Montag, 21. Oktober 2019

Eliteuniversitäten "Eine Insel der Seligen"

Brauchen wir ein deutsches Harvard? Oder reichen die staatlichen Unis, um Deutschland wettbewerbsfähig zu halten? Ingo von Münch, Bildungsexperte und Jura-Professor, sagt im Interview mit manager-magazin.de, warum Studiengebühren nötig sind, wieso natürlicher Ehrgeiz doppelt zählt, und was ihn am "Elite"-Kult stört.

mm.de:

In anderen Ländern haben sich Eliteuniversitäten bewährt. Was halten Sie von ihrem Aufbau in Deutschland?

 Ingo von Münch , 1932 in Berlin geboren, war zuerst an der Ruhr-Universität in Bochum und ab 1973 an der Universität Hamburg als Professor für Öffentliches Recht tätig. Von 1987 bis 1991 war er für die FDP Zweiter Bürgermeister und Wissenschafts- und Kultursenator der Hansestadt.
manager-magazin.de
Ingo von Münch, 1932 in Berlin geboren, war zuerst an der Ruhr-Universität in Bochum und ab 1973 an der Universität Hamburg als Professor für Öffentliches Recht tätig. Von 1987 bis 1991 war er für die FDP Zweiter Bürgermeister und Wissenschafts- und Kultursenator der Hansestadt.
von Münch: Andere Länder - vor allem Amerika und England - haben andere Sitten und auch andere Traditionen. Die Etablierung von Eliteuniversitäten in Deutschland würde ein Zweiklassensystem schaffen, das ich für problematisch halte. Die Qualität einer Universität steht und fällt mit der Qualität und dem Engagement des Lehrkörpers und der Studenten. Da kann zwar Geld einiges bewirken, aber gute Professoren lehren dort, wo sie sich am wohlsten fühlen. Das muss nicht unbedingt eine Eliteuniversität sein.

Abwegig ist vor allem der Gedanke, Eliteuniversitäten durch Staatsunterstützung schaffen zu wollen. Oxford, Yale oder Cambridge sind nicht durch den Beschluss irgendeiner Regierung entstanden, sondern haben sich im Laufe der Jahre aus sich selbst heraus entwickelt.

mm.de: Wäre es nicht möglich, dass private Investoren Eliteunis initiieren und betreiben?

von Münch: In Deutschland gibt es schon jetzt zahlreiche private Hochschulen, die sich als Elitehochschulen verstehen. Als Konkurrenz zu den staatlichen Hochschulen sind sie notwendig und sinnvoll. Private Hochschulen decken jedoch in der Regel nur einen beschränkten Fächerkanon ab. Die meisten Institute unterrichten Wirtschaft oder Jura. Die wirklich teuren Fächer wie Chemie, Physik, Medizin oder Musik werden - abgesehen von der Uni Herdecke - nicht privat finanziert, weil das schlicht zu teuer ist. Ob private Hochschulen tatsächlich eine Leistungselite hervorbringen - das vermag ich nicht zu beurteilen.

mm.de: Wettbewerb spornt an. Warum soll dieser Leitsatz nicht auch für Universitäten gelten?

von Münch: Ein solcher Wettbewerb herrscht durchaus, auch wenn er sich natürlich nicht mit der Fußball-Bundesliga vergleichen lässt. Wettbewerb ist ein Lebenselixier jeder Gemeinschaft, also auch der Universitäten. Jeder engagierte Wissenschaftler will Leistung erbringen, er steht permanent im Bemühen um die Anerkennung seiner wissenschaftlichen Konkurrenten und seiner Studenten.

Ein Wettbewerb in der Wissenschaft besteht, das lässt sich immer wieder auf Kongressen oder in wissenschaftlichen Publikationen beobachten. Viele Professoren, die ich kenne, treibt der Ehrgeiz, neue Erkenntnisse zu gewinnen und zu vermitteln. Aber auch ein solches Engagement kann nicht vom Staat verordnet werden. Die Vorstellung, dass es zwischen den Universitäten keinen Wettbewerb gibt, ist lebensfremd.

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