Familien Villeroy und Boch Späte Genugtuung

Ein Teller fällt auf den Boden und zerschellt. Als ungleich bruchfester erweist sich der Geschirr- und Fliesenproduzent Villeroy & Boch. Selbst eine Revolution, drei Kriege, Strategiefehler, eine Familienfehde und Konsumkrisen konnten den Familienkonzern nicht in Scherben zerschlagen.
Von Martin Scheele

Mettlach - Sie krümmt und windet sich, als wolle sie hier verweilen. Die Saar, dieser weitgehend unbegradete Strom, fließt auch am Städtchen Mettlach und der Residenz von Villeroy & Boch  vorbei. So viele Kurven der Fluss nimmt, die Geschichte des 257 Jahre alten Familienunternehmens scheint an Wendepunkten reicher zu sein.

Es geschah im Jahr 1748, als der Eisengießer François Boch in dem lothringischen Dorf Andunle-Tiche eine Töpferei für Keramikgeschirr eröffnet. Einige Jahrzehnte später gründet der Kaufmann Nicolas Villeroy in Vaudrevange an der Saar eine Steingutfabrik. 1836 legen der Enkel des Gründers, Jean François Boch, und Nicolas Villeroy ihre Manufakturen zusammen: Villeroy & Boch entsteht.

Damals konnten die beiden Selfmademen nicht ahnen, dass sich ihre Erben zig Jahrzehnte später für eine Weile befehden sollten, dass durch Strategiefehler, Konsumverweigerung und Billigimporten aus Fernost der Konzern in eine schwere wirtschaftliche Krise geriet, dass ein Börsengang neue finanzielle Perspektiven eröffnete - und dass der heutige Konzernherr klug einen Strategiewechsel einläutete.

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Porzellan- und Fliesenpalette von V&B
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Die Stimme eben jenes Konzernherrn hört sich derzeit nicht nach purem Optimismus an. "Wir bewegen uns weiterhin in einem schwierigen Umfeld", sagt Wendelin von Boch, Vorstandschef von Villeroy & Boch, im Gespräch mit manager-magazin.de.

Draußen plätschert Wasser in einem Brunnen von Schinkel. An der barocken Abtei, in der der Konzern residiert, rankt Efeu hoch. Der Vorstandsbereich ist von einer Mischung aus Ahnenporträts und moderner Kommunikationstechnik geprägt. In den Gängen hängen Gemälde an steinverzierten Wänden, Marmorsäulen strecken sich den gewölbten Decken entgegen; an jeder Kachel klebt der Duft der Tradition. Eine Idylle. Eine Idylle?

Wie Wendelin Karriere machte

Hiobsbotschaft für Stammbelegschaft

Von Zuständen wie im Schlaraffenland ist das Traditionshaus so weit entfernt wie das Saarland von einer kohlelosen Zeit. Immerhin kehrte der Familienkonzern gerade mit 33 Millionen Euro plus in die Gewinnzone zurück - nach einem Verlust von 17,7 Millionen Euro im Vorjahr.

Wie sehr die Konsumkrise Spuren im Firmensilber von Villeroy & Boch hinterlassen hat, wird im Rückblick schnell deutlich. Schon Mitte der 90er Jahre erwirtschaftete der Konzern einen Umsatz von umgerechnet 800 Millionen Euro, heute sind es gerade 160 Millionen mehr. Und 1992 standen 13.000 Mitarbeiter in Lohn und Brot - heute sind es gut 3000 weniger. Da wird die Anfang 2003 gemachte Aussage des Konzernoberen nur verständlich, als er seufzte: "Wir gehen ins achte Krisenjahr".

Das Jammertal scheint noch immer nicht durchschritten. Erst jüngst schreckte der 63jährige Adelsmann die Stammbelegschaft mit einer Hiobsbotschaft auf. Ausgerechnet im Saarland, also dort wo Villeroy & Boch seine Wurzeln hat, wird jede zehnte der 1162 Stellen in den nächsten drei Jahren gestrichen. Die Begründung für die Sanierungskur klingt altbekannt: Fertigungsabläufe werden automatisiert, der stetig steigende Produktivitätszuwachs führt notgedrungen zum Abbau von Arbeitsplätzen. Da wirkt es nur weise, dass von Boch seinen Vorstand von sechs auf vier Personen verkleinert hat.

Fliesensparte kräftig ausgedünnt

Ein Familienunternehmer, erst Recht vom Schlage eines von Boch, erfüllt es mit Gram, Leute entlassen zu müssen. "Wir geben nicht leichtfertig Produktionsstandorte auf", bekräftigt er. Trotzdem kennt der Clanführer der achten Generation das Gefühl nur zu gut. Es ist noch gar nicht lange her, da verkaufte Villeroy & Boch vier der sechs Werke der lange defizitären Fliesensparte und siebte in der Produktvielfalt aus.

Der heutige Vorstandsprimus hat sich seit 1967 im Konzern hochgearbeitet. Den Vorstandsposten erklomm er in einem äußerst denkwürdigen Moment, im Jahr des 250. Geburtstags des Unternehmens. Eigentlich ein ungünstiger Zeitpunkt, denn die Familie war tief zerstritten und befehdete sich in Grabenkämpfen. Daran war er offenkundig nicht ganz unschuldig. Schon Jahre zuvor wollte er in das Büro des Vorstandsvorsitzenden einziehen.

