Netzwerke Doping für die Karriere

Wer in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit auf ein engmaschiges Netzwerk exzellenter Kontakte zurückgreifen kann, ist im Vorteil. Beim Kontakte knüpfen gilt es allerdings, wichtige Regeln zu beachten.

Bremen/München - "Beziehungen schaden nur dem, der keine hat." Diese Redensart gilt auf dem überfüllten Arbeitsmarkt heute mehr denn je. Die Hälfte aller offenen Stellen wird nach Schätzung von Experten mittlerweile über Kontakte vergeben. Berufstätige sollten deshalb frühzeitig ein Netzwerk knüpfen. Das allerdings will gelernt sein.

"Netzwerken erlebt zur Zeit eine Renaissance", sagt Jürgen Hesse, der in Berlin ein Karriereberatungsunternehmen leitet. Schnellere Arbeitsplatzwechsel und mehr Projektarbeit führten dazu, dass sich Arbeitnehmer nach allen Seiten absichern wollen. Dabei sei Networking nichts Ungewöhnliches: "Schon seit Tausenden von Jahren sind Menschen aufeinander angewiesen und profitieren gegenseitig von den Stärken der anderen", erläutert Hesse.

"Networking ist ganz normale Beziehungsarbeit", sagt Petra Droste vom Career Center der Universität Bremen. Kontaktfreude und Freundlichkeit seien dabei unverzichtbar, betonen die Experten. Wer erfolgreich netzwerken will, sollte sich zunächst seine eigenen Stärken und Schwächen bewusst machen, empfiehlt Droste: "Im Gespräch kann ich mich dann besser als Persönlichkeit darstellen. Was motiviert mich? Wo engagiere ich mich?".

Studierende sollten jede Gelegenheit nutzen, um Kontakte zu knüpfen, rät Droste. Das kann an der Uni sein, im Fitnessstudio oder in einem formellen Netzwerk. Dabei dürfe aber nicht ständig das Karriereziel im Vordergrund stehen. "Ich muss zunächst einmal eine Vertrauensbasis aufbauen, bevor ich Hilfe abfragen kann." Persönliches Interesse an der anderen Person sei wichtig.

"Nicht die Größe eines Netzwerkes, sondern die Qualität der Beziehungen entscheidet", findet Christine Öttl aus München, die ein Buch zum Thema Networking geschrieben hat. "Netzwerken ist keine bloße Methode", warnt die Expertin. Synergien zu nutzen und Kooperationen zu bilden, sei aber sehr sinnvoll, sagt Monica Becht. Sie betreibt in Frankfurt am Main eine Karriereberatung. "Alleingänge sind nicht nur unzeitgemäß, sondern auch unproduktiv."

"Ohne Taktik und Formalitäten"

Ohne investieren kein Erfolg

Selbst Familienministerin Renate Schmidt empfiehlt Networking: "Während Männer selbstverständlich auf Kontakte aus Studienzeiten, von Arbeitskollegen oder Freunden zurückgreifen, tun sich Frauen damit immer noch schwer." Viele hätten den Ehrgeiz, es alleine schaffen zu wollen. Monika Becht hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Viele Leute scheuen sich, Netzwerke zu nutzen", sagt sie. Es sei ihnen unangenehm, andere um einen Gefallen zu bitten und anschließend in ihrer Schuld zu stehen.

Dabei bedeutet Networking nicht, vom anderen sofort die perfekte Lösung des Problems zu erhalten. Christine Öttl empfiehlt, Anfragen stets ohne Druck zu formulieren: "Ich weiß, Sie können mir nicht direkt weiterhelfen, aber vielleicht kennen Sie jemanden, der jemanden kennt." Vier Ohren hören immer mehr als zwei. Außerdem sollte sich jeder bewusst machen, wie er auf eine solche Anfrage reagieren würde. Dass der Gefragte auch "Nein" sagen darf, sollte immer eine Option sein.

Häufig nutzen Menschen ihre Kontakte nicht, weil sie sich davon wenig versprechen. Dabei kegelt vielleicht gerade die eigene Mutter mit einer Bekannten, deren Schwager an einer entscheidenden Position sitzt. Kreativ sein und ungewöhnliche Wege gehen, nennt Monika Becht als Voraussetzungen für gutes Networking. Denn in den meisten Fällen läuft auch der Kontakt zu den "very important persons" über andere "Drähte".

"Hinter den Kontakten meiner Kontakte verbirgt sich oft ein großes Potenzial", sagt Lars Hinrichs, der in Hamburg ein Netzwerk-Portal im Internet gegründet hat (www.openbc.com). Es bietet laut Hinrichs die Möglichkeit, relevante Personen schneller aufzuspüren und die eigenen Kontakte besser zu überblicken.

Besonders in der Anonymität der Onlinewelt sei es aber wichtig, nicht nur Informationen abzufordern. Die Nutzer müssten auch selber investieren, sagt Hinrichs. "Networking funktioniert wie bei der Bank: Ich kann nicht permanent mein Konto überziehen und auf Kredit leben", erläutert Karriereberater Jürgen Hesse. Andere Menschen merkten schnell, wenn jemand nur auf den eigenen Vorteil bedacht sei, warnt Netzwerk-Expertin Christine Öttl. "Das lässt an Integrität und Kompetenz zweifeln."

Wer Versprechen nicht einhält, sei ebenfalls ein schlechter Netzwerker, so Öttl. Dabei muss der Einzelne sich nicht immer mit konkreten Leistungen revanchieren. Oft reiche es, Menschen im eigenen Umfeld miteinander bekannt zu machen, sagt Lars Hinrichs. Kontakte sollten außerdem nicht nur geknüpft, sondern auch gepflegt werden.

"Telefonbelästigung ist nicht angebracht", warnt Petra Droste. Ab und an mit einer netten E-Mail "Hallo" sagen, findet Christine Öttl aber völlig in Ordnung. Bei aller Strategie sollte Networking eines nie sein: lästig und anstrengend. "Die besten Netzwerke funktionieren einfach so", sagt Christine Öttl, "ohne Taktik und Formalitäten."

Nicole Jankowski, dpa

Mehr lesen über