Familie Cloppenburg Nicht Jacke wie Hose

Getreu dem Aldi-Prinzip hält sich der Textilhändler Cloppenburg seit ehedem zwei Peek & Cloppenburgs. Jahrzehntelang profitierten sie voneinander und lebten sich doch auseinander. Jetzt bemühen die Stammesführer Gerichte, um nicht mit dem anderen verwechselt zu werden.
Von Martin Scheele

Hamburg - Sie kam langsam aber gewaltig, die Veränderung in Deutschlands Textilhändlerlandschaft. Discounter wie Aldi und Lidl warfen massenweise billige Kleidung auf den Markt. Auslandsgrößen wie H&M stiegen in der Verbrauchergunst. In der Folge mussten traditionsreiche Mittelständler den Gürtel enger schnallen oder wie Boecker und Hettlage das letzte Hemd hergeben. Nur Peek & Cloppenburg, dieser Dinosaurier der Branche, wirkt wie ein gut sitzender Anzug samt einigen Falten. Wirklich?

Peek & Cloppenburg kann man nicht über einen Kamm scheren. Analog zum Aldi-Prinzip haben zwei Stämme des Textilhändlerclans Deutschland aufgeteilt und die wirtschaftlich selbstständigen Unternehmen Peek & Cloppenburg KG, Düsseldorf und die Peek & Cloppenburg KG, Hamburg gegründet. Der eine verstreut von Düsseldorf seine Filialen in den Westen und Süden. Der andere beherrscht von Hamburg aus den Norden.

Der gemeinsame Schaffensbeginn der beiden Stämme geht auf das Jahr 1869 zurück, als die aus dem Westfälischen stammenden Cloppenburgs nach Holland auswanderten und dort gemeinsam mit den Peeks ein Bekleidungshaus gründeten. Die Rückkehr der Cloppenburgs - ohne die Peeks - ins Heimatland erfolgte um die Jahrhundertwende. 1901 führten Nachfahren der Firmengründer als erste Bekleidungseinzelhändler Konfektionsgrößen ein. Die bahnbrechende Idee zur standardisierten Körpermaßen sollte sich aber nur langsam durchsetzen.

Winterschlussverkauf in einer P&C-Filiale

Winterschlussverkauf in einer P&C-Filiale

Foto: Nasser Manouchehri
Mit der Figur "Hummel" vor der Tür: P&C-Filiale in der Hamburger Mönckebergstraße

Mit der Figur "Hummel" vor der Tür: P&C-Filiale in der Hamburger Mönckebergstraße

Foto: Nasser Manouchehri
Direkt neben Ansons's gelegen: P&C-Filiale Hamburg

Direkt neben Ansons's gelegen: P&C-Filiale Hamburg

Foto: Nasser Manouchehri


Schöne bunte Warenwelt
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Das Jahr 1911 schließlich ging als Jahr der Abspaltung in die Chronik ein. Ein gewisser James Cloppenburg und dessen Schwager Paul Schröder versuchten auf eigene Faust ihr Glück und zogen in Hamburg ein erstes P&C-Haus hoch. P&C Nord war geboren. Bis in die 90er Jahren sollte die Zweiteilung in P&C Nord und P&C West exzellent funktionieren. Verbraucher fühlten sich nicht verwirrt und man achtete die Grenzen des anderen und kaufte gemeinsam ein. Auch die Machtverhältnisse waren schnell geklärt. Die Düsseldorfer erwirtschaften schon immer mehr Umsatz als die Norddeutschen und haben mehr Filialen.

Doch im Gegensatz zu den Albrecht-Brüdern, die Deutschland ebenfalls in zwei Regionen aufgeteilt haben, scheint es mit der seligen Eintracht der Cloppenburgs fürs Erste vorbei zu sein. Namentlich streiten sich Harro Uwe Cloppenburg, Einzelvertretungsberechtigter Geschäftsführer der West-Gruppe, mit der Nord-Gruppe, angeführt von James Cloppenburg, Cousin von Harro, und dem in die Familie eingeheirateten Dirk Schröder. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein kleinkarierter Zwist unter ehrwürdigen Handelsschaffenden. Doch unter der Oberfläche offenbaren sich handfeste Unterschiede.

Die Düsseldorfer leisten sich "Weltstadthäuser"

Der Hang zur Diskretion eint die Cloppenburgs

Im ersten Rechtsstreit geht es um den Internetauftritt der beiden traditionsreichen Bekleidungsfilialisten. Wie das Fachblatt "Textilwirtschaft" berichtete, will Düsseldorf ( www.peekundcloppenburg.de ) durchsetzen, dass auf der Internetdomain von Hamburg (www.peek-und-cloppenburg.de ) ein Hinweis erscheint, dass es sich dabei nicht um die Düsseldorfer Gruppe handelt. "Die Düsseldorfer fordern", heißt es beim Landgericht, "dass der Nutzer erkennt, dass es sich um zwei getrennte Unternehmen handelt" (AZ 2a O117-04).

