Familie Dürr Kratzspuren im Lack

Das Aus der siechen AEG konnte er nicht verhindern, dafür trieb er die Bahn in Richtung Privatisierung: Heinz Dürr wollte stets das große Rad drehen. Sein ererbtes Unternehmen, der gleichnamige Autozulieferer, wurde dabei fast zum Nebenschauplatz. Nun ist der Sanierer Dürr wieder gefragt.
Von Martin Scheele

Hamburg - Es hat ihn stets zu Höherem getrieben. Heraus aus dem provinzmuffigen Territorium eines Familienunternehmens, das Solidität verspricht, aber wenig Ruhm. Hinein in die glamouröse Welt der 100.000-Mann-Konzerne. Und doch käme Heinz Dürr nie im Leben darauf, sein Erbe zu verkaufen.

Sein Erbe, das ist der Autozulieferer Dürr, der in Stuttgart beheimatet ist. Gegründet 1895 von Dürrs Großvater, der damals Häuserdächer mit Kupfer versah. Zu einem Industrieunternehmen von Dürrs Vater ausgebaut und in der Ära von Heinz Dürr zum Weltmarktführer von Lackieranlagen für die Automobilindustrie aufgestiegen und in eine börsennotierte Aktiengesellschaft umgewandelt, an der die Familie die Mehrheit hält.

Eine steile Karriere also. Jahrzehntelang stand Dürr sinnbildlich für properen Mittelstand, für schwäbische Ingenieurskunst. Einer dieser blühenden Ländle-Betriebe, die wie ein buntes Glassteinchen im Kaleidoskop leuchten und deren Ruf als wichtiger Autozulieferer wie Donnerhall durch die Büros der Autokonzerne hallt.

Fahrzeugkarosse auf einem Skidförderer: Dürr bietet Komplettlösungen für die Fahrzeugendmontage aus einer Hand - von der Montagetechnik bis zu Prüf- und Fördersystemen

Fahrzeugkarosse auf einem Skidförderer: Dürr bietet Komplettlösungen für die Fahrzeugendmontage aus einer Hand - von der Montagetechnik bis zu Prüf- und Fördersystemen

So genanntes Twin Trolley System: Dürr liefert Fördertechnik, mit der Karossen in der Automobilfertigung von einer Station zur anderen transportiert werden

So genanntes Twin Trolley System: Dürr liefert Fördertechnik, mit der Karossen in der Automobilfertigung von einer Station zur anderen transportiert werden

Sehr ertragreich: Kohlewaschanlage des zugekauften Unternehmes Schenck in China

Sehr ertragreich: Kohlewaschanlage des zugekauften Unternehmes Schenck in China

Ureigenstes Geschäftsfeld: Lackieranlage von Dürr

Ureigenstes Geschäftsfeld: Lackieranlage von Dürr


Lackieren, fördern, reinigen:
Bitte klicken Sie auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

Umso erstaunlicher dann die veritable Krise, die Dürr vor drei Jahren packte und bisher nicht loslässt. Kunden wurden mit Qualitätsproblemen irritiert, Anleger mit Gewinnwarnungen erschreckt, 2003 musste gar der erste Verlust in der 110 Jahre alten Firmengeschichte ausgewiesen werden. Die vormals heile Welt ist angekratzt. Ausgerechnet jetzt, wo der Mehrheitseigner Heinz Dürr kein AEG-Chef oder Bahn-Primus mehr ist und sich noch mehr als sonst seinem Erbe widmen kann? Ein Winkelzug des Schicksals?

Heinz Dürr, Aufsichtsratsvorsitzender seit Ewigkeiten, lässt die Entwicklung nicht kalt. Allein die Gelassenheit wirkt porös, als der 72-Jährige im Gespräch mit manager-magazin.de über die Krise spricht. "Geld kannst du verlieren, aber nicht deinen Ruf", ist sein Credo. Gewiss, Dürr hat die Gewinnzone wieder erreicht - Balsam für die geschundene Unternehmensseele. Trotzdem: "Mit dem Ergebnis von 11,3 Millionen Euro in 2004 bei einem Umsatz von 2,1 Milliarden Euro sind wir nicht zufrieden." Was wenig wundert, denn eigentlich waren mehr als 18 Millionen Euro erwartet worden. Die Umsatzrendite krebst bei 0,5 Prozent herum, und das bei einer Zielmarke von 5 Prozent.

Bei der Einkaufstour "blutige Nasen geholt"

Fehlende Synergieeffekte kritisiert

Der SDax-Konzern hat sich in den letzten Jahren offenbar verzettelt und bei einer Einkaufstour übernommen. Wenn Dürr über Fehler ("als AR-Chef habe ich die Entscheidungen mitgetragen") spricht, nennt er fehlende Synergien zwischen zugekauften Firmen und alten Betriebsteilen und technische Probleme bei Endmontageprodukten, die Nachbesserungen zur Folge hatten ("Wir wollten unbedingt bei dem Kunden rein").

Dürrs Betriebsratschef Peter Weingart, der den "Übervater des Unternehmens" kritisch begleitet, wird deutlicher. Er spricht von einer "Einkaufswut" des ehemaligen Vorstandschefs Hans Dieter Pötsch, bei dem "wir uns blutige Nasen geholt haben". Die Folge: 240 Millionen Euro Schulden belasten die Bilanz. Pötsch ist seit Herbst 2002 nicht mehr im Amt, sein alter Weggefährte aus BMW-Zeiten, Bernd Pischetsrieder, hatte ihn zu Volkswagen  geholt.

Als Katalysator der Dürr'schen Krise wirkten die früheren Gepflogenheiten in der Automobilindustrie. Noch vor wenigen Jahren forderten die Autokonzerne von Zulieferern wie Dürr, dass diese Anlagen anbieten, für die General Motors  und Co. keine Hand bemühen müssen. Die Verwaltung dieser komplexen Ungetüme war also Aufgabe der Zulieferer. "Wir mussten uns mit den Lieferanten herumschlagen", ärgert sich Weingart. Dann erfolgte die 180-Grad-Wende, die Autohersteller stückelten wieder die Aufträge. Und Dürr darf sich wieder seinen Kernkompetenzen widmen. Darf wieder ein "Mittelstandsmulti" werden, wie Weingart schwäbelt.

Bis Dürr wieder auf die Erfolgsspur geführt wird, vergeht wohl noch ein Jahr. Das große Ausmisten hat begonnen, und wie immer, wenn Unternehmen heute in die Krise rutschen, wird die "Fokussierung auf die Kernkompetenzen" als Allheilmittel gepriesen. So auch bei Dürr. Gab es ehemals noch fünf Geschäftsfelder, sind jetzt jeweils zwei zu einem zusammengelegt worden. "Wir brauchen wieder schlichte Führung", fordert der AR-Chef. Der fünfte Bereich, die zugekaufte Premier-Gruppe, die zwar schwarze Zahlen schreibt, aber nicht mehr ins Konzept passt, wird an den schwäbischen Nachbarn Voith veräußert. Dürrs Mitarbeiterzahl wird durch den Verkauf von 12.700 auf 7700 Stellen sinken.

Am zweiten großen Zukauf, der Schenck-Gruppe (unter anderem Messtechnik), hält der Chefkontrolleur fest und bezeichnet sie als "Zukunftssäule". Wie zum Beweis führt Dürr die profitable Kohlesäuberung von Schenck in China an, die er mehrfach inspiziert hat. "Besser einmal sehen, als hundertmal hören", pflegt Dürr in diesem Zusammenhang ein chinesisches Sprichwort zu zitieren.

Eine aufregende Zeit. Eine Herausforderung, wie geschaffen für einen Mann wie Dürr, der stets anspruchsvolle Aufgaben gesucht hat. Der immer beweisen wollte, dass er mehr kann, als nur Lackieranlagen verkaufen. Dürr sieht lieber das große Ganze: "Je größer das Unternehmen, desto größer die gesellschaftliche Bedeutung". Als Chef von AEG und der Deutschen Bahn hat er sich viel Ansehen verschafft, seine Bilanz enthält aber auch Schatten.

Wann Heinz Dürr abzutreten gedenkt

Wie lange bleibt Dürr noch in Familienhand?

Auf dem Feuerstuhl des maladen Industriegiganten AEG nahm Dürr Anfang 1980 Platz. Der damalige Bosch-Chef Hans L. Merkle hatte dem Aufsichtsratsvorsitzenden der AEG, Hans Friedrichs, Dürr empfohlen. Dürr sanierte fieberhaft, trotzdem stiegen die Verluste angesichts einer auf Talfahrt gehenden Konjunktur. 1982 meldete AEG Vergleich an. Der spätere Erwerber Daimler-Benz, der Dürr in seinen Vorstand holte, wickelte das Unternehmen später ab. Dürr, ganz Verkäufer, betont das Positive und erwähnt die AEG-Sparte Ternic, die heute bei Continental  äußerst erfolgreich sei.

1991 trat Dürr den Chefposten bei der Bundesbahn an. Er verschmolz die marode Deutsche Reichsbahn mit der DB-West, setzte die Umwandlung der Behörde in ein privates Wirtschaftsunternehmen um - unbestritten eine Meisterleistung. Dann wechselte er in den Aufsichtsrat. Und die Kohl-Regierung berief mit dem Staatssekretär Johannes Ludewig einen Beamten an die Spitze - für viele ein verheerendes Signal.

Dürr, Privatunternehmer mit Herzblut, musste das als persönlichen Affront auffassen. Sein endgültiger Abgang beim Verkehrsunternehmen war besiegelt. Verschärfend kam hinzu, dass das ungleiche Gespann sich persönlich nicht besonders mochte. Weil Dürr keine Möglichkeiten sah, das Blatt noch zu seinen Gunsten zu wenden, legte er 1997 nicht ohne Emotionen das Mandat nieder.

Freilich kein Grund, Frust zu schieben. Der mit einem sonnigen Gemüt ausgestatte Schwabe, dessen erste Heimat mittlerweile Berlin ist, bekleidet weiterhin viele Ämter - gleichwohl keines so bedeutend wie damals. Er stiftete einen Theaterpreis, spielt Billard, Golf, betreibt Lobbyarbeit für die Wirtschaftsinteressen Berlins. Und nichtzuletzt begutachtet er argwöhnisch das Treiben seiner Dürr-Vorstände insbesondere von Pötsch-Nachfolger Stephan Rojahn, einer Ex-Bosch-Führungskraft.

Eine weitere, tiefere Zäsur als die derzeitige Krise steht dem Unternehmen wohl noch bevor. Bleibt Dürr im Familienbesitz, fragen sich schon heute die Stuttgarter besorgt. Dürrs Töchter schließlich haben sich für eine aktive Arbeit im Unternehmen nie erwärmen können. Sie wandeln als Neurogenetikerin, Künstlerin oder Journalistin auf branchenfremden Wegen. "Sie wollen aber weiterhin, dass Dürr auch Dürr bleibt", formuliert ihr Vater den Treueschwur. Der Flurfunk im Unternehmen will ungeachtet dessen erfahren haben, dass Dürr nur mit dem Ehepaar Dürr auch weiter selbstständig bleibt. Sein Amt des AR-Chef denkt Unternehmer Dürr nicht so schnell aufzugeben und verweist zur Begründung auf die drängenden Aufgaben und die steigende Lebenserwartung der Deutschen.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.