Dienstag, 15. Oktober 2019

Malik-Kolumne Sei sparsam mit Lob

Das tägliche Lob vom Chef gehört für einige Menschen zum Tag dazu wie der frisch gebrühte Kaffee nach dem Aufstehen. Doch das ständige Verteilen von Anerkennung ist in mehrfacher Hinsicht falsch und gefährlich.

Motivation ist eines der zentralen Themen der Managementausbildung der vergangenen 40 bis 50 Jahre. Wenn ich Führungskräfte an meinen Seminaren nach ihrer wichtigsten Aufgabe frage, kommt ohne Zögern die Antwort: Die Motivierung der Mitarbeiter. Kein anderes Thema hat eine stärkere Beachtung gefunden.

 Fredmund Malik: "Zu viel Lob führt im Kern zu einer infantilisierten Organisation"
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Fredmund Malik:
"Zu viel Lob führt im Kern zu einer infantilisierten Organisation"
Im Vergleich dazu erweist sich das Wissen der meisten Führungskräfte über Motivation als fragmentarisch und dünn. Sie haben keine klaren Vorstellungen über den Begriff der Motivation, und nur wenige haben einigermaßen Kenntnisse über die verschiedenen Theorien. Dafür grassieren Missverständnisse. Eines betrifft das Thema Lob.

Lob ist einer der stärksten Motivatoren. Das muss nicht erklärt werden; es findet breite Zustimmung. Genau darin liegt aber auch die Gefahr des Missbrauchs von Lob. Lob motiviert nur dann, wenn es Gewicht hat, und wenn es von jemandem kommt, den man respektiert.

Ich halte es daher für falsch, täglich zu loben, wie es eine gewisse, stark amerikanisch beeinflusste Pädagogik fordert und wie es in populären Motivations- und Erfolgsbüchern steht. Lob ist nicht nur der stärkste Motivator, sondern auch jener, der sich am raschesten abnützt, wenn er falsch eingesetzt wird.

Zwar nicht alle, aber viele Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob sie zu Recht oder zu Unrecht gelobt werden. Sie wissen, dass sie nicht jeden Tag lobenswerte Leistungen erbringen, und sie wissen auch, dass die Normalleistung keines besonderen Lobes bedarf. Das Gespür dafür ist schon bei Schulkindern festzustellen.

Setzt ein Vorgesetzter Lob nach der Manier so genannter moderner Pädagogik oder nach den Vorschlägen der Erfolgsrezeptbücher ein, empfinden diese Menschen es als manipulativ, beinahe als so was Ähnliches wie ein Dressurmittel. Nichts ist entwürdigender, als Gegenstand von Dressur und Konditionierung zu sein. Die Maxime muss daher lauten: Sei sparsam mit Lob! Und lobe nicht für Selbstverständlichkeiten!

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