Karrierefaktoren "Eliten produzieren Eliten"

Herkunft und Geschlecht, Motivation oder Leistung? Was fördert den beruflichen Aufstieg am stärksten? Der Wiener Wirtschaftsprofessor Wolfgang Mayrhofer ist dieser Frage nachgegangen und erläutert die Ergebnisse seiner groß angelegten Studie im Interview mit manager-magazin.de.
Von Martin Scheele

mm.de:

Herr Professor Mayrhofer, Sie haben mit zwei Kollegen die Einflussfaktoren auf Karrieren untersucht. Sie haben dabei überraschende Ergebnisse erzielt. Welche?

Mayrhofer: Eines unserer zentralen Ergebnisse ist, dass sich Selbstinszenierung mehr als Beziehungsarbeit auszahlt. Vor die Wahl gestellt, sich zwischen Ich-AG und kollegialem Joint Venture zu entscheiden, raten die meisten unserer Befragten zum Ersten. Das ist komplett anders als vor 20 Jahren; damals empfahl sich mikropolitische Zurückhaltung. Heute fährt man ganz offensichtlich besser mit dem Herausstreichen eigener Fähigkeiten und Ideen. Selbstinszenierung zahlt sich im wortwörtlichen Sinne mehr aus als Beziehungsarbeit.

mm.de: Ist Selbstinszenierung nicht eine schmale Gratwanderung; droht nicht schnell die Gefahr, als Aufschneider abgetan zu werden?

Mayrhofer: Sicherlich ist Selbstinszenierung nicht nur positiv, sondern ein stückweit doppelwertig besetzt. Wer sich allerdings auf das Motto "Tue Gutes und rede darüber öffentlich" fokussiert, der fährt gut damit. Andererseits ist es unzulässig, Selbstinszenierung als den alles entscheidenden Faktor für den beruflichen Erfolg herauszustellen.

mm.de: Sie haben auch erforscht, wie sich beruflicher Erfolg nach Geschlechtern unterteilt. Was ist dabei herausgekommen?

Mayrhofer: Wir haben herausgefunden, dass objektiver und subjektiver Karriereverlauf nicht parallel verlaufen. Objektiver Karriereerfolg beinhaltet nachvollziehbare Komponenten wie Einkommen, Aufstieg, Zahl der Untergebenen und einiges mehr. Subjektiver Karriereerfolg umfasst all das, was einzelne Personen für sich selbst als wesentliche Erfolgsmaßstäbe erachten, wie zum Beispiel Glück und Zufriedenheit. Interessant ist nun, dass Frauen signifikant häufig in der Kombination objektiv wenig erfolgreich und subjektiv sehr erfolgreich zu finden sind.

"Karriere ist ein Stück männlich"

mm.de: Welche Begründung haben Sie dafür?

Mayrhofer: Die niederschmetternde Variante lautet: Frauen haben sich damit abgefunden, dass sie objektiv weniger erfolgreich Karriere machen als Männer, sich aber für das Gefühl etwas zurechtzimmern. Die positivere Interpretation lautet: Frauen sind stärker in der Lage, sich von den klassischen objektiven Erfolgsmaßstäben zu lösen und schätzen eher andere Faktoren wie eine ausgewogene Work-Life-Balance. Das könnte man schon fast als Startvorteil verstehen, da die klassischen Erfolgsfaktoren mehr und mehr in der Ablösung begriffen sind.

mm.de: Zugespitzt gefragt: Hat Karriere ein Geschlecht?

Mayrhofer: Zynisch gesprochen: Ja! Karriere ist ein Stück männlich. Männer haben im Schnitt deutliche Vorteile, was späteres Einkommen angeht. Im absoluten Topmanagement ist dies allerdings nicht mehr so. Wie eine Studie der amerikanischen Kollegin Susan Adams und ihrer Kollegen ergab, die die Einkommen der CEOs von 1500 großen amerikanischen Unternehmen verglich, gibt es keinen Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern. Weibliche CEOs verdienen im Endeffekt sogar mehr.

mm.de: Welcher Faktor hat das größte Gewicht für die Karriere?

Mayrhofer: Wir haben als Einflussfaktoren für das Verhältnis von subjektivem und objektivem Karriereerfolg das Geschlecht, den sozioökonomischen Hintergrund und verschiedene personenbezogene Merkmale zu Grunde gelegt.

Dabei ist ganz deutlich geworden, dass Führungsmotivation den größten Einfluss hat. Personen, die also sehr gewillt sind, Führungsverantwortung zu übernehmen, sind objektiv wie subjektiv erfolgreicher. Anders gesagt: Führungsmotivation fördert den objektiven und den subjektiven Karriereerfolg. Dagegen ist der Einfluss der Leistungsmotivation, Gewissenhaftigkeit, emotionaler Stabilität, Kontaktfähigkeit und Flexibilität auf objektive Merkmale des Karriereerfolgs zwar nachweisbar, aber nicht sehr hoch.

"Echte Mehrarbeit zahlt sich aus"

mm.de: Ihre Studie hat auch zum Thema soziale Herkunft geforscht. Welches sind die wichtigsten Ergebnisse?

Mayrhofer: Wirtschaftsakademiker kommen, was ihre soziale Herkunft betrifft, aus den "besseren" Schichten, also eher aus den höheren Bildungs- und Berufsschichten. Für Männer gibt es zudem einen direkten positiven Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad der Eltern und dem durchschnittlichen Jahreseinkommen. Je höher die Bildung des Vaters ist, desto mehr verdient der Sohn.

Für Frauen gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad der Eltern und der Zufriedenheit mit dem beruflichen Vorankommen. Je höher die Bildung des Vaters ist, desto unzufriedener ist die Frau mit ihrer beruflichen Entwicklung, desto schmerzhafter erlebt sie die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie.

mm.de: Das ist für die heutige Generation der 15- bis 25-Jährigen ziemlich ernüchternd. Als Jugendlicher kann ich mir also schon anhand meines Elternhauses ausrechnen, wie weit ich es später nach oben schaffe.

Mayrhofer: So mechanisch geht's nun auch wieder nicht. Soziale Herkunft hat zwar grundsätzlich eine wesentliche Rolle - Stichwort "Eliten produzieren Eliten" - und "bessere" Schichten haben so gesehen einen Startvorteil. Nur ist das nicht allein das Ticket für eine erfolgreiche Karriere. Andere Faktoren wie "Netzwerke bilden" müssen noch hinzukommen.

mm.de: Stichwort Arbeitszeit. Wie wirkt sich längeres Arbeiten auf die Karriere erfolgreich aus? Wie viele Stunden muss man mehr arbeiten, um signifikant Karriere zu machen?

Mayrhofer: Die Schwelle liegt bei 55 bis 60 Stunden. Darüber zahlt sich Mehrarbeit aus. Unterhalb dieser Schwelle ist dies faktisch auch schon als Mehrarbeit anzusehen, aber gilt schon fast als erwartete Mehrarbeit und hat keinen Effekt. Die Botschaft ist also: Wer mehr arbeitet, sollte signifikant mehr arbeiten, um auf der Karriereleiter hinaufzuklettern.

"Es wird einem nichts geschenkt"

mm.de: Was müssen Studenten heute beachten, was ist für den Berufseinstieg am wichtigsten?

Mayrhofer: Gute Noten und schnelles Studieren haben beim Berufseinstieg keinen Effekt, Berufstätigkeit und Praxiserfahrung aber sehr wohl. Interessant ist, dass Auslandsaufenthalte per se keine klaren Effekte auf den Karriereerfolg beim Berufseinstieg haben. Sie wirken eher über den Umweg Praxiserfahrung.

Im weiteren Berufsverlauf gilt aber: Wer bereits im Studium gut und schnell studiert hat, ist auch später erfolgreicher. Erfolg meint hier aber nicht gute Noten, sondern vorbildliches Arbeitsethos wie hohen Ehrgeiz und Zielstrebigkeit. Diese Erkenntnis müsste eigentlich auch Folgen für die elterliche Erziehung haben. Denn wer als Elternteil noch sagt, das Studium habe mit dem späteren Erfolg im Beruf nichts zu tun, der irrt gewaltig.

mm.de: Sie haben auch herausgefunden, dass sich der Einstieg in bestimmten Unternehmen später finanziell mehr lohnt. Welche Unternehmen sind das?

Mayrhofer: Unsere Daten sagen sehr deutlich, dass der Berufseinstieg in wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen, die in einer Wachstumsbranche sind und in ihrer Branche zur Spitze gehören, für den späteren finanziellen Karriereerfolg ideal sind. Ein Beispiel wären etwa wirtschaftlich erfolgreiche, alternative Unternehmen der Telekommunikation.

mm.de: Mit Ihrer Studie festigen Sie das Bild des strebsamen Workaholic, der 60 Stunden und mehr arbeiten sollte, um Erfolg zu haben. Zudem haben Ihrer Meinung nach Karriereunterbrechungen wie ein Sabbatical deutlich negativen Einfluss auf den hierarchischen Aufstieg.

Mayrhofer: Meine Antwort lautet: "Es wird einem nichts geschenkt." Wer nach den üblichen Kriterien erfolgreich sein will, der muss seinem Job einen höheren Stellenwert im Leben geben. Mein Appell lautet aber auch: Man sollte sich bewusst sein, dass man mit Unterbrechungen der Karriere zumindest ein großes Risiko eingeht.

mm.de: Wie lautet Ihr Appell an die heutige Studentengeneration, was deren Karriere angeht?

Mayrhofer: Erstens: Überlege, was für dich Erfolg bedeutet, nach subjektiven wie objektiven Maßstäben. Sei dir zweitens bewusst, dass du von deiner Herkunft geprägt bist. Drittens: Mach' etwas aus deinen Fähigkeiten - individuelle Anstrengung macht auch hier den Unterschied.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.