China Wie Herr Büchner die Chinesen das Autofahren lehrt

Auf Chinas Straßen herrscht das Recht des Stärkeren. Zehntausende werden jährlich im Verkehr getötet. Die Regierung ist alarmiert, zu den olympischen Spielen 2008 soll Peking schließlich gefahrlos sein. Ein deutscher Familienbetrieb soll jetzt für Verkehrssicherheit sorgen.

Peking - Max-Georg Büchner ist in Feierlaune. "Heute zahle ich", sagt der Jung-Unternehmer in der Lobby des Pekinger Luxushotels Kempinski. Wenige Stunden zuvor hat der 34-Jährige den größten Deal seines Lebens unterschrieben: Als erste ausländische Firma darf sein Unternehmen die Fahrschulausbildung in China übernehmen.

Das klingt nach einer Lizenz zum Gelddrucken. Millionen Chinesen steigen vom Fahrrad aufs Auto um und müssen das Autofahren erst lernen. Pro Jahr, erzählt der Betriebswirt, machen drei Millionen Chinesen ihren Führerschein - Tendenz steigend. Seine Augen glänzen. Im saturierten Heimatmarkt Deutschland ist es bloß eine Million. Die Zahl der Fahrschullehrer ist in China mit 60.000 bis 80.000 schon jetzt deutlich höher als in Deutschland, wo es 14.000 Fahrschulen gibt.

Büchners Firma Degener Lehrmittel ist in deutschen Fahrschulen ein Begriff. Der 70 Jahre alte Familienbetrieb ist Marktführer für Theorie-Übungsbögen, interaktive Lern-Software und Fahrlehrerschulung. Hunderte von Fahrschulen nutzen Degeners "virtuelle Magnettafel", um Verkehrssituationen am PC darzustellen. Dennoch erscheint der Griff eines Mittelständlers aus Hannover nach dem größten Markt der Welt als gewagt. "Es ist ein großes Risiko", räumt auch Büchner ein.

Mammutbehörde als Geschäftspartner

Sein chinesischer Joint-Venture-Partner ist das Institut für Autobahnforschung, eine hundertprozentige Tochter des Verkehrsministeriums. Das Institut ist eine Mammutbehörde, die für Straßenbau, Führerscheinprüfungen und den TÜV zuständig ist. Büchner weiß, worauf er sich einlässt. "Wir sind nicht die hundertste Spielzeugfabrik, die in China aufmacht", sagt er. "Wir stoßen in ein Hoheitsgebiet vor".

Bevor er seine Übungsbögen und Software verkaufen kann, müssen erst die Verkehrsregeln klar sein. In den nächsten drei bis fünf Jahren, schätzt Büchner, wird er daher als eine Art Berater des Verkehrsministeriums fungieren und zusammen die Grundlagen für Fahrschulung und Führerscheinprüfung erarbeiten. Erst danach kann er seine Produkte weiterentwickeln und vertreiben. "Wir setzen uns nicht an den gedeckten Tisch", erklärt er. "Wir müssen den Tisch erst aufbauen".

Die Verkehrssicherheit ist ein dringendes Anliegen der chinesischen Regierung. Mit der zunehmenden Motorisierung häufen sich die tödlichen Unfälle. Allein in den ersten zehn Monaten des Jahres starben 87.000 Menschen - das waren 1600 mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es 21 Millionen Autos mehr, die Zahl der Verkehrstoten ist mit 6600 pro Jahr aber deutlich geringer.

Lehren gegen das Recht des Stärkeren

Lehren gegen das Recht des Stärkeren

Auf Chinas Straßen herrscht das Recht des Stärkeren. Rechtsabbieger etwa nehmen keine Rücksicht auf Fußgänger. Mangelndes Bewusstsein für Verkehrsregeln und fehlende Kontrolle führen zu halsbrecherischen Manövern. U-Turns auf vierspurigen Straßen und Bei-Rot-über-die-Ampel-Fahren seien an der Regel, berichten Deutsche, die in Peking wohnen.

Vor den Olympischen Spielen, die 2008 in Peking stattfinden, will das Verkehrsministerium eine spürbare Verbesserung des Fahrverhaltens erreichen. Dafür sollen zunächst Berufsfahrer besonders geschult werden, darunter die 120.000 Taxifahrer der Hauptstadt. Das deutsche System der Fahrschulung gilt in Peking als vorbildlich, deshalb fiel die Wahl auf die Firma aus Hannover.

Zustande gekommen ist der Kontakt auf der letzten Reise des Bundeskanzlers nach China im Dezember 2003. Büchner war damals auf Betreiben des deutschen Verkehrsministeriums eingeladen worden. Dieses Mal ist er bereits da, um den Vertrag zu unterzeichnen. Im Kanzleramt wird er als Beispiel für die gelungene Mittelstandsförderung der Bundesregierung gerühmt.

Großes Geschäft, hohes Risiko

Doch die Risiken sind teilweise nicht einmal abzuschätzen. Da ist zum einen der langwierige und undurchsichtige Prozess der chinesischen Gesetzgebung. Ebenso groß ist die Gefahr des Ideenklaus, zumal es sich auch um leicht kopierbare Software handelt. Zahlreiche Joint Ventures von deutschen Unternehmen in China sind gescheitert, weil der chinesische Partner Baupläne abgekupfert, Gelder abgezweigt oder nebenbei eine Konkurrenzfirma aufgebaut hat.

Noch-BDI-Chef Michael Rogowski etwa kann von Gemeinschaftsunternehmungen insbesondere mit staatlichen Stellen nur abraten. Seine Voith AG musste vor fünf Jahren eine Fabrik aufgeben, weil der Partner, eine Kommune, Gelder umgeleitet hatte. "Wir sind praktisch enteignet worden", sagt er. "Vier Millionen Euro einfach futsch".

Solche Szenarien seien nicht auszuschließen, sagt Büchner. Doch er hält es mit einem anderen China-Fan, Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Demnach ist es ein großes Risiko, nach China zu gehen, aber ein noch größeres, nicht zu gehen.

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