet.

Helmut Schmidt wird 1972 Nachfolger des zurückgetretenen Finanzministers Karl Schiller

Willy Brandt hatte am Anfang zwei erstklassige Leute zum Finanzminister und zum Wirtschaftsminister berufen: Finanzminister war Alex Möller, Wirtschaftsminister war Karl Schiller. Da brauchte er als Kanzler eigentlich selber kein Ökonom zu sein. Aber die beiden gingen im Konflikt mit anderen Kabinettsmitgliedern, deshalb kam es jetzt auf den Kanzler an.

Und nun stellte sich heraus, dass nicht nur Innenminister Genscher, sondern auch Brandt bereit war, zum Beispiel die Lohnerhöhung im öffentlichen Dienst um 13 Prozent zu genehmigen - zu meinem Entsetzen, denn ich war damals Finanzminister.


Kurt Biedenkopf lehrt Anfang der 70er Jahre als Hochschulrektor an der Ruhr-Universität Bochum

Es gab dann eine Zäsur, die sich allerdings in der Großen Koalition schon abzeichnete. Kanzler Willy Brandt erklärte: Nicht die Einnahmen bestimmen die Ausgaben, sondern die Ausgaben bestimmen die notwendigen Einnahmen. Sollten die Einnahmen nicht reichen, müssten Schulden gemacht werden - vereinfacht gesagt. Die Folgen haben Karl Schiller 1972 veranlasst, das Handtuch zu werfen mit dem berühmten Ausspruch: "Genossen, lasst die Tassen im Schrank!"


Klaus von Dohnanyi erlebt als Bundestagsabgeordneter den Rücktritt Karl Schillers. Er steht den Forderungen der 68er skeptisch gegenüber

Ich denke schon, dass Willy Brandt im Kern Außenpolitiker gewesen ist. Am Ende werden eigentlich alle Bundeskanzler Außenpolitiker, auch wenn sie zunächst sehr innenpolitisch ausgerichtet sind. (...) Ich denke aber auch, dass die Euphorie der 68er einen unglaublichen Veränderungsdruck geschaffen hat. Reformen waren das ja eigentlich nicht, weil es zum großen Teil doch großer Unsinn war, was die 68er gesagt und gewollt haben.

Aber dennoch gab es diesen politischen Druck, der in den Fraktionen und Parteigremien deutlich spürbar war. Als Eppler auf dem Godesberger Parteitag sagte: "Wir müssen die Belastbarkeit der Wirtschaft prüfen", hat Karl Schiller natürlich geantwortet: "Lasst die Tassen im Schrank." Das darf man nicht, denn wenn man sie erst einmal geprüft hat, ist es zu spät. Diesem oft illusionären Veränderungsdruck hat Brandt, auch unter der unendlichen Belastung, unter der er aufgrund der Deutschland-Politik stand, vielleicht zu oft nachgegeben.

"Wir standen vor einer Weltrezession"

"Wir standen vor einer Weltrezession"

1974 tritt Willy Brandt wegen der Guillaume-Affäre als Bundeskanzler zurück. Sein Nachfolger wird Helmut Schmidt

Für die zu hohen Tarifabschlüsse waren aber nicht nur die Gewerkschaften verantwortlich, sondern genauso die Arbeitgeberverbände. Beide Seiten waren illusionistisch. Wir haben damals, da war Brandt noch Kanzler, ein Sonntagsfahrverbot auf der Autobahn erlassen. Nicht so sehr, um damit Benzin zu sparen, sondern vor allem, um dem deutschen Volk ins Bewusstsein zu heben, dass wir vor einer Weltrezession standen. (...) Als wir aber in der zweiten Hälfte der 70er Jahre glaubten, den extremen Ölpreisanstieg überwunden zu haben, kam die zweite Ölpreisexplosion - mit entsprechendem Anstieg der Arbeitslosenkurve, nicht nur in Deutschland, ebenso in Frankreich und England.


Otto Graf Lambsdorff ist 1971 Generalbevollmächtigter des Privatbankhauses Trinkaus. 1972 wird er wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion

Den zweistelligen Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst habe ich äußerst kritisch gesehen. Ich bin heute noch der Überzeugung, dass beim Rücktritt von Willy Brandt die Guillaume-Affäre auch eine gewichtige Rolle gespielt hat. Ich glaube aber, im Grunde war Willy Brandt der Spaß an der Politik genommen, das Kreuz gebrochen, als er diesen Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst hinnehmen musste. Ich glaube nicht, dass Guillaume Willy Brandt "umgebracht" hat, sondern dass es mein alter Kontrahent Heinz Kluncker (ÖTV-Chef) war.


Edzard Reuter rückt 1973 als stellvertretendes Mitglied in den Vorstand der Daimler-Benz AG auf. 1979 wird Reuter Finanzvorstand bei Daimler-Benz

1974. Das war ein wahnsinniger Abschluss im öffentlichen Dienst und es war auch klar, dass die Bundesregierung als Tarifpartner das nur mit äußerstem Bauchgrimmen akzeptiert hat. Das schlug sich dann sukzessive auch in den anderen Tarifabschlüssen, zum Beispiel mit der IG Metall, nieder. Hans Martin Schleyer, der auf Arbeitgeberseite für diese Tarifabschlüsse Verantwortung trug, wurde oft gescholten: Wie man nur seine Unterschrift unter solch einen Abschluss setzen könne.