Dieses Büro hatte sein Vetter Luitwin Gisbert, kurz: LG, besetzt, der heute die Geschicke im Aufsichtsrat lenkt. Wendelin konnte damals zwar mit guten Zahlen seiner Tischkultur-Sparte glänzen ("ein bisschen Stolz bin ich über die Umsatzsteigerung von 5 auf 33 Prozent"), doch das reichte nicht. Auch "LGs" Wirken - die Fliesensparte war schon damals ein Fall für Notaufnahme, Spartenvorstände mauserten sich zu Bereichsfürsten - war nicht Anlass für eine Demission genug. Zu wenige der heute über 200 Gesellschafter stellten sich hinter Boch. Statt seiner wurde ein externer Manager der Nachfolger von LG.

"Zu viele Hähne auf dem Mist"

Existenz des Familienunternehmens gesichert

Im zweiten Anlauf - 1998 - wurde von Bochs Wunschtraum Wirklichkeit. Tatkräftig mitgewirkt hatte er schon zuvor, dass Villeroy & Boch an die Börse ging - und damit frisches Geld und professionelle Strukturen bekam. Ehemals war der Familienrat, wo jeder Stamm einen Sitz hatte, das Machtzentrum. Heute sind es Pool-Vorstand und Aufsichtsrat. Im Aufsichtsrat gibt es keine vorgeschriebene Zahl von Familienmitgliedern. Durch die Professionalisierung und Fremdbesetzung der Gremien wurde mögliche Spannungen zwischen den Stämmen vorgebeugt.

Aber auch die Familie selbst scheint sich am Riemen zu reißen. "Wir denken nicht mehr in den Stämmen", sagt von Boch. "Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander". Er scheint bis dato ein glückliches Händchen zu haben, um den Zusammenhalt der Dynastie zu sichern.

Viermal im Jahr kommen die Stammaktionäre zusammen. Im Gegensatz zu anderen Familienunternehmern geben die Bochs und Villeroys ihre Anteile schon früh an ihre Kinder weiter. Die Schar der Gesellschafter wächst also stetig und längst nicht alle Mitglieder sind deshalb äußerst vermögend. Die Stammaktien können wegen eines Vorkaufsrechts innerhalb der Familie nicht frei gehandelt werden. So bleibt die Existenz des Familienunternehmens gesichert.

An Nachwuchs von Familienunternehmern mangelt es der Sippe wohl nicht. Derzeit sind vier Abkömmlinge der weit verzweigten Dynastie operativ tätig. Die Karriereleiter am höchsten nach oben geklettert ist Vetter Luc Villeroy, der als Bochs Stellvertreter seit Anfang des Jahres den Bereich Tischkultur (Geschirr, Kristall, Besteck, Accessoires) leitet. Die anderen Vettern sind als Art Director, Bereichsleiter und im Controlling angestellt.

Vorteile genießen Bewerber aus der Familie keineswegs. Im Gegenteil: "Für sie gelten strenge Auswahlkriterien", sagt von Boch. Vor Eintritt in das Unternehmen muss der Aspirant ein abgeschlossenes Studium und eine Karriere in einem familienfremden Unternehmen nachgewiesen haben. Die Qualifikation muss vor einem familienfremden Gremium nachgewiesen werden. Dies ist keineswegs ein Lippenbekenntnis; ein Clanmitglied musste seinen Traum von der Karriere im Unternehmen schon begraben. "Es ist nicht gut, wenn zu viele Hähne auf einem Misthaufen sind", sagt von Boch.

"Was uns treibt sind Innovationen"

Hiobsbotschaft für Stammbelegschaft

Die zuweilen erfrischend pointierte Wortwahl kann sich von Boch leisten, schließlich ist er unangefochtener Herrscher im Konzernreich. Seine Stellung hat er selbst gestärkt - mit der wohl wichtigsten Richtungsänderung in der Geschichte des Konzerns. Villeroy & Boch sollte nicht länger mehr nur ein langweiliger Fliesen- und Keramikhersteller sein, sondern sich in der Sprache der PR-Strategen zum Life-Style-Anbieter aufschwingen. Raus aus den Baumärkten, rein in die edlen Boutiquen. Der Erfolg gibt dem Mann, der in seiner Freizeit gerne Maserati fährt, Recht.

Einerseits wird der Markt mit immer mehr Billigprodukten überschwemmt. Auch V&B hätte schon mehrmals für Tchibo produzieren können, beantwortete die Schreiben aber negativ. Andererseits zeigt sich der Luxusbereich immerhin wertstabil. Und was, wenn nicht Luxusprodukte, sollte V&B herstellen? Schon vor Jahrhunderten belieferte der Markenartikler die Vermögenden und Wichtigen dieser Welt. War es 1899 der Zar, der einen Zugwaggon, in dem er Rindviecher aus Deutschland transportierte, mit blau-weißen Mosaik-Fliesen ausstaffierte, sind es heute ebenfalls Königshäuser aus aller Welt, der Papst sowie Millionäre und Milliardäre, die zur Stammklientel gehören.

Von Boch darf sich zudem rühmen, die Innovationskultur verstärkt zu haben ("was uns treibt, sind Innovationen"). Lohn der Arbeit war nicht irgendeine provinzielle Auszeichnung sondern der Innovationspreis der deutschen Wirtschaft. Auszeichnungswürdig waren das Design und die innovative Produktionstechnik der Kaffeetasse "New Wave".

Villeroy & Bochs kreative Leistung schlägt sich aber auch in nüchternen betriebswirtschaftlichen Zahlen nieder: Der Börsenkurs ist in den vergangenen zwölf Monaten um knapp 20 Prozent gestiegen.

Mehr als nur ein Fingerzeig für eine Wende zum Glücklichen?

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