Zeitarbeit Da gibt's auch Qualifizierte

Jahrelang hatte das Zeitarbeitsgewerbe in Deutschland mit seinem Schmuddelimage zu kämpfen. Inzwischen werden aber auch hoch qualifizierte Fach- und Führungskräfte vermietet. Die Zeitarbeiter profitieren so von der dünnen Personaldecke der Unternehmen.

Bonn - "700 Jobs zu vergeben!" Die Meldung, mit der die DIS AG vor kurzem an die Öffentlichkeit trat, schien angesichts der herrschenden Massenarbeitslosigkeit fast zu schön, um wahr zu sein.

Tatsächlich konnten Skeptiker schnell den vermeintlichen Haken an der Sache ausmachen: Die DIS AG ist spezialisiert auf Zeitarbeit, eine Beschäftigungsform, die für viele den Stempel der Notlösung trägt. Doch das Unternehmen suchte nicht nach Hilfsarbeitern oder dubiosen Minijobbern, sondern qualifizierten Fach- und Führungskräften: Assistenten der Geschäftsführung, Ingenieuren und Controllern.

Der Zeitarbeitsmarkt erreichte nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr mit knapp 400.000 Beschäftigten ein neues Rekordvolumen. Doch beim Bundesverband Zeitarbeit (BZA) in Bonn traut man den Zahlen aus Nürnberg nicht so ganz. Das Plus habe de facto deutlich unter den angegebenen 26 Prozent gelegen, da in diesen Wert neben den staatlich subventionierten Personal-Service-Agenturen (PSA) auch allerlei Transfer- und Beschäftigungsgesellschaften eingeflossen seien. "Für dieses Jahr erwarten wir ein moderates Wachstum von drei bis fünf Prozent", sagt BZA-Präsident Volker Enkerts.

Demgegenüber steht eine wahre Umsatzexplosion bei den Unternehmen, die sich auf die Überlassung von Fach- und Führungskräften spezialisiert haben. 21,3 Prozent betrug 2004 das Plus bei der DIS AG in Düsseldorf, nach eigenen Angaben Marktführer in diesem Segment. "2004 war ein Aufbruchjahr", erklärt der Vorstandsvorsitzende Dieter Scheiff, "vor allem durch unsere Positionierung als Vermittler von hochqualifizierten Mitarbeitern." Sogar einen Anstieg um 46 Prozent in den ersten Monaten des neuen Jahres vermeldet das Hamburger Zeitarbeitsunternehmen "jobs in time", das auf die "Wachstumsbereiche" Finanzen, Medizin, Informationstechnologie und Engineering setzt.

Aus Sicht der nachfragenden Unternehmen hat die Zeitarbeit ihr früheres Schmuddelimage längst abgelegt. Kam ihnen dieses Instrument früher allenfalls in den Sinn, wenn die Babypause der Sekretärin überbrückt werden musste, werden Zeitarbeitern nun immer häufiger wichtige Projekte übertragen, die den Kern der Geschäftstätigkeit berühren.

Die Personaldecke bleibt dünn

Die Personaldecke bleibt dünn

Die wirtschaftliche Flaute der vergangenen Jahre hat diesen Prozess befördert: Die Personaldecke ist dünn und soll es auch bleiben, solange der Aufschwung zart und zerbrechlich erscheint. Zeitarbeit sorgt macht da flexibel.

"Vor allem im Ingenieurswesen und in der IT-Branche wird stark projektbezogen gearbeitet", sagt BZA-Präsident Enkerts. Das neue Modewort lautet "Outtasking". Dabei werden Mitarbeiter leihweise für bestimmte Projekte in das Unternehmen geholt. Bei Adecco in Fulda zum Beispiel, hinter Randstad und vor Manpower Nummer zwei der Zeitarbeitsbranche, werden hoch spezialisierte Ingenieure an Unternehmen der Luft- und Raumfahrt vermittelt. "Ein solcher Einsatz kann ein Jahr und länger dauern", sagt Sprecherin Tanja Siegmund.

Doch auch Unternehmen, die mittelfristig eine Festanstellung planen, fragen immer häufiger erst bei den Anbietern von Zeitarbeit nach. "Auf diese Weise können sie in einer Art vorgeschalteter Probezeit risikolos Mitarbeiter testen", weiß BZA-Präsident Enkerts. Auf die gesamte Branche bezogen schätzt man, dass rund 30 Prozent der Zeitarbeiter an ihrem Einsatzort "kleben bleiben", also einen festen Arbeitsvertrag erhalten.

Gefragt: Ingenieue und Betriebswirte

Bei "jobs in time" liegt dieser Wert nach eigenen Angaben sogar doppelt so hoch. Ohnehin sind die Grenzen zwischen Zeitarbeit und Recruitment inzwischen fließend, da sich die meisten Anbieter als umfassende Personaldienstleister verstehen und zusätzlich in der Personalvermittlung tätig sind.

Gute Chancen bei den Zeitarbeitsunternehmen haben IT-Spezialisten, Ingenieure und Betriebswirte. Bei Juristen und vor allem Geisteswissenschaftlern sieht es dagegen weniger gut aus. Wer das Auswahlverfahren erfolgreich bestanden hat, bekommt in der Regel einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Arbeitgeber bleibt auch während der Überlassung stets das Zeitarbeitsunternehmen. Es übernimmt die Gehaltszahlung und die anfallenden Sozialabgaben selbst in Zeiten, wenn sich eine zeitliche Lücke zwischen zwei Einsätzen ergibt.

Wenn Fach- und Führungskräfte die Zeitarbeit allmählich als Beschäftigungsform ins Auge fassen, so hängt dies auch mit verbesserten Rahmenbedingungen zusammen. Anfang vergangenen Jahres traten erstmals flächendeckende Tarifverträge in Kraft. Ihnen haben sich die meisten Arbeitgeber angeschlossen, da sie im Gegenzug von einigen gesetzlichen Auflagen befreit wurden.

"Gefahr von Lohndumping gebannt"

Die zwischen dem BZA und dem DGB erzielte Einigung sieht neun Entgeltstufen von 6,85 bis 15,50 Euro pro Stunde und Produktivitätszuschläge von zwei bis siebeneinhalb Prozent vor. "Die Gefahr von Dumpinglöhnen, wie sie einige schwarze Schafe in der Vergangenheit gezahlt haben, ist damit gebannt", verspricht Tanja Siegmund von Adecco.

Da die Unternehmen gerade für die gefragten Fachkräfte attraktiv sein wollen, kann es sein, dass qualifizierte Zeitarbeiter am Ende genau so viel oder sogar mehr verdienen als Kollegen in Festanstellung. Die Regel ist das aber sicher nicht.

Unabhängig von der Entlohnung habe die Zeitarbeit indessen ihren eigenen Reiz, heißt es bei der DIS AG: Statt jahrelang am gleichen Schreibtisch zu sitzen, könne man mit ihrer Hilfe eine Vielzahl unterschiedlicher Unternehmen kennen lernen und dabei einen gewaltigen Erfahrungsschatz aufbauen. Wer die Zeitarbeit noch immer als Notlösung betrachtet, könne auf diese Weise immerhin aus der Not eine Tugend machen.

Tobias Wiethoff, DPA

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