Wir haben Bauchgrimmen gehabt, aber auch wir bei Daimler-Benz waren Teil der Erfolgsgeschichte. Auch wir haben immer wieder erlebt, dass wir zunächst gewarnt haben: "Deutschland geht demnächst unter, weil dieser Tarifabschluss viel zu hoch ist" Und im folgenden Jahr haben wir verkündet: "Unser Gewinn ist wieder sehr ordentlich", "unsere Exporte marschieren gut", "unser Inlandsabsatz geht gut". Wir waren damals alle miteinander nicht unbedingt zum Kämpfen geboren auf diesem Gebiet.

"Deutschland allein ist nicht unser Pflaster"

"Deutschland allein ist nicht unser Pflaster"

Franz Steinkühler erlebt, wie in den 70er Jahren Juristen die Unternehmer auf der Arbeitgeberseite ersetzen - die IG Metall muss immer häufiger "das große Schwungrad" drehen

Wir haben damals recht gute Regelungen für Schichtarbeitszuschläge, Schichtdauern und ähnliche Sachen erzielt. Das hat sich später geändert, als in den Arbeitgeberkommissionen diese Unternehmer als Personen ausgeschieden sind und durch Juristen ersetzt wurden. Da wurde das Verhältnis ... die Arbeitgeber würden sagen "immer professioneller". Aber es wurde immer schlimmer. Es gibt nichts Schwierigeres, wenn Sie sich dem Gegner nicht verständlich machen können. (...) Das heißt: Wenn die Arbeitgeber erklären: "Das sind gar nicht die Forderungen der Mitarbeiter, das sind nur Ihre Forderungen als Funktionäre ..." also schon in den 70er Jahren wurde das so verhärtet, dann mussten wir natürlich nachweisen, dass das nicht einfach ein paar spinnende Funktionäre sich ausgedacht haben, sondern dass das wirklich von der Basis gefordert worden ist. Also mussten wir die ersten Kundgebungen machen. Sobald Sie die ersten Kundgebungen machen, ist dieses Riesen-Schwungrad angetrieben. Das können Sie nicht mehr zurückdrehen. Je mehr diese Eigendynamik zu wirken beginnt, desto kleiner wird für die IG Metall selbst der Kompromissspielraum. (...) Aber die Arbeitgeber ließen keine Alternativen zu.


Hilmar Kopper wird 1977 Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und kümmert sich vor allem um die Auslandsexpansion

Wir wollten das Neue. Wir versuchten auch, die Deutsche Bank zu verändern. Wir merkten, dass Deutschland nicht allein unser Pflaster sein kann. Wir wussten, dies ist ein Prozess, da kann man nicht hineinspringen, sondern da muss man mit kleinen Schritten herangehen. Und das ist dann auch in den 80ern passiert.

"Die Konfliktbereitschaft war zu gering"

"Die Konfliktbereitschaft war zu gering"

1973 übernimmt Jürgen Hubbert bei Daimler-Benz die Hauptabteilung Arbeitsvorbereitung. Er plant den Ausbau des Werks in Sindelfingen sowie den Aufbau eines Werks in Bremen

Ich persönlich bin 1973 zum ersten Mal in Japan gewesen und habe mir dort die Fabriken angesehen. Wir haben Produkte gesehen, die wir zum damaligen Zeitpunkt nicht für wettbewerbsfähig hielten. Wir haben allerdings auch Arbeitsmethoden gesehen, die in höchstem Maße darauf ausgerichtet waren, optimale und sehr wirtschaftliche Arbeitsergebnisse zu erzielen. Und wir sind zurückgekommen und haben dann versucht, so etwas umzusetzen. (...) Es liefen zum gleichen Zeitpunkt zwei Strömungen. Da kam eine Bewegung, die nach mehr Rationalisierung, Effizienz gefragt hat. Und es kamen bei uns in Deutschland soziologische Bestrebungen auf, Humanisierung der Arbeit, die diesen konträr gegenüberstanden. Auf der einen Seite ging es nun darum, noch effizienter zu arbeiten, und auf der anderen Seite ging es darum, den Menschen von körperlicher Arbeit zu entlasten. (...)

Ich glaube, dass die Konfliktbereitschaft während der Tarifauseinandersetzungen zu gering ausgeprägt war. Wir haben alle gut verdient. Der Export lief. Wie haben die Märkte der Welt bedient. Wir haben neue Märkte erschlossen. Man wollte eigentlich diesen "guten Lauf" nicht unterbrechen durch Streiks. (...) Heute müssen wir erkennen: Aus dem Nachgeben auf beiden Seiten haben wir nicht gewonnen, sondern wir haben auf beiden Seiten verloren.


Gemeinsam mit Kurt Biedenkopf wechselt Meinhard Miegel 1973 von der Henkel-Geschäftsführung in die Bundesgeschäftsstelle der CDU

Als ich Ludwig Erhard gegen Ende seines Lebens kennen lernte, hatte er vollständig resigniert. Er war der Meinung, dass es in Deutschland keine soziale Marktwirtschaft gebe und nie gegeben habe. Schon seit den 50er Jahren habe sich Deutschland in eine andere Richtung entwickelt als ihm vorgeschwebt habe. Einmal bemerkte er, man sollte den Begriff "soziale Marktwirtschaft" am besten gar nicht mehr in den Mund nehmen.

"16 Jahre Kohl waren keine Reformjahre"

"16 Jahre Kohl waren keine Reformjahre"

Der spätere Verfassungsrichter Paul Kirchhof habilitiert sich 1974. Er spezialisiert sich auf Steuerrecht

Wir hatten in den 70er Jahren eine lange Politikphase, wo wir nur nach den staatlichen Leistungen gefragt haben. (...) Nur sehr wenige haben in der Öffentlichkeit beharrlich bewusst gemacht, dass mehr Staatsleistungen Steuererhöhungen zur Konsequenz haben. Denn der Staat ist selber nicht produktiv. Er kann nur geben, was er vorher steuerlich genommen hat, er kann nur Wohltäter sein, wenn er vorher steuerlicher Übeltäter gewesen ist.


Meinhard Miegel stellt 1981 ein Modell zur Reform des Rentensystems vor

Deutschland konnte schon Ende der 70er Jahre nicht mehr erwirtschaften, was die Gesellschaft an Löhnen und Renten erwartete. Um sie nicht zu enttäuschen, produzierte die Politik "Geldschaum", das heißt sie tolerierte eine erhebliche Geldentwertung. Als Helmut Schmidt und sein damaliger Finanzminister Matthöfer etwa ab 1980 umzusteuern begannen, endete das in Schmidts Sturz. Ein grundlegender Kurswechsel blieb aus. Auch Helmut Kohl dachte nicht daran, wirklich Grundlegendes zu verändern. Im Grunde setzte er die alte Politik recht gradlinig fort. Die 16 Jahre Kohl waren keine Reformjahre. Man ließ die Bevölkerung weiter träumen.


1980 wechselt Heinz Dürr an die Spitze des angeschlagenen Technologiekonzerns AEG-Telefunken

Den wirklichen Einschnitt, den Wegfall des Kalten Krieges, der die Globalisierung überhaupt erst ermöglicht hat, haben wir überhaupt nicht erwartet. Wir haben schon geglaubt, es geht eigentlich so weiter. Auch die Energiekrise traf uns unvorbereitet. Wir haben zu der Zeit eine Anlage gebaut bei BMW in Dingolfing, waren in der Endphase der Montage, da kam der technische Vorstand und sagte: "Wisst ihr, wie viele Autos wir heute verkauft haben? 33." Insgesamt 33 Autos, und wir haben eine neue Fabrik gebaut. Doch der damalige BMW-Chef von Kuenheim hat gesagt: "Die Fabrik wird eröffnet, die Nachfrage kommt wieder!" Und dann ging das ja alles wieder aufwärts.

"Da ist in Deutschland nicht viel übrig geblieben"

"Da ist in Deutschland nicht viel übrig geblieben"

Hilmar Kopper erlebt den Aufstieg der Japaner auf dem Finanz- und Elektroniksektor. 1989 wird er Vorstandssprecher der Deutschen Bank

Wer weiß noch in Deutschland, dass wir mal das Fernsehen erfunden haben? Das berühmte PAL-System kam aus einer Firma, die es heute gar nicht mehr gibt. Die ist grandios Pleite gegangen - AEG-Telefunken. Wir haben das Fernsehen ebenso erfunden, wie wir das Auto erfunden haben. An dem hängen wir noch und haben es noch, aber beim Fernsehen? Nichts mehr. Und das gilt für andere Haushaltselektronik eigentlich fast ganz generell, da ist in Deutschland nicht viel übrig geblieben.


Jürgen Hubbert wird 1989 in den Vorstand der Mercedes-Benz AG berufen

Helmut Kohl hat als Kanzler natürlich ein großes Schwergewicht auf die Wiedervereinigung gelegt. Seine geniale Leistung besteht darin, den Moment, den möglichen Moment erkannt und genutzt zu haben. Damit hat er unserem Land eine Vielzahl von Chancen, aber wie wir heute sehen, auch neuen Problemen eröffnet.

Ich denke, dass die damalige Bundesregierung sich sehr schwer getan hat mit der Industrie und mit Industriepolitik. Das war nicht die Priorität. Die Unternehmen haben darauf unterschiedlich reagiert. Wir haben damals begonnen, über die Landesgrenzen hinaus zu expandieren.


Auszüge aus "Der Fall Deutschland" mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags, München.

Sendetermine "Fall Deutschland" im ZDF:
Teil II: "Der Weg in die Krise", Do., 09.06., 22.15 Uhr
Teil III: "Globale Herausforderung", So., 12.06., 21.45 Uhr

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