Donnerstag, 23. Mai 2019

Bewerbung "Das Recht zur Lüge"

Lügen ist erlaubt. Denn anders bekommen Bewerber, die eine Suchttherapie oder einen Gefängnisaufenthalt hinter sich haben, keine Chance. Im deutschen Arbeitsrecht ist allerdings sehr klar geregelt, in welchen Notfällen man schwindeln darf.

Berlin - Ob Arbeitslosigkeit, Krankheit oder gar Gefängnisaufenthalt - ein Lebenslauf kann viele Schwachpunkte haben, die Personalchefs besser nicht sehen. Das müssen sie auch nicht. Denn in bestimmten Situationen gibt es ein "Recht zur Lüge", erläutert Rechtsanwältin Verena Rottmann.

Lieber lange Nase als arbeitslos: Die Wahrheit muss nur gesagt werden, wenn sie für die Stelle von Belang ist
Die Wahrheit lasse sich in vielen Fällen beschönigen, ohne die lediglich in einigen Fällen geltende Wahrheitspflicht zu verletzen. "Nur wer weiß, was ein Personalchef hören will, bekommt den Job", ermuntert die Arbeitsrechtlerin zur Kreativität im Lebenslauf.

Grundsätzlich muss ein Bewerber nur solche Dinge von sich offenbaren, die für die in Aussicht genommene Arbeit von Bedeutung sind. Lücken im Lebenslauf sollten durchaus mit erfundenen, allerdings nicht nachprüfbaren Tätigkeiten ausgefüllt werden.

Arbeitslose Väter mit Kindern im betreuungsbedürftigen Alter könnten die Phase der Arbeitslosigkeit im Lebenslauf durchaus als Familienpause angeben. Bei längeren Krankheiten oder Therapien, etwa wegen Alkohol- oder Drogenproblemen, sollten Lücken in der Vita möglichst mit Tätigkeiten ausgefüllt werden, die eine sinnvolle Ergänzung zur bisherigen beruflichen Laufbahn darstellen.

Denn: "Es ist ihr gutes Recht, eine bezwungene Sucht zu verheimlichen", erklärt die Expertin. Als Beispiel für Lückenfüller nennt sie Fortbildungen oder die Ausübung einer selbstständigen Tätigkeit.

Ebenso sollten kürzere Gefängnisaufenthalte im Lebenslauf möglichst verheimlicht werden. Bei mehrjährigen Haftstrafen sei dies zwar schwierig, allerdings sollten Bewerber hier eher von längeren Auslandsaufenthalten mit selbstständigen Tätigkeiten sprechen, über die es keine Bescheinigungen gibt. Auf ein Vorstellungsgespräch sollte sich der Bewerber allerdings sehr gut vorbereiten, damit die Notlüge nicht auffliegt.

Das "Recht zur Lüge" gibt es nach Angaben der Juristin nicht nur im Lebenslauf, sondern auch beim Vorstellungsgespräch. Nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgericht muss ein Arbeitnehmer nur auf juristisch zulässige Fragen wahrheitsgemäß antworten. Dagegen darf er bei unzulässigen Fragen durchaus lügen, da er ansonsten wahrscheinlich im Bewerbungsverfahren den Kürzeren ziehen wird.

Heikle Fragen nach Abtreibung und Wehrdienst

Nicht erlaubt sind beispielsweise Fragen nach der Familienplanung, einer bestehenden Schwangerschaft, der Konfession, nach der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft, einer Partei, nach Vorstrafen sowie nach dem Wehr- oder Ersatzdienst.

Solche Fragen sind lediglich dann zulässig, wenn sie in unmittelbarem Zusammenhang mit der Tätigkeit stehen. Ein kirchlicher Arbeitgeber darf durchaus nach der Konfession fragen, nicht aber nach einer Abtreibung. Ein Arbeitgeber, der einen Bankkassierer sucht, kann problemlos nach vermögensrechtlichen Straftaten fragen. Ist jedoch ein konkreter Bezug nicht zu erkennen, darf getrost gelogen werden, empfiehlt Rottmann.

Ralf Beunink, ddp

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