Konjunktur Wer spart, gewinnt keine Heimspiele

Geringere Löhne und längere Arbeitszeiten helfen Deutschland nicht, sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Woran es wirklich fehlt, erklärt er in einem Buch.

Würzburg - Das Bild soll Optimismus verbreiten: Der Daumen der in Schwarz- Rot-Gold getauchten Hand zeigt nach oben. "Wir sind besser als wir glauben - Wohlstand für alle" heißt das neue Buch des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger. Der 50-jährige Würzburger Wirtschaftsprofessor, seit März Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung, kritisiert darin eine falsche Therapie für den "Patienten Deutschland": "Wir haben sozusagen einen Patienten, der an zu niedrigem Blutdruck leidet, und wir behandeln ihn noch mit blutdrucksenkenden Mitteln", sagt Bofinger.

Deutschland lebe nicht über, sondern deutlich unter seinen Verhältnissen, kritisiert der Wirtschaftsexperte und erhebt damit die Stimme zugunsten der zuletzt deutlich ins Hintertreffen geratenen nachfrageorientierten Politik.

Die deutsche Volkswirtschaft gebe seit 2002 deutlich weniger aus als sie einnehme, analysiert Bofinger. Der Überschuss in der Leistungsbilanz bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) liege bei rund 4,5 Prozent. Ein klares Indiz für Unterdruck, meint Bofinger. "Es gibt daher keinen Anlass, unsere Probleme generell durch ein allgemeines Sich-Beschränken und Sparen lösen zu wollen." Viele europäische Länder seien in den letzten Jahren mit höheren Staatsquoten wirtschaftlich sehr erfolgreich gewesen. Ein Abbau des Sozialstaates sei weder hinreichende noch notwendige Bedingung für mehr Wachstum und Beschäftigung, folgert der 50-Jährige.

Nicht die Außenwirtschaft, sondern die Binnennachfrage sei das große Sorgenkind, sagt der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaft, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Würzburg. "Wenn wir die Auswärtsspiele gewinnen, wieso gewinnen wir die Heimspiele nicht?", fragt Bofinger und hat auch die Antwort parat: Zu sehr habe sich die Politik in den vergangenen Jahren am Export orientiert, zu sehr wurde dagegen die Binnennachfrage vernachlässigt. Damit auch die private Nachfrage in Schwung komme, dürften die Löhne nicht stagnieren oder gar gesenkt werden, meint er. "Auch die Verlängerung der Wochenarbeitszeit ist nur eine andere Form der Lohnsenkung."

Ende der "Jammerdepression"

Ende der "Jammerdepression"

Die Lohnerhöhung müsse stattdessen an den Produktivitätsfortschritt angepasst werden, betont Bofinger, der in seinem Buch quasi einen Gegenentwurf zu den Vorschlägen von Ifo- Präsident Hans-Werner Sinn, den er hart kritisiert, zeichnet.

Konkret könne man sich bei der Lohnerhöhung an den Stabilitätskriterien und Leitlinien der Europäischen Zentralbank orientieren und einen Wert von zwei bis drei Prozent als Grundlage nehmen, schlägt Bofinger vor. "Man muss dem Arbeitnehmer die Möglichkeit geben, die Nachfrage zu entfalten. Er muss in die Lage versetzt werden, das steigende Angebot der Güter und Dienstleistungen auch zu konsumieren", sagt der Wirtschaftsweise und hat dabei nicht zuletzt das Erfolgsrezept von Ludwig Erhard, dem Vater der sozialen Marktwirtschaft, im Hinterkopf.

Dennoch hält Bofinger einige strukturelle Veränderungen für notwendig. Deutschland habe im europaweiten Vergleich die höchste Sozialabgabequote und die niedrigste Steuerquote. "Wenn etwas nicht stimmt, dann das." Es sei unerlässlich, die sozialen Sicherungssysteme mehr nach Leistung und Gegenleistung zu organisieren. "Wir müssen aus den sozialen Sicherungssystemen soziale Versicherungssysteme machen. Die Umverteilung gehört ins Steuersystem", unterstreicht Bofinger.

Letztlich spiele auch die Verunsicherung in der Gesellschaft eine große Rolle. Das jüngste Gutachten des Sachverständigenrates bescheinigt der deutschen Wirtschaft aber grundsätzlich eine gute Wettbewerbsfähigkeit. Im Sog einer deutschen "Jammerdepression" zeichneten viele ein allzu düsteres Bild, das oft nicht mit den Fakten übereinstimme. "Deutschland braucht eine bessere Selbsteinschätzung", schreibt Bofinger in seinem letzten Kapitel. "Wirtschaft besteht nun einmal zu 50 Prozent aus Psychologie."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.