Familie Eisert Stets unter Strom, nie im Strom

Der Mittelständler Phoenix Contact ist Weltmeister im Fach Bescheidenheit, und vielleicht sind die Ostwestfalen auch Weltmeister im Verkaufen elektrischer Verbindungselemente. Um nicht vom Thron gestoßen zu werden, müssen die Ingenieure aber weiter vor Innovation sprühen und listige Patentdiebe auf Abstand halten.
Von Martin Scheele

Hamburg - Bräuchten die Wahlkämpfer in Nordrhein-Westfalen noch einen Vorzeigebetrieb des florierenden deutschen Mittelstands, sie sollten sich vertrauensvoll in das Provinznest Blomberg begeben.

Dann müssten sie aus der Landeshauptstadt Düsseldorf kommend Richtung Nordosten, gen Niedersachsen, fahren. Sie würden Weltkonzerne wie Bertelsmann und Dr. Oetker links liegen lassen und den Landstrich Lippe erreichen. Dort im Quarree zwischen Bielefeld, Paderborn, Bad Pyrmont und Höxter liegt das 18.000-Einwohner-Städtchen Blomberg. Und dort residiert ein unscheinbares Unternehmen, das Phoenix Contact heißt und zur Gilde der deutschen "Hidden Champions" zählt.

Phoenix Contact? Nie gehört! Wie auch - dieser stille Star, einer der Weltmarktführer bei industrieller elektrischer und elektronischer Verbindungstechnik, macht um seine Erfolgsgeschichte wenig Aufhebens. Die derzeit zehn Gesellschafter der drei Familienstämme sind unsichtbar wie elektrischer Strom; nicht mal Betriebsangehörige bekommen sie zu Gesicht. Eine Ausnahme freilich bildet die Speerspitze der dritten Generation, der Chef im Ring. Gestatten: Klaus Eisert, Jahrgang 1934 und jeden Tag im Büro.

Drähte-Verbinder: Reihenklemmen von Phoenix Contact

Drähte-Verbinder: Reihenklemmen von Phoenix Contact

Anwendungsbeispiel I: Enercon bestückt die Steuerungs-Platinen für ihre Windenergieanlagen mit Steckverbindern von Phoenix Contact

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Anwendungsbeispiel II: BMW setzt in den Karosseriebau-Anlagen im amerikanischen Spartanburg das Interbus-Roboter-Konzept ein - Phoenix Contact liefert hierfür Automatisierungskomponenten

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Gewiss, die Auskunftsfreude des einzigen geschäftsführenden Gesellschafters findet ihre Grenzen, touchiert man zum Beispiel das sensible Thema der Erträge. "Gewinne macht man, aber man redet nicht darüber", sagt Eisert im Gespräch gegenüber manager-magazin.de. Nur so viel: In der 82 Jahre alten Unternehmensgeschichte sind nie Verluste angefallen, die Umsatzrendite bewegt sich heute im höheren einstelligen Bereich, lässt er sich entlocken.

Als Kennziffer für den Aufstieg Phoenix Contacts zitiert Eisert den Umsatz. 7000 Mitarbeiter erwirtschafteten im vergangenen Jahr 720 Millionen Euro, stolze 9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Kurve des Umsatzes verläuft seit Jahrzehnten steil nach oben.

Ein Ende des Höhenrausches scheint nicht absehbar. "2005 wollen wir ähnlich stark wachsen", kündigt Eisert an. Die Marke von 800 Millionen Euro bezeichnet er dabei als Traumziffer. Damit der Traum in Erfüllung geht, muss die Nachfrage aus dem Ausland, insbesondere Asien und Nordamerika, anhalten. Denn der bundesdeutsche Markt liegt danieder, Hier zu Lande herrscht eher Kater- statt Partystimmung. Warum ist Phoenix Contact so verrückt, zu 85 Prozent in Deutschland zu produzieren - angesichts hoher Arbeitslöhne?

Die Erfolgsfaktoren bei Phoenix Contact

"Unsere Gesellschafter sind die Banker"

Die Antwort auf diese Frage umgeht Klaus Eisert geschickt, erzählt lieber - und auch das ist eine Antwort - die Gründe der Erfolgsgeschichte. Die Eintracht der Gesellschafter steht an vorderster Stelle, das Fundament für den Betriebsfrieden gewissermaßen. Anders als in anderen Familienunternehmen sind sich die Gesellschafter von Phoenix Contact einig, einen großen Teil der Gewinne zu reinvestieren.

"Gewinne werden bei uns als Dünger verwandt, damit das Unternehmen weiter Früchte trägt, unsere Gesellschafter sind die Banker", formuliert der Diplom-Ingenieur der Starkstromtechnik. Die Wahrung einer hohen Unabhängigkeit vom Fremdkapital ist Ziel. Klar ist auch: "Wir wollen weiter organisch wachsen, nicht um der schieren Größe wegen". Von Überheblichkeit also keine Spur.

Das Gegenteil einer Hybris, die Bescheidenheit, hat Eisert als gebürtiger Schwabe von seinen Eltern mit auf den Weg bekommen. Sein Vater, Josef Eisert, war 1949 in das Unternehmen eingestiegen, das 1923 vom Kaufmann Hugo Knümann mit einer Handelsvertretung für Fahrleistungsarmaturen von Straßenbahnen eröffnet wurde. Josef Eisert hatte sich damals zum Leiter der Siemens-Schaltanlagenkonstruktion hochgearbeitet und dann mit der Weiterentwicklung von Reihenklemmen beschäftigt. Eines dieser Produkte, die wohl nur technikverliebten Ingenieuren ein Begriff und gleichfalls unerlässlich für die Stromwirtschaft ist.

Eine Urform der Reihenklemme existierte schon zu Zeiten von Thomas Edison. In ihr werden Drähte miteinander verbunden, mittlerweile gibt es ein paar tausend Varianten, die längst nicht mehr aus Keramik sind, sondern aus dem unzerbrechlichen Material Thermoplast. Ohne sie wären Kraftwerke nicht denkbar, würden petrochemische Anlagen streiken, würde der Maschinenbau nicht funktionieren.

Die Automatisierung der deutschen Wirtschaft befeuerte gewissermaßen die Produktion dieser Teile. Der neueste Clou der Ingenieure sind nun drahtlose Verbindungssysteme. Ihren Einsatz haben sie schon gefunden, zum Beispiel in Klärwerken, wo Signale Füllstände und Steuerbefehle von Pumpen erfassen und übertragen, oder in Lebensmittelfabriken, in denen Temperaturfühler im Lager die Daten in die Zentrale funken.

Für Phoenix Contact war und ist die Weiterentwicklung dieser Produkte, die ständige Suche nach Innovationen gleichzeitig Erfolgskriterium und Zwang zum Überleben. Deswegen besteht die Entwicklungsabteilung auch aus 200 Mitarbeitern. Das Weiterentwickeln von Produkten, das Erfinden gar von Neuem, das ist zweifellos das Steckenpferd des Klaus Eisert. Kein Termin ist deshalb auch wichtiger als das wöchentliche Treffen der Entwicklungsrunde, fixiert auf Donnerstag von 8 bis 10 Uhr. Dort tragen die Tüftler ihre Ideen vor, und Eisert mimt den "schärfsten Kunden von Phoenix Contact".

Warum Phoenix keine Oase der Seligen ist

"Wir sind total verklemmt"

Kaum vorstellbar, dass der Ingenieur ein Treffen verpasst. "Die Teilnahme lässt sich Eisert nicht nehmen", sagt schmunzelnd Betriebsratschefin Anja Junghans. "Da schlägt sein Ingenieursherz durch". In den vergangenen Jahren hat der heute 70-Jährige freilich viel Verantwortung abgegeben, offiziell ist eine junge fünfköpfige Geschäftsleitung operativ tätig - deren Mitglieder sich fast ausnahmslos lange im Unternehmen bewähren mussten.

Derartige Bewährungsproben gehören zu den Grundprinzipien bei Phoenix Contact, das in Fragen der Mitarbeiterführung einige Dax-Konzerne in den Schatten stellt. Betriebsratschefin Junghans weiß von einem gut funktionierenden Weiterbildungssystem zu berichten und von arbeitnehmerfreundlichen flexiblen Arbeitszeiten. "Nach Absprache dürfen Mitarbeiter selbst im Drei-Schichtbetrieb bei Dringlichkeit schon mal zwei Stunden freinehmen." Seit einem Jahr können die Angestellten zudem im firmeneigenen Gesundheitszentrum für zehn Euro im Monat ihre Fitness verbessern. Für dieses Projekt hat Phoenix Contact Fördermittel von der Europäischen Union eingeheimst und 650 Bewerber bei dem Wettbewerb aus dem Rennen geworfen.

Nur heile Welt also in Blomberg? Dass Phoenix Contact nicht ausnahmslos eine Oase der Seligen darstellt, nicht frei von Niederlagen ist und sich weiter verändern muss, um für die Zukunft gerüstet zu sein, das lässt Klaus Eisert nicht unerwähnt. "Den Trend zur so genannten Stecker-Technologie hatten wir verschlafen", räumt er ein. Konkurrenten hatten schon kleinere Einheiten gebaut, die leistungsfähiger und schneller waren. "Da mussten wir eine Aufholaktion starten."

Gefahr droht dem Unternehmen auch von Patentdieben, Unternehmen, die in Asien und Italien sitzen und die Produkte von Phoenix Contact "sklavisch kopieren", wie Eisert verärgert feststellt. Sein Patentrezept für den Ausweg aus der Misere lautet: "Wir müssen ihnen praktisch technologisch immer eine Nasenlänger voraus sein."

Eisert will außerdem die Organisationsstrukturen verbessern. "Zu gegebener Zeit" soll ein Beirat geschaffen werden, der wohl auch mit externen Fachleuten besetzt wird und als Bindeglied zwischen Geschäftsleitung und Gesellschafterversammlung fungieren soll.

Bei allen Herausforderungen behält Eisert seine entspannte Art, bleibt bescheiden - er würde nie behaupten, dass Phoenix Contact der Weltmarktführer ist - und zeigt mit einer gehörigen Portion Humor, dass er auch mit Abstand sein Unternehmen betrachten kann. Wie zum Beweis, kalauert er am Ende des Gesprächs: "Wir sind total verklemmt."

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