Gründer-Kolumne Herr Düsentrieb hat ausgedient

Im Gegensatz zu internationalen Kollegen pflegen deutsche Gründer das Leitbild des Tüftlers und Erfinders. So stapeln sich ihre Patente in den Schubladen, ohne dass marktfähige Produkte entstehen. Wie gehen Entrepreneure in anderen Ländern vor und welche Auswirkungen hat das für den Erfolg? Die Unterschiede im Überblick.

Hamburg - Die Umstände einer Unternehmensgründung lassen sich einerseits durch die Art und Weise der Umsetzung und andererseits durch den Charakter der Gründungsidee beschreiben.

Gründungsideen können dabei eher formell (geplant / professionell / förmlich) entwickelt und umgesetzt werden, wie dies beispielsweise bei Spin-Offs großer Unternehmen der Fall ist, oder aber eher informell (zwanglos / ungeplant / privat) entwickelt und realisiert werden. Letzteres ist zum Beispiel bei vielen Familienunternehmen oder einzelnen Existenzgründungen der Fall.

Zusätzlich bestimmt die Zielsetzung/Motivation des Unternehmers die Gründungssituation, je nachdem, ob sich der Gründer eher am Markt (Absatz / Kunde / Praxis) oder eher am Produkt (Entwicklung / Technologie / Theorie) orientiert.

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, einen genaueren Blick auf den Ursprung der Unternehmensgründung in Deutschland zu werfen und ihn mit anderen Ländern zu vergleichen. Dazu wurden Mitte 2004 auf der Cebit und anschließend auch im Internet 96 Unternehmer aus der Hard- und Softwarebranche nach der konkreten Situation ihrer Unternehmensgründung befragt.

In der Untersuchung wurden sowohl europäische Unternehmer aus Deutschland, Spanien, Polen und Skandinavien, wie auch Gründer aus Brasilien und einigen arabischen Staaten betrachtet. Anhand der Ergebnisse konnte eine idealtypische Positionierung der Gründungssituation im Spannungsfeld "formell" und "informell" sowie "Markt" und "Technologie" vorgenommen werden (siehe Abbildung).

Bei der Betrachtung wird schnell deutlich, dass sich für alle idealtypischen Gründungssituationen Beispiele finden lassen. Es gibt in der Tat ausgesprochen systematische Gründer, aber auch eher kreative Unternehmer, die ihre Idee in informellen Situationen finden. Und es gibt genauso diejenigen, die von Anfang an den Kunden und seine Bedürfnisse im Visier haben, wie andere, deren Gründungsmotivation eher im Interesse für eine noch am Markt zu verwertende Technik zu finden ist. Wie aber sieht es aus, wenn man einzelne Länder betrachtet? Und vor allen Dingen: Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?

Andere Länder, andere Gründer

Polen, Spanien und Brasilien

Polnische, spanische und brasilianische Gründer zeichnen sich von vorneherein durch eine klare Marktorientierung aus, wobei sie tendenziell einen eher formellen Gründungscharakter haben. Damit sind diese Länder eher dem Gründungstyp "Marktforschung" zuzuordnen.

Das bedeutet: Erst das Bedürfnis des Kunden, dann die Produktentwicklung als Problemlösung. Die Gründung in diesen Ländern ist geprägt durch einen professionell organisierten, förmlichen Gründungsprozess, der von einem konkreten Marktbedürfnis als auslösendem Moment getrieben wird (Market Pull). Nach einem solchen Marktbedürfnis suchen die Gründer in der Vorgründungsphase konsequent und systematisch.

Skandinavien und arabische Länder

Gründer in Skandinavien und in den arabischen Ländern sind ebenfalls stark marktorientiert, bevorzugen es jedoch, auf eine eher informelle Art und Weise zu starten. Dieser Gründungstyp "Marktintuition" ist also gekennzeichnet durch eine informelle, eher private Situation und das intuitive Erkennen einer Marktchance.

Die Zwanglosigkeit der Situation führt zu einem eher ungeplanten Vorgehen; auslösendes Moment ist das "Gefühl" der Gründer für ein am Markt vorhandenes Bedürfnis. Vielfach ist eine geplante Vorgehensweise auch nicht möglich - sei es aufgrund begrenzter Ressourcen, sei es aufgrund eines nur kurzzeitig geöffneten "strategischen" Fensters, welches eine zügige Realisierung zwingend notwendig macht

Deutschland

Deutsche Gründungsunternehmen stechen aus der Stichproben gleich zweifach heraus: Einerseits ist ihre Technologieorientierung die höchste im Gesamtvergleich, andererseits ist die deutsche Gründungssituation aber auch durch den höchsten Grad an Formalität gekennzeichnet. Auslösendes Moment für diesen Gründungstyp "Forschung und Entwicklung" ist nicht der Markt und seine Bedürfnisse, sondern die Entwicklung einer bestimmten Technologie, die in die Verwertung überführt werden soll (Technology Push).

Sicherlich führt die so oft zitierte "Angst vor dem Scheitern" bei deutschen Gründern auch dazu, die Gründung von vorneherein perfekt machen zu wollen und sich dabei über eine außerordentlich systematische und formelle Vorgehensweise abzusichern. Vielleicht tut uns Deutschen hier eine etwas weniger strenge Herangehensweise gut! Denn Gründer, die ihre Unternehmen eher informell aus der Taufe gehoben hatten, stellten sich in der Studie auch gleichzeitig als diejenigen heraus, die am zufriedensten mit der Entwicklung des eigenen Unternehmens waren.

Fazit

Selbstverständlich kann die Platzierung eines Landes innerhalb der Matrix nicht als allgemeingültige Wertung dienen und auch nicht als etwaiger Hinweis auf zukünftigen Unternehmenserfolg. Dennoch: die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich der oft erhobene Vorwurf, viele deutsche Gründer verließen sich einzig auf ihre Technologie und ihr Produkt und verlören darüber den Kunden aus den Augen, im internationalen Vergleich bestätigt. Wir sind immer noch das Land der "Tüftler und Erfinder"!

Der konkrete, durch das Angebot geschaffene Nutzen steht für deutsche Gründer nicht im Zentrum - eine Haltung, die sich schnell nachteilig auswirken kann, aber selbstverständlich ebenso zur Entwicklung herausragender Technologien führen mag.

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