Nissan/Renault Die One-Man-Show des Carlos Ghosn

Als erster Automanager lenkt Carlos Ghosn seit heute zwei globale Konzerne. Eigentlich muss der Kultmanager und Comic-Held, der schon Herkulesaufgaben meisterte, scheitern: Nissan ist hoch profitabel, und Renault fuhr gerade einen Rekordgewinn ein. Kann Ghosn aus dem Schatten seines Mentors Louis Schweitzer heraustreten?
Von Martin Scheele

Tokio - Selbst Jugendliche, die sich nicht für Autos interessieren, kennen ihn. Dafür brauchen japanische Schüler nur eines ihrer vielen "Mangas", also ihre beliebten Comics, aufzuschlagen. In der Reihe "Big Comic Superior" spielt nicht etwa eine Fantasiefigur den Titelhelden, sondern ein veritabler Wirtschaftslenker zeigt, welche schier übermenschliche Kraft in ihm steckt.

Die Vorbildfigur für die jüngere Generation entstammt dabei nicht der heimischen Wirtschaft. Carlos Ghosn - der Lenker des Autokonzerns Nissan - ist ein Ausländer, ein Nicht-Japaner.

Was in Deutschland wohl undenkbar wäre, ist im Inselstaat möglich. Schließlich hat Ghosn im Land der aufgehenden Sonne eine Popularität erreicht, die alles da Gewesene in den Schatten stellt. Bei Umfragen, wer der nächste japanische Regierungschef werden sollte, taucht sein Name regelmäßig auf. Jugendliche nennen seinen Namen bei der Frage, wer ihr idealer Vater wäre. Und Autogrammjäger umringen ihn, wenn er öffentlich auftritt.

Sanierer mit goldener Regel

Der Aufstieg zur Kultfigur lässt sich zuvorderst an simplen Kennziffern ablesen. Als erster Ausländer an der Spitze eines japanischen Konzerns sanierte der Brasilianer mit dem französischen Pass erfolgreich den damals maladen Hersteller Nissan. Getreu seinem Motto "Schwäche bedeutet, nichts zu tun, wenn man etwas tun muss", stellt der heute 51-Jährige so ziemlich alles auf den Prüfstand.

Er schloss fünf Fabriken, strich 20.000 Stellen, mistete im Zuliefererbereich kräftig aus. Vermögenswerte, die mit dem Kerngeschäft nichts zu tun hatten, wurden verkauft. Drückten einst noch 23 Milliarden Dollar Schulden auf die Bilanz, verfügt Nissan heute über fast 1,5 Milliarden Euro Barmittel. Mehr noch: Mit einer operativen Marge von über 11 Prozent im Geschäftsjahr 2003/2004 ist der japanische Konzern weltweit einer der profitabelsten Autohersteller.

Es war nicht weniger als eine Herkulesaufgabe, die Ghosn formidabel meisterte. Ein Lehrstück, das internationale Business-Schulen längst in Fallstudien untersucht haben. Ghosn gilt für Managementconsultants als der personifizierte Beweis, dass einer Krise stets auch eine Chance innewohnen kann.

Warum Ghosn die Mammutaufgabe lösen könnte

Getreue Manager in der Schaltzentrale von Nissan

Nun will der Kosmopolit, der neben Englisch, Französisch, Portugiesisch auch leidlich Japanisch spricht, eine neue Mammutaufgabe schultern. Als Nachfolger von Louis Schweitzer, der Chef des Verwaltungsrats wird, übernimmt Ghosn heute eine Doppelfunktion. Er bleibt Nissan-Chef und führt als CEO den französischen Konzern Renault. Ein bisher weltweit einmaliges Experiment. Ein Mann, der zwei Autokonzerne in Personalunion lenken will, deren Firmensitze 10.000 Kilometer voneinander entfernt sind. Funktioniert das?

Verdrahtet sind Renault und Nissan schon seit Längerem, Renault hält 44 Prozent an Nissan , Nissan hält 15 Prozent an Renault .

Da Ghosn auch nur zwei Beine, zwei Hände und einen Kopf hat, ist es nur nachvollziehbar, dass er schon getreue Weggefährten an den Schaltzentralen der Macht bei Nissan platziert hat. Bei Nissan wurde epigonenhaft Toshiyuki Shiga zum neuen Chief Operating Officer (COO) ernannt, also dem für das Tagesgeschäft zuständigen Manager. Unter Analysten besteht aber kein Zweifel, dass Ghosn die wichtigsten Entscheidungen trifft. "Shiga ist ein Ja-Sager, der die Entscheidungen von Ghosn loyal umsetzt", sagt Koji Endo, Autoanalyst der Credit Suisse First Boston Securities in Tokio.

Michelin trauert noch heute über Ghosns Abschied

Wird Ghosn, mit dem Image des "Le Cost Killer" ausgestattet, auch nun wieder reüssieren? Wird er den Erwartungen als Wunderheiler gerecht? Kann er gar den Rekordgewinn von Renault von 3,55 Milliarden Euro in 2004 noch steigern? Für Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center of Automotive Research an der Fachhochschule Gelsenkirchen, besteht kaum Zweifel, dass Ghosn Erfolg haben wird. "Er hat ein außerordentliches Talent, Unternehmen zu führen", sagt Dudenhöffer gegenüber manager-magazin.de. Für Dudenhöffer liegt Ghosns besondere Fähigkeit darin, Mitarbeiter zu Höchstleistung anzuspornen. Dies sei ein großer Teil seines Erfolgsgeheimnisses.

"Noch heute", so Dudenhöffer "erzählen mir enttäuschte Michelin-Manager, wie sehr sie den Abgang von Ghosn bedauern". Ghosn, in Brasilien geboren - seine Eltern stammen aus dem Libanon -, hatte nach dem Studium der Ingenieurswissenschaften in Paris steile Karriere beim Reifenhersteller Michelin gemacht. Schnell galt er als Zögling des Patriarchen Francois Michelin. 1996 suchte Ghosn allerdings eine neue Herausforderung und startete 1996 bei Renault. Dort erfüllte er die in ihn gesetzten Erwartungen: Er senkte die Produktionskosten und wandelte das Minus von 1,5 Milliarden Mark in einen ebenso hohen Gewinn um.

Ghosns zweite wichtige Gabe ist, sich auf lokale Kulturen schnell einzustellen. In wohl kaum einem anderen Land als Japan gilt selbst in schwierigsten Situationen, die Möglichkeit das Gesicht zu wahren, als unabdingbar. So setzte Ghosn bei der Rosskur nicht etwa Tausende Mitarbeiter ruppig von einem auf den anderen Tag auf die Straße, sondern benutzte das Instrument der Frühverrentung. Gelobt wird Ghosn auch heute noch für seine klaren Zielvorgaben inklusive Androhung unzweideutiger Folgen im Fall des Misslingens. Im Klartext: Wer nicht leistet, was er verspricht, fliegt. Das gilt auch für "le Patron" Ghosn selbst. Dieses Führungsprinzip steigerte Ghosns Glaubwürdigkeit.

Welche Probleme auf Ghosn warten

Ghosn versucht Druck von sich zu nehmen

In seinem neuen Job als Lenker zweier globaler Konzerne scheint es fast so, als wolle er zu Anfang selbst Druck von sich und seiner Aufgabe nehmen. "2005 ist ein Jahr mit einem hohen Grad an Unsicherheit - und zum ersten Mal mit viel mehr Risiken als Chancen", sagte Ghosn kürzlich. Die Ankündigung, den operativen Geiwnn nur um rund 1 Prozent steigern zu wollen, ließ Analysten nicht gerade aufjubeln.

Angesichts der schwierigen Lage in der Automobilkonjunktur, möglicher steigender Zinsen und hohen Energie- und Rohstoffkosten scheint Ghosns vorsichtige Äußerung aber nur klug gewählt. Für Automobilexperten wie Dudenhöffer steckt in der Zusammenarbeit von Nissan und Renault noch viel Synergiepotenzial. So haben die beiden Autokonzerne bisher nur zwei Plattformen realisiert, insgesamt zehn waren angekündigt. Dabei würde der Einbau von gleichen Teilen in unterschiedliche Modelle stark die Kosten drücken.

Die Gefahr durch die Globalisierung

"Ghosn muss Nissan zudem stärker auf Europa fokussieren", meint Dudenhöffer. "Die Performance in Europa ist mangelhaft", bescheinigt der Autoexperte. Allein im ersten Quartal dieses Jahres stürzten die Zulassungszahlen von Nissan um 8 Prozent ab, im gesamten vergangenen Jahr wurden 366.000 Autos in Europa abgesetzt, ein Jahr vorher waren es noch 400.000. Ghosn hatte Nissan außerhalb Japans bisher stark auf den amerikanischen Markt konzentriert.

Gefahr droht Ghosn wohl ausgerechnet von der Entwicklung, von der er persönlich profitiert hat: der Globalisierung. Im Vergleich zu seinem französischen Konkurrenten Peugeot  muss nämlich Renault noch seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern, meint Autoexperte Dudenhöffer. Peugeot habe immerhin schon zwei Werke in Osteuropa, Renault produziere größtenteils im arbeitslohnteuren Frankreich.

Als drängende Aufgabe bei Renault nennt Dudenhöffer auch die Notwendigkeit, den Vertrieb zu verbessern. Angefangen hat Ghosns Vorgänger Schweitzer dabei noch zu Ende seiner Amtszeit. Anfang des Jahres wurde der weltweite Vertriebschef von Renault, der mit 50 Jahren noch nicht den Ruhestand erreicht hatte, von seinen Aufgaben entbunden.

Ob Renault/Nissan wirklich als nachhaltig europäisch-asiatische Kooperation reüssiert und in die Automobilgeschichte eingehen wird? Viel hängt von Carlos Ghosn ab. Er muss beweisen, dass Renault/Nissan es besser macht, als DaimlerChrysler und Mitsubishi.