Die Düsseldorfer Richter haben die Entscheidung vertagt. Sie wollen erst mal ein anderes Urteil abwarten, das Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg. Dort geht es im Kern um überregionale Werbung (AZ 3U 12-04). Denn die P&C's dieser Welt haben offenbar versäumt, sich die neuen Bundesländer aufzuteilen. Im konkreten Fall lamentiert P&C Hamburg über verunsicherte Kunden in der Region Dresden-Leipzig-Gera. In erster Instanz hatte das Landgericht Hamburg aber zu Ungunsten der Hamburger entschieden.

Warum die Clanmitglieder sich nicht einfach an einen runden Tisch setzen und die Causa bei einem Pils oder Alt hanseatisch-rheinländisch regeln, bleibt unklar. "Wir nehmen zu laufenden Verfahren keine Stellung", sagt ein PR-Sprecher von P&C West. Bei P&C Nord heißt es: "Wir geben keinerlei Interviews, hierzu gehören auch (An-)Fragen in schriftlicher Form." Keine Überraschung - obwohl die beiden Gruppen sich auseinanderleben, vereint sie der Hang zur Diskretion. Es kommt schon einer kleinen Sensation gleich, dass die Norddeutschen die Frage nach Diskretion auf ihrer Webseite überhaupt thematisieren. "Wir bemühen uns, konstante Leistungsbereitschaft zu demonstrieren, ohne viel darüber zu reden. Wir hoffen, uns gelingt das zu Ihrer Zufriedenheit" heißt es dort entschuldigend.

Erste Brüche in der einst funktionierenden Zweckehe resümierten Branchenkenner Mitte der 90er Jahre. Während Hamburg damals Modetrends zu verschlafen drohte und sein angestaubtes Image nicht richtig abschütteln konnte, durchlebte die West-Gruppe eine sanfte Revolution - ganz offensichtlich von Hendrik Cloppenburg angestoßen. Der Kronprinz, geschult beim New Yorker Luxuskaufhaus Saks, brachte von seiner Amerika-Visite ein Bündel an frischen Ideen mit. In der Folge leisteten sich Vater und Sohn prominente Architekten für ihre intern unbescheiden als "Weltstadthäuser" titulierten Filialen.

Das Haupthaus in Düsseldorf kreierte so kein Geringerer als Stararchitekt Richard Meier. Andere Filialen erstrahlen durch die künstlerische Hand eines Josef Paul Kleihues oder eines Gottfried Böhm in modernem Gewand; die Piefigkeit der 60er verflüchtigte sich. Die edlen Bauten soll der Verbraucher, so die Botschaft, als Investment in die Zukunft verstanden wissen; der Bauherr kann sich guten Stil leisten.

Zaghafte oder glücklose Auslandsexpansion

"Unser Zielgruppe mag keinen Schlabberlook"

Um solvente Klientel zeitgemäß anzusprechen, poliert das Duo den Firmennamen zu einer modernen Premiummarke auf. Topmarken wie Joop, Giorgio Armani oder DKNY sollen dazu beitragen, in großen Häusern wurden für die Topdesigner die Flächen verdreifacht. In den mittleren Preislagen setzt das Unternehmen verstärkt auf preiswerte Eigenmarken. Die zweigleisige Sortimentsstruktur kennt P&C Hamburg auch. Marken fürs Image, Eigenlabels für den Profit ist ein altes Erfolgsgeheimnis, das bei Peek & Cloppenburg immer gut funktioniert hat.

Hanseat James Cloppenburg scheint die Entwicklung im Westen nicht anzurühren. In einem seiner selten Anfälle von Öffentlichkeitslust wird er in der "Welt" mit den Worten zitiert: "Unsere Zielgruppe ist eine bekleidungsbewusste, die keinen Schlabberlook mag. Billigware gibt's bei uns nicht." Das Bild unterstreichen seine Verkäuferinnen mit ihren dunkelblauen Kostümen, die je nach Geschmack altbacken oder hanseatisch gediegen wirken. Branchenbeobachter sehen nichtsdestotrotz in der nur langsam verändernden Hamburger Sortimentsstruktur einen Grund dafür, dass "junge Marken" wie H&M erfolgreich in den Markt vorstoßen konnten.

Die Unterschiede im Angebot haben eine einfache Ursache. Entgegen früher, kaufen die Rheinländer und Norddeutschen offenbar nicht mehr viel zusammen ein. Heute liegen in den Regalen sogar unterschiedliche Eigenmarken aus. Und nicht nur im Osten treten sich die Filialisten auf die Füße; P&C Düsseldorf wildert auch im angestammten Revier der Norddeutschen. Mit der Gründung der Herrenausstatterkette Anson's schnappen die Düsseldorfer den Hamburgern in deren Hochburg Kunden weg. Kurioses Ergebnis: In Hamburgs Einkaufsmeile Nummer eins, der Mönckebergstraße, finden sich eine Ansons's- und eine P&C-Filiale unmittelbar nebeneinander.

Zaghafter erwies sich die Hamburger Gruppe auch bei der Auslandsexpansion. Über drei Häuser in Polen sind die vorsichtigen Hanseaten nicht hinausgekommen. Vielleicht hat sie auch einfach nur die Erfahrung der Düsseldorfer abgeschreckt. P&C West hatte schon früh in den Nachbarstaaten seine Felder abgesteckt - allerdings mit wenig Fortune. In Holland und Belgien wurden bis auf vier alle der einst 22 eines Wettbewerbers gekauften Filialen wieder geschlossen, aus der Schweiz trat man den Rückzug an. Außer in Österreich (vier Filialen) und Polen (zwei Filialen) sind die Rheinländer in Europa nicht vertreten - im Gegensatz zu Konkurrenten wie H&M und Zara.

Die ängstliche oder glücklose Europäisierung von P&C könnte sich noch als Bumerang erweisen. Denn ganz gleich ob Hamburg (von der Zeitschrift "Textilwirtschaft" geschätzter Umsatz 2003: 340 Millionen) oder Düsseldorf (geschätzter Umsatz 2003: 1,6 Milliarden Euro) - beide Gruppen stoßen im Heimatland langsam an ihre Wachstumsgrenzen. Anders als H&M und Zara, so konstatiert die "Textilwirtschaft" ist der Umsatz von P&C auf bestehenden Flächen in der Regel seit Jahren rückläufig. Von einem ernsthaften Dilemma oder gar einer Entwicklung wie bei C&A in den 90er Jahren könne aber, so Branchenbeobachter, bei P&C keine Rede sei. Im Gegensatz zu Konkurrenten gelten die einst als "Mercedes unter den Textilern" geadelten P&C's noch immer als hochrentabel.

Gewerkschafter bekommen keinen Fuß in die Tür

Ausgeklügelte Boni-Systeme motivieren Mitarbeiter

Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass die Modehändler kühle Rechner sind, die Kosten effizient zu senken wissen. So sparen sie Geld in der gemeinsamen Nachwuchsförderung, die in der Branche einen guten Ruf genießt. Und die Sippe setzt im großen Umfang in ihren Filialen so genannte Bedarfskräfte ein. Das zumeist junge und weibliche Personal wird innerhalb von 24 Stunden telefonisch zum Dienst gebeten und stundenweise bezahlt. Ein Umstand, der die Gewerkschaft Verdi maßlos ärgert - aber machtlos lässt. Denn Betriebsräte gehen nach Meinung von Verdi gegen diese Praxis nicht vor, weil sie lieber ihre Stammbelegschaft schützen.

Gewerkschafter, die in den abgeschotteten Gruppen keinen Fuß in die Tür bekommen, bemäkeln zudem, dass P&C trotz offenbar guter Renditen bei den Angestellten spart. So hat die Nord-Gruppe 2003 die Tarifbindung gekündigt. Für gleiches Geld müssen die Angestellten so länger arbeiten. Mitarbeitern wurde in Briefen "dringend" nahe gelegt, die neuen Konditionen zu akzeptieren. Verdi-Mann Dirk Hempel erinnert sich an eine "wilde Betriebsversammlung". Arbeitnehmervertreter wollen diese Entwicklung gegenüber manager-magazin.de nicht kommentieren. Von Gewerkschaftern werden sie als "wenig konfliktorientiert" bezeichnet. Immerhin weiß Peek & Cloppenburg aber seine Angestellten geschickt zu motivieren. Über die Branche hinaus haben sich die Cloppenburgs mit einem ausgeklügelten Prämiensystem - die Boni können bis zu 25 Prozent des Gehaltes ausmachen - einen Namen gemacht.

Die Kritik der Gewerkschaft ficht die Cloppenburgs wohl kaum an. Wenn's dem großen Ganzen dient, werden sich die Cloppenburgs denken, was ist schon dabei? Andere Unternehmen setzen den Rotstift schließlich viel rigoroser an. Nur was passiert, wenn sich die Querelen zwischen den Gruppen verstärken? Bleibt nur zu hoffen, dass der Ausspruch von James Cloppenburg im Handelsverband BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels) getätigt, nicht irgendwann auf P&C zutrifft, als er in Richtung einiger Vertreter von kleineren Firmen meinte: "Euch Mittelständler wird es ja nicht mehr lange geben."

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