Rückzug Rolf-E. Breuer, Mr. Finanzplatz

Über das Ausscheiden des AR-Chefs der Deutschen Börse gibt es ein Gentleman-Agreement. Erst zum Jahresende wird der Ex-Chef der Deutschen Bank sein Amt abgeben. Trotzdem: Breuer musste sich dem Willen anderer beugen. Dies hat der mächtige Gestalter der Deutschland AG in den vergangenen Jahrzehnten höchst selten getan.

Frankfurt am Main - Der Aufsichtsratschef der Deutsche Bank , Rolf-Ernst Breuer, wurde Mitte Mai 2003 als Aufsichtsratschef der Deutschen Börse  im Amt bestätigt. Damals war er bereits zehn Jahre im Amt.

Und niemand hätte sich damals träumen lassen, dass dieser Mit-Schöpfer der Deutschland AG sich bereits zwei Jahre später dem Druck der Investoren würde beugen müssen. Breuer, der die Banken- und Börsenlandschaft in den vergangenen zwanzig Jahren entscheidend prägte, wird sich im Dezember vom Chefsessel im Aufsichtsrat trennen.

Ein anderes wichtiges Amt, das des Präsidenten des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), hatte Breuer kürzlich erst an Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller abgetreten.

1987, Breuer war gerade zum ordentlichen Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bank bestellt, widmete er sich vor allem und mit Erfolg dem Investmentbanking, das er zuletzt gemeinsam mit Ronaldo Schmitz und Michael Dobson leitete. Im Oktober desselben Jahres machte er mit einer viel beachteten Rede auf sich aufmerksam: Er forderte darin grundlegende Reformen und eine weit reichende Computerisierung des Wertpapierhandels.

Geburtshelfer der Deutschen Terminbörse

Der Börsenreformer, der sich schon damals entschieden an internationalen Entwicklungen orientierte, wurde unter anderem zum Geburtshelfer der Deutschen Terminbörse (DTB), die inzwischen als unentbehrlicher Bestandteil des deutschen Finanzplatzes gilt. Außerdem war er einer der Initiatoren der Einführung des elektronischen Handelssystems IBIS (Interbanken Handels- und Informationssystem). Anfang 1993 wurde er Frankfurter Börsenpräsident und Aufsichtsratsvorsitzender der Trägergesellschaft Deutsche Börse.

Als Aufsichtsratschef der Deutschen Börse bemühte sich Breuer bereits seit Mitte der 90er Jahre intensiv um eine Konsolidierung der fragmentierten europäischen Börsenlandschaft. Eine geplante Fusion der Frankfurter und der Londoner Börse (LSE) zur International Exchanges (iX) scheiterte aber im September 2000. Breuer forderte daraufhin die Schaffung gemeinsamer System-Plattformen, die auch ohne den Zusammenschluss von Börsenorganisationen realisiert werden könnten.

Chef der einstmals größten Bank der Welt

Das Ende dieser Ära hatten sich Breuers zahlreiche Anhänger sicher glanzvoller ausgemalt. Denn die Karrierestationen des heute 67-jährigen Vollblut-Bankers reihen sich beeindruckend aneinander. Schon Breuers Vater hatte sich vom einfachen Kaufmannsgehilfen zum Vorstandsvorsitzenden der Allgäuer Alpenmilch hochgearbeitet. Der Sohn arbeite bereits während der Arbeit an seiner Promotion zum Doktor (Jura), bei der Karlsruher Filiale der Deutschen Bank. 1966 begann er, für den Konzern zu arbeiten, im Mai 1997 wurde er Nachfolger des langjährigen Vorstandssprechers Hilmar Kopper, der in den Aufsichtsrat des Unternehmens wechselte und dort den Vorsitz übernahm.

Chef der größten Bank der Welt - das war einmal

Breuer setzte der Deutschen Bank das ehrgeizige Ziel, die horrenden Kosten der weltweiten Präsenz in Griff zu bekommen, eine Spitzenposition in Europa zu behaupten, aber auch weltweit unter den führenden Bankinstituten mitzumischen. Nachdem die Eigenkapitalrendite im Geschäftsjahr 1997 von 17,1 auf 6,4 Prozent gesunken war - eine Folge der Wirtschaftskrisen in Asien und Russland -, initiierte er eine Neuausrichtung der Konzernstruktur, mit deren Hilfe die Eigenkapitalrendite bis zum Jahr 2001 auf 25 Prozent vor Steuern steigen sollte.

Breuers Bemühungen um ein besseres Image seiner Bank erlitten im Juni 1998 einen leichten Rückschlag, als erstmals auch die Deutsche Bank ins Visier der Steuerfahndung geriet. Nachdem die Hoffnungen auf attraktive Großakquisitionen längere Zeit unerfüllt geblieben waren, überraschte Breuer im November 1998 mit einem spektakulären Coup, als er die Übernahme der siebtgrößten US-Investmentbank Bankers Trust ankündigte.

Nach der im Juni 1999 vollzogenen Übernahme für 18,5 Milliarden Mark wurde die Deutsche Bank mit einer addierten Bilanzsumme von etwa 795 Millarden Euro und über 95.000 Beschäftigten zum weltgrößten Kreditinstitut. Heute findet sich das Institut nicht einmal mehr unter den TopTen weltweit.

Obwohl Gewinnsteigerungen in Höhe von 1,7 Millarden Mark pro Jahr in Aussicht gestellt wurden, fand die Übernahme von Bankers Trust in der Wirtschaftspresse nur geteilten Beifall. Die erhofften Synergieeffekte wurden mit Skepsis, der Preis als zu hoch und die Integration als schwierig bewertet.

Die Fälle Holzmann und Kirch

Das unangenehme Millardenloch in der Holzmann-Bilanz

In die Schlagzeilen geriet die Deutsche Bank später durch die Krise bei dem Baukonzern Philipp Holzmann, dessen Aufsichtsrat von dem Deutsche-Bank-Manager Carl Ludwig Boehm-Bezing geleitet wurde. Bei dem Konzern war im November 1999 überraschend ein Schuldenloch von 2,4 Milliarden Mark entdeckt worden. Breuer stellte sich damals ausdrücklich hinter Boehm-Bezing, der wenig später jedoch sein Mandat bei Holzmann zur Verfügung stellte.

Für Aufsehen sorgte wenig später, im April 2000, das Scheitern der einen Monat zuvor begonnenen, intensiven Fusionsgespräche mit der Dresdner Bank. Grund für den Abbruch der Verhandlungen war der Streit um die Integration der Investment-Banking-Einheit Dresdner Kleinwort Benson, der Breuer zunächst den Fortbestand zugesichert hatte, deren Verkauf oder die Teilintegration er aber später forderte.

Kommentatoren sahen in dem Scheitern der Fusion einen Hinweis, dass die Investmentbanker bei der Deutschen Bank an Einfluss gewonnen hatten, und betrachteten Breuers Image als angeschlagen. Es wurde sogar über einen vorzeitigen Rückzug Breuers spekuliert.

Breuers Statement zur Bonität von Leo Kirch

Zur Stärkung des Bereichs globale Vermögensverwaltung bei der Deutschen Bank bemühte sich Breuer im Herbst 2001 um den Erwerb des US-Vermögensverwalters Scudder von den Zurich Financial Services. Diese sollte im Gegenzug die Mehrheit an der Versicherungs-Tochter Deutsche Herold übernehmen. Darüber hinaus wurde zwischen den beiden Finanzunternehmen eine weiter reichende Vertriebskooperation vereinbart.

Ein wichtiger Schritt, der künftig Akquisitionen in den USA einfacher machen könnte, war das lange geplante Listing am New York Stock Exchange (NYSE), wo die Aktien der Deutschen Bank seit dem 3. Oktober 2001 unter dem Kürzel DB gehandelt werden.

Durch ein Interview mit dem US-Fernsehsender Bloomberg TV handelt sich Breuer wenige Monate später Ärger ein. Der Vorstandssprecher habe den Großkunden Kirch öffentlich brüskiert, indem er sagte, dass nach seiner Kenntnis der Finanzsektor nicht bereit sei, auf unveränderter Basis weitere Fremd- oder gar Eigenmittel für Kirch zur Verfügung zu stellen. Die juristischen Auseinandersetzungen mit Kirch, der in diesem Statement die Initialzündung für den Untergang seines Medienimperiums sieht, dauern bis heute an.