Karriere Mehr Sein als Schein

Was jeder durchschnittliche Betriebswirt leidlich beherrscht, müssen Germanisten, Soziologen oder Anglisten erst noch lernen: sich beizeiten ordentlich aufzuplustern, um potenziellen Arbeitgebern aufzufallen - Gelegenheiten dazu gibt es genug.

Insgesamt 13 Semester Germanistik und Psychologie an zwei verschiedenen Studienorten und Seminarauswahl nach dem Lust-Prinzip: Christine Bock bedient ganz selbstbewusst das Klischee vom arbeitsmarktfernen Geisteswissenschaftler. Vordergründig jedenfalls - denn auf den zweiten Blick stimmt es schon nicht mehr: "Ich habe immer schon nebenbei gearbeitet", erzählt sie - im Verlag, in der Werbung und im Textbereich. Dazu kamen Praktika im Goethe-Institut und beim Hörfunk.

Christine Bock verfügte schon lange vor ihrem Examen über eine Menge Berufserfahrung und alle nötigen Scheine, aber sie hatte Angst vor der Exmatrikulation: "Ich hätte nie gedacht, dass es mal jemand gibt, der meine Arbeit richtig honoriert."

Es gab mehrere: Die Frankfurterin startete als Texterin in Hamburg und landete als Kontakterin in Berlin. Heute berät sie in einer Werbeagentur elf Shopping-Center bei der Anzeigengestaltung, entwirft Aktionskonzepte, akquiriert Neukunden und hat Personalverantwortung.

Der Kopf in den Sand

Sprach- und Kulturwissenschaftler wissen vom Anfang ihres Studiums an, dass ihnen kein Karriereweg vorgezeichnet ist und niemand auf dem Arbeitsmarkt auf sie wartet. Allerdings verleitet die fehlende Berufsperspektive manche dazu, den Kopf in den Sand zu stecken. "Es kommt nicht selten vor, dass Studenten kurz vor dem Examen weder wissen, was es alles an Berufsmöglichkeiten gibt, noch was sie machen möchten", sagt Martha Meyer-Althoff von der Arbeitsstelle Studium und Beruf der Universität Hamburg.

Seit 25 Jahren fördert Meyer-Althoff die Berufsorientierung von Geisteswissenschaftlern. Ihr Fazit: Bloß nicht das Thema vor sich herschieben und sein Licht unter den Scheffel stellen, sondern die Berufsmöglichkeiten aktiv erkunden und mit den eigenen Stärken und Vorlieben abgleichen. "Überall wo es um Kommunikation, Kreativität, Organisation und Management geht, da haben Geisteswissenschaftler gute Perspektiven."

Der Berufseinstieg von Geisteswissenschaftlern

Eine Untersuchung der Hochschul-Informations-System (HIS) GmbH in Hannover belegt, dass der Berufseinstieg der Geisteswissenschaftler besser verläuft als erwartet: So sind ein Jahr nach Beendigung des Magisterstudiums rund 55 Prozent der Absolventen regulär erwerbstätig. "Werkverträge und Überbrückungen wie Praktika nicht mitgerechnet", sagt Kolja Briedis, Hochschulforscher beim HIS.

Alle vier Jahre befragt HIS die Absolventen eines Prüfungsjahrganges zu ihrem Berufseinstieg. Im Vergleich zu den zuletzt befragten Jahrgängen von 1997 und 1993 haben sich die zuletzt veröffentlichten Ergebnisse um 15 beziehungsweise 25 Prozent verbessert.

"Geisteswissenschaftler kommen unter", fasst HIS-Projektleiter Karl-Heinz Minks zusammen. Der Schwerpunkt liegt nach wie vor in den Medien: Journalismus, PR, Werbung, Buch- und Filmbranche sind die Haupt-Arbeitsfelder. Doch das Angebot wird immer breiter, sagt Martha Meyer-Althoff: "Die Berufe differenzieren sich aus. Es gibt Bezeichnungen wie Producer, die sich um Filmprojekte von der Idee bis zur Vorführung kümmern. Oder Berufe wie Literaturagent, die hier vor zehn Jahren nicht üblich waren."

Auch in der privaten Wirtschaft im Vertrieb, Marketing oder Personalwesen, sind Germanisten, Historiker oder Orientalisten durchaus gefragt. "Weil sie mit neuen Ideen die Monokultur der reinen Betriebswirtschaft durchbrechen", betont Karl-Heinz Minks. "Geisteswissenschaftler sind das Salz in der Suppe." Doch immer erst müssen sie sich in der Praxis bewähren, bevor sie beispielsweise in Konzernen wie Siemens landen können.

"Das sind Sonderfälle, die sich im Gegensatz zu der klassischen Karriereplanung von Natur- und Wirtschaftswissenschaftlern nicht verallgemeinern lassen", erklärt Siemens-Sprecher Karlheinz Groebmair im München. Gefragt seien Allrounder, die beispielsweise dazu beitragen, bedienungsfreundlichere Produkte zu entwickeln, oder auch Vertriebsmitarbeiter, die den nicht technisch versierten Kunden auf Augenhöhe begegneten.

Von Deike Uhtenwoldt, gms